Ärzte Zeitung, 25.02.2010

Die heile Welt der Ärzte in Österreich?

Da staunt der Laie, und auch der Fachmann wundert sich: Patienten, die im Winterurlaub in Österreich einen Unfall haben, müssen die Arztkosten in der Regel vorstrecken. Bei der Rechnung gibt es dann ein echtes Aha-Erlebnis.

Von Peter Schlüter und Hauke Gerlof

zur Großdarstellung klicken

Noch ist der Skifahrer gut auf den Beinen. Bricht er sich aber einmal in Österreich auf der Piste oder beim Après-Ski die Knochen, verdienen die Ärzte vor Ort nicht schlecht mit der Behandlung. © Christophe Schmid / fotolia.com

Wir haben in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt - allerdings mit Dumpingpreisen und staatlicher Preisgestaltung. Das wird dem Arzt als Leistungserbringer immer wieder dann vor Augen geführt, wenn er einen konkreten Vergleich anstellen kann - wie in diesem hier beschriebenen Fall.

Beim Schneeurlaub in Österreich zieht sich ein schon etwas älterer Patient ein Supinationstrauma im Sprunggelenk zu und muss dort am Sonntag zum Arzt. Per Krankentransportwagen wird er dorthin gebracht und darf sich schon wundern: Es geht zum Arzt für Allgemeinmedizin.

Die Arztrechnung gibt Anlass zum Vergleich

In der Praxis folgt das übliche Prozedere der Erstversorgung: Röntgendiagnostik, Feststellung einer nicht dislozierten bimalleolären Sprunggelenkfraktur. Diese wird achsengerecht mit einem gespaltenen Unterschenkelgipsverband versorgt. Volumensubstitution zur Schockprophylaxe und Gabe von niedermolekularem Heparin zur Thromboseprophylaxe. So weit alles nach medizinischem Standard vom Arzt für Allgemeinmedizin geregelt. Die Rechnung für diese Behandlung in Höhe von fast 740 Euro gibt jedoch Anlass zum Vergleich, nicht nur wegen des Honorars für diese Behandlung, sondern in Bezug auf das Gesundheitswesen als solches.

Unser Deutsches Gesundheitswesen ist geprägt von preußischem Ordnungswahn, Verwaltungsregelungen und von Regelungen zum Qualitätsmanagement, es ist evidenzbasiert, kontrolliert und staatlich reguliert. In dieser Landschaft medizinischer Versorgung werden Sie selbst als umfassend fort- und weitergebildeter Arzt für Allgemeinmedizin wohl kaum noch eine Genehmigung zur Röntgendiagnostik bekommen.

Der Allgemeinarzt als Sozialarbeiter der GKV?

Auch wenn Sie die gesamte Erstversorgung des Patienten übernehmen, sind Sie kaum mehr als der Sozialarbeiter der GKV: Untersuchung, Beratung, Injektion, Infusion, stabilisierender Verband - alles in der Pauschale inklusive. Für Ihren Wochenendeinsatz bekommen Sie in der GKV gerade mal 19,45 Euro, für die Behandlung eines Privatpatienten nach GOÄ 12,82 Euro. Kollegen in Österreich dürfen für den Wochenendeinsatz 70,80 Euro verlangen.

Die Röntgendiagnostik erledigen die Ärzte in Österreich sicherlich so zuverlässig wie in Deutschland. Hier nur eben unter Beachtung der Strahlenschutzbestimmungen, der Raumanforderungen, der Röntgengeräteverordnung, der Qualitätssicherung, einer Bildkontrolle durch die KV etc. Das Ganze ist dann trotz aller staatlichen Vorgaben billiger als im Nachbarland. Und das gilt nicht nur im EBM, sondern selbst in der GOÄ, also bei Privatpatienten. Hier besteht immerhin noch die Möglichkeit, den Gebührenrahmen nach Paragraf 5 GOÄ zu nutzen und den Faktor 3,5 anzuwenden. Doch wie Sie sich auch drehen und wenden, ohne in den Augen der Juristen als Betrüger auffallen zu wollen, Sie kommen nicht im Entferntesten an die Hälfte des Honorars, was Ärzte in Österreich für die Leistung berechnen können.

Und selbst die beim Orientierungswert von 3,5048 Cent über EBM zu erlösenden knapp 93 Euro sind Ihnen ja nur sicher, wenn Ihr Regelleistungsvolumen im laufenden Quartal nicht überschritten ist. Was bei einer EBM-Berechnung in Deutschland gar nicht erst auftaucht, sind die Sachkosten, die in der GOÄ über die Auslagen abgerechnet werden. Sie laufen über Sprechstundenbedarf. Überhaupt ist bei der ganzen Rechnerei zu beachten, dass es sich um ganz unterschiedliche Gebührenordnungen handelt. Die Vergleichbarkeit ist nicht bei jeder Leistung gegeben.

Doch eins ist sicher: Wenn Sie von einem Kassenpatienten wissen, dass er Urlaub im Ausland machen will: Eine Zusatzversicherung für Auslandsreisen ist auf jeden Fall zu empfehlen - sonst kann es teuer werden.

92 Euro oder 740 Euro - der Unterschied ist auf jeden Fall signifikant
Diagnose: Bimalleoläre Sprunggelenksfraktur re. (Patient ist 61 Jahre alt)
LeistungÖsterreichDeutschland: GOÄDeutschland: EBM
 GO-Nr.EuroGO-Nr.Euro F.: 2,3GO-Nr.Euro
WochenendzuschlagF0171,80D12,820110019,45
Rö-Aufnahme (18x24)R5C60,00503020,983423210,51
Rö-Aufnahme (18x24)R5C60,0050315,833423210,51
Rö-Aufnahme (18x24)R5C60,00--------
Versorgung einer Fraktur (US, SG)V3235,00233130,43319105,61
UnterschenkelspaltgipsUSG2179,0023148,260235010,51
Injektion s.c. (NMH)11SA18,902525,36----
Infusion i.v.13B40,00--------
Zuschlag Dauertropfinf.13D15,0027224,13----
Beratung----110,720311235,75
Untersuchung----721,45----
Sachkosten/ Auslagen**------60,94----
Summe 739,70 240,92 92,34
Transport 1 (ÖRK)*KT Zone 1
1-15 km
100,00    
Transport 2 (ÖRK)*KT Zone 3 51-100 km140,00    
* Transportkosten variieren in Dtld. nach Bundesländern
** Auslagen nach §10 GOÄ: NMH 12,80 Euro; Infusion: 10,31 Euro; Infusionslösung 5,31 Euro; Spaltgips: 32,52 Euro
Quelle: Dr. Dr. Peter SchlüterTabelle: Ärzte Zeitung
[10.03.2010, 10:04:08]
Rudolf Egeler 
Kosten in Österreich
Haben Sie mal nachgeforscht,was diese Behandlung
einen Österreicher bzw.dessen Krankenversicherung
gekostet hätte? Es ist doch hinlänglich bekannt,
dass die Mediziner(und Krankenhäuser) in AU die
Piefkes geradezu abkassieren,wie es schlimmer nur
noch in Spanien oder der Türkei gehandhabt wird!
Mir sind da schon Rechnungen von rückkehrenden
erkrankten Urlaubern vorgelegt worden,die alle-
samt den Tatbestand des Wuchers erfüllten! zum Beitrag »
[27.02.2010, 20:33:10]
Dr. Michael Schneider 
Schöne neue Deutsche RLV-Welt
Dem Kollegen Wahl kann ich mich als Chirurg nur anschließen. Ihre Rechnung ist falsch und hat nichts mit der desaströsen Erlössituation des niedergelassenen Facharztes in Deutschland zu tun. Wir könnten für diesen Patienten in Baden-Württemberg bei einmal röntgen einen Honoraranspruch von 56,24 Euro geltend machen, bei zweimal röntgen 66,75 Euro. Aber nur in der Theorie. In der Praxis liegt die RLV-Obergrenze bei 36 Euro im Quartal. Das gilt für unsere Praxis aber nur in den ersten 4 Wochen des Quartales, in den letzten 4 Wochen liegt die RLV-Grenze bei knapp 15 Euro für den all inclusive Service (take as much doctor as you can get!!!). Unser RLV ist dann auch logischerweise am Ende des Quartales um 50% überschritten! Wir stellen also fest: der gegängelte niedergelassene Chirurg in Deutschland behandelt den Patienten für 15 bis 36 Euro ein ganzes Quartal lang! Übrigens: Die AOK erstattet dem Patienten dann bei Vorlage seiner Rechnung aus Österreich immerhin noch 280 Euro! Mann - was sind wir doof!

Dr. Michael Schneider
Chirurgische Gemeinschaftspraxis
75031 Eppingen zum Beitrag »
[25.02.2010, 17:25:22]
Dietmar Wahl 
Österreich - Deutschland
Und selbst diese Darstellung des EBM ist nicht korrekt, bzw. an der Realität vorbei!

Geht der GKV-Wintersportler (altersunabhängig) in Deutschland am Sonntag zum Arzt, landet er normalerweise (mit grosser Wahrscheinlichkeit) beim eingeteilten, diensthabenden Notfalldienstarzt.
Und im Notfalldienst entfällt die 01100 (19,45) sowie die 03112 (35,75), dafür kommt die Notfalldienstziffern 01210 / 01211 (zusammen ca. 25,00) zum Ansatz.

Von den angegebenen 92,34 Euro darf der diensthabende Notfallar.. getrost nochmal 30,20 Euro abziehen.

Es blieben am Sonntag also 62 Euro für den Michel-Doc -- sofern er diese Verletzung überhaupt versorgen könnte oder würde.
Ob die Rö-Bilder im Notfalldienst tatsächlich in dieser Höhe vergütet würden, könnte vielleicht noch ein Chirurg oder Orthopäde noch sagen.

Dietmar Wahl, Allgemeinmediziner, Oberndorf am Neckar zum Beitrag »
[25.02.2010, 14:40:44]
Olaf Grenzer 
Vergleich Österreich-Deutschland
Unlängst hatte ich die Möglichkeit mit einem aus Deutschland eingewanderten Österreicher über die medizinische Versorgung zu sprechen. Ich glaube, so ganz kann man diese beiden Systeme nicht vergleichen. Die Bürokratie in Deutschland und auch die Verteilung der Honorare sind ja auch von der ärztlichen Selbstverwaltung mitgestaltet worden.
Warum man in einem EU-Land Cash bezahlen muss, verstehe ich nicht. Auch über die Preise kann man als Urlauber geteilter Meinung sein. Zur medizinischen Versorgung der Radiusfraktur meines Sohnes kann ich nur sagen: Ich habe mich anschließend bei der Österreichischen Ärztekammer über die Kollegen beschwert.
 zum Beitrag »
[25.02.2010, 12:02:05]
Dr. Rowe Elisabeth 
Behandlung und Bürokratie: Österreich-Deutschland
Geht ein Deutscher in Österreich zum Arzt, wir anstelle der GKV-Chipkarte die VISA-Karte verlangt. Umständliche Formulare und Anweisungen, wie mit sog. EU-Ausländern umzugehen ist, entfallen. Es wird ganz einfach in € bezahlt.
Erstaunlich, daß im Artikel eine Auslandskrankenversicherung empfohlen wird. Die Kassen behaupten doch immer, daß man im EU-Ausland nur seine Chipkarte vorzeigen muß, um behandelt zu werden. Offensichtlich reicht der Arm der deutschen Bürokratie nicht bis nach Österreich. Und das ist auch gut so. So bleibt wenigstens der Vergleich.
Dr. Elisabeth Rowe
Dermatologisches Zentrum Berlin
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Adiopositas-Op nötig, aber Kasse will nicht zahlen

Wenn der Antrag eines Adipositas-Patienten auf eine bariatrische Operation abgelehnt wird, bringt das Ärzte in eine schwierige Situation. Denn oft verschlechtert sich der Zustand des Betroffenen. mehr »

9 wichtige Forderungen, Analysen, Informationen

Fleißige Delegierte: In Freiburg wurde wieder eine große Palette an Themen abgearbeitet. mehr »

Versorgungswerke sitzen auf 184 Milliarden Euro

Auf die Frage nach der Leistungsfähigkeit der Versorgungswerke tut sich die Bundesregierung mit dem Blick in die Glaskugel schwer. Die Anzahl der Rentenempfänger werde wohl weiter deutlich zunehmen. mehr »