Ärzte Zeitung, 27.06.2016

Berlin / Brandenburg

Schmerzpatienten gut versorgt?

Nirgendwo in Deutschland wird so oft chronischer Schmerz diagnostiziert wie in Berlin und Brandenburg. Die Versorgungssituation scheint - zumindest mit Blick auf andere Länder - gut.

Von Angela Mißlbeck

BERLIN. Hausärzte, Orthopäden und andere Primärärzte sollten bei Patienten mit schweren und anhaltenden Schmerzen eine Überweisung zum Schmerztherapeuten in Betracht ziehen.

Das rät der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft Professor Michael Schäfer von der Berliner Uniklinik Charité.

Die Deutsche Schmerzgesellschaft arbeitet an einem abgestuften Versorgungskonzept für Patienten mit anhaltenden Schmerzen. Es soll vom Primärarzt mit Fachkunde Schmerz bis zur Spezialklinik für multimodale Schmerztherapie reichen.

"Nicht jeder Patient braucht die Maximalversorgung", sagte Schäfer in Berlin. Zugleich werden ihm zufolge auch mehr Schmerztherapeuten gebraucht.

Im ambulanten Bereich ist die Zahl der Ärzte, die an der Qualitätssicherungsvereinbarung Schmerztherapie teilnehmen, nach seinen Angaben von unter 1000 im Jahr 2006 auf 1141 im Jahr 2014 gestiegen.

"Wünschenswert wäre, dass man den Patienten noch deutlich mehr anbieten kann", so Schäfer. Schmerzpatienten wüssten oft nicht, wohin sie sich wenden könnten.

Mehr Schmerztherapeuten als üblich

Vergleichsweise gut stellt sich die Versorgungssituation in Berlin und Brandenburg dar. Nach Angaben der Landesvertretung Berlin/Brandenburg der Barmer GEK ist die Hauptstadtregion besser versorgt als die übrigen Teile Deutschlands. 2014 gab es in Berlin 1,9 Schmerztherapeuten für 100 000 Einwohner, in Brandenburg sogar 2,6, im Bundesdurchschnitt jedoch nur 1,4. Das zeigt der aktuelle Arztreport der Krankenkasse.

Von 100.000 Einwohnern sind in Berlin 1319 und in Brandenburg 1278 als chronische Schmerzpatienten behandelt worden. Bundesweit waren es nur 809. Eine multimodale Schmerztherapie im Krankenhaus haben in Brandenburg 109,2 von 100.000 Einwohnern erhalten, in Berlin nur 43,1 und im Bundesdurchschnitt 74,9.

Dass Berlin hier unter dem Bundesdurchschnitt liegt, hängt nach Angaben der Regionalchefin der Kasse Gabriela Leyh auch damit zusammen, dass Berliner sich in den traditionsreichen Schmerzkliniken in Brandenburg versorgen lassen.

Die vergleichsweise guten Versorgungsstrukturen in der Hauptstadtregion macht Leyh auch dafür verantwortlich, dass nirgends in Deutschland so oft chronischer Schmerz diagnostiziert wird wie in Berlin und Brandenburg.

Im Jahr 2014 stellten Ärzte bei 5,7 Prozent der Berliner und bei 5,8 Prozent der Brandenburger die Diagnose. Das sind fast eineinhalb mal so viele chronische Schmerz-Diagnosen wie im Bundesdurchschnitt (4 Prozent).

Vor allem ältere Menschen betroffen

"Im Großen und Ganzen gehen wir davon aus, dass die vorhandene Versorgung in Berlin und Brandenburg dazu führt, dass mehr chronische Schmerzen erkannt werden", sagte Leyh. Deutschlandweit wird die Diagnose im Osten aktuell häufiger gestellt als im Westen.

"Da vor allem ältere Menschen an chronischen Schmerzen leiden, kommen angesichts des demografischen Wandels große Herausforderungen auf uns zu", so Leyh weiter.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »