Ärzte Zeitung, 03.06.2008

Neue Qualitätszuschläge zum 1. Juli auf der Kippe

KBV sieht Fehlanreize / Vorschlag an Kassen, auf Aufschläge vorerst zu verzichten

NEU-ISENBURG (juk). Neue Qualitätszuschläge wird es ab 1. Juli wohl nicht im EBM geben. Die KBV jedenfalls setzt sich dafür ein, auf weitere Zuschläge vorerst zu verzichten.

Auch für Sonografie sollte es einen Quali-Zuschlag geben.

Foto: Klaro

Grund dafür ist die Erfahrung mit dem bisher einzigen Qualitätszuschlag - dem für Psychosomatik. Inzwischen zeige sich, so die KBV, dass spezialisierte Praxen durch den Zuschlag "bestraft werden".

Hausärzte können den Bonus (Nr. 03235) von 20 Punkten zwar bei jedem Patienten berechnen - unabhängig davon, ob bei ihm eine Psychosomatik-Leistung erbracht wird. Dafür dürfen aber die höher bewerteten Psychosomatik-Ziffern 35100 und 35110 (jeweils 430 Punkte) nicht mehr angesetzt werden. So rechnet sich der Zuschlag nur für Ärzte, die wenig Psychosomatik-Patienten haben.

Um ähnliche Schlechterstellungen von spezialisierten Praxen durch neue Qualitätszuschläge zu verhindern, hat die KBV den Krankenkassen vorgeschlagen, erst einmal auf die Einführung neuer Aufschläge zu verzichten. Dazu kommt, so KBV-Sprecher Dr. Roland Stahl, "dass die Kassen Mindestmengen für die Zuschläge wollen. Und die würden so hoch ausfallen, dass viele Praxen rausfallen würden."

Lieber setzt sich die KBV für spätere Qualitätszuschläge für "besondere Behandlungsfälle" ein. "Bei der Sonografie könnte es etwa einen Zuschlag nur bei bestimmten Krankheitsbildern geben", erklärt Stahl. In Bezug auf den bestehenden Psychosomatik-Bonus verhandelt die KBV um eine höhere Bewertung. Ab 1. Juli sollte es Qualitätszuschläge etwa für Sonografie, prokto- und rektoskopische Diagnostik sowie Langzeit-EKG geben.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Eine Quadratur des Kreises

[19.06.2008, 14:35:23]
Angelika Franz 
Ein Schlag ins Gesicht psychsomatisch arbeitender Hausärzte
Die Ersetzung der Ziffern 35100 und 35110 durch den lächerlichen Qualitätszuschlag (entsprechend 45 Sekunden Gespräch pro Patient und Quartal) ist ein Schlag ins Gesicht psychsomatisch arbeitender Hausärzte. Hier auf dem Land haben Fachärzte im allgemeinen 2-3 Monate Wartezeit. Wenn nicht die Hausärzte mit der Zusatzqualifikation Psychosomatische Grundversorgung die notwendigen verbalen Interventionen vornehmen, macht das vermutlich niemand mehr im niedrigschwelligen Sektor. Denn Psychotherapeuten haben hier in der Gegend eine Wartezeit von ca. 1 1/2 Jahren.

Was bleibt einem übrig, als die notwendigen Gespräche selbst zu führen, quasi in der unzahlten "Freizeit"?

Was das Schlimmste dabei ist: diese Farce haben unsere Hausärztlichen Kollegen sich ausgedacht und durchgesetzt. Die großen, umsatzstarken Praxen nehmen den "Qualitätszuschlag" gerne en passant mit, ohne eine Leistung dafür zu erbringen. Den Ärzten mit betreuungsintensiven Kleinpraxen wie mir bleibt nur das Gefühl ohnmächtiger Wut mit der Gewißheit, von den eigenen Kollegen ausgebeutet zu werden und verraten worden zu sein.

Die chiropraktisch tätigen Kollegen wehren sich zu Recht gegen diese Pauschal-Ausbeutung. Eine Frage bleibt aber noch: wann wird diese Unsäglichkeit für die psychsomatisch arbeitender Hausärzte wieder abgeschafft? Haben wir überhaupt eine Lobby? Oder taugen wir nur als Fußabtreter der sich anbahnenden Großpraxen-Konzerne? Es kann sein, daß die Kollegen vom Hausärzteverband einmal aufwachen werden und sich die Augen reiben, wenn sie verstehen, wer von dieser Pauschaliererei am meisten profitiert. Doch dann wird es vielleicht zu spät sein ... zum Beitrag »

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