Ärzte Zeitung, 28.10.2012

Privatpraxis

Die gute Alternative

Vor zehn Jahren hat die Allgemeinärztin Dr. Birgit Hickey ihre Kassenzulassung zurückgegeben und ausschließlich auf privatärztlicher Basis weitergearbeitet. Der Kassenmedizin hat sie bisher keinen Augenblick nachgetrauert.

Von Birgit Hickey

"Privatpraxis - für mich eine gute Alternative"

Erfüllung findet Dr. Birgit Hickey in ihrer Privatpraxis.

© privat

MÜNSTER/BONN. Nach 20-jähriger Praxiserfahrung, davon zehn Jahre mit einer Privatpraxis, kann ich sagen, dass ich sehr zufrieden bin mit meiner Entscheidung, die Kassenpraxis abgegeben zu haben.

Ich habe diesen Schritt keinen Tag bereut. Durch meine Privatpraxis kann ich über meine gesamte Zeit viel freier verfügen und mich mit mehr Zeit und Ruhe meinen Patienten widmen.

In meiner reinen Bestellpraxis ist der Ablauf gut kalkulierbar, sodass für die Patienten beispielsweise so gut wie keine Wartezeiten entstehen.

Ich brauche keine Massenmedizin mehr zu veranstalten und bin dem "Hamsterrad" entkommen. So kann ich meine ärztliche Tätigkeit für beide Seiten zufriedenstellend und befriedigend ausüben.

Keiner KV bin ich mehr verpflichtet, und es bleibt mir erspart, mich mit immer mehr kassenmedizinisch verursachter Bürokratie auseinander setzen zu müssen.

Ich muss weder "regelmäßige, feste Sprechstundenzeiten" anbieten, noch mich in neue KV-Abrechnungsformen mehr einarbeiten. Die Privatabrechnungen - delegiert an die PVS - sind überschaubar, leicht und einfach abzuwickeln, und auf Wunsch gibt es auch dort Abschlagszahlungen.

Praxiszeit kann völlig frei eingeteilt werden

Bei Praxisabwesenheitszeiten brauche ich auch keinen Vertreter mehr zu stellen und zu bezahlen. Ich teile mir meine Praxiszeiten frei ein und biete auch ungewöhnliche Sprechzeiten wie abends bis 22 Uhr an.

Darüber hinaus ist auch die kurzfristige Änderung meiner Praxispräsenz problemlos möglich. Ich habe keine Angestellten mehr und dadurch keine Personalkosten. Außerdem komme ich mit kleineren Praxisräumlichkeiten aus, was meine Ausgaben nochmals deutlich reduziert.

4. Bundeskongress für Privatmedizin

"Privatmedizin nach 2013 - Fusion mit der GKV oder Bewahrung der Eigenständigkeit?" Das ist das Motto des 4. Bundeskongresses für Privatmedizin am 24. November im Hörsaalgebäude der Universität Köln. Veranstalter ist das Beratungsunternehmen Frielingsdorf Consult.

Einer der Schwerpunkte des Kongresses sind Erfahrungsberichte von Ärzten wie Dr. Birgit Hickey, die der Kassenmedizin den Rücken gekehrt haben. Heftige Diskussionen sind zum Thema "Ein einheitlicher Krankenversicherungsmarkt - das Ende der PKV?" zu erwarten.

Auch in Workshops, Vorträgen und Erfahrungsberichten werden Fragen zur Zukunft der PKV nach der Bundestagswahl 2013 erörtert. Welche Position beziehen die Parteien? Was passiert mit der Novellierung der GOÄ? Prämiert wird auch in diesem Jahr wieder "Die innovative Arztpraxis". Initiatoren des Wettbewerbs sind UCB und Springer Medizin, zu der auch die "Ärzte Zeitung" gehört.

Ich arbeite in einem therapeutischen Netzwerk (Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten etc.). Meine Kollegen empfinden mich dort nicht (mehr) als Konkurrenz, sondern nehmen mich durch meine klare Abgrenzung in meinem Angebot als Bereicherung und Ergänzung wahr.

Die beiden Praxen (20 Jahre in Bonn, fast vier Jahre in Münster) lassen sich sehr gut nebeneinander betreiben.

Die Befürchtung, dass ich als "Privatärztin" nicht mehr dazugehöre, mitreden kann oder für voll genommen werde, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil, viele Kollegen, die von der Abgabe meines Kassensitzes hören, würden es am liebsten selbst tun.

Durch all diese Vorteile habe ich wirklich das Gefühl, dass ich mein Dasein als Ärztin genauso lebe, wie ich es möchte. Ich praktiziere mit der Systemischen Medizin und -Familientherapie in einem Bereich, der von nur wenigen Ärzten angeboten wird - mein Alleinstellungsmerkmal.

Dieser Ansatz ermöglicht bei den Patienten oftmals nicht nur symptomatische und kurzfristige, sondern auch kausale und langfristige Lösungen und positive Veränderungen.

Finanzielle "Sicherheit" und auch thematische Abwechslung erhalte ich durch mein zweites Standbein, die Kommunikationstrainings für Praxis- und Klinikteams. Diese führe ich seit mittlerweile 19 Jahren parallel zu meiner Praxistätigkeit durch.

An diesem Betätigungsfeld schätze ich besonders, dass ich das langjährige Wissen und die Erfahrung aus vielen Seminaren und meiner eigenen Praxis in Bezug auf die Kommunikation und deren Verbesserung zwischen Arzt/Mitarbeiter und Patienten teilen und weitergeben kann.

Seitdem ich meine Privatpraxis betreibe, habe ich auch deutlich mehr Lebensqualität und lebe gesünder, da sich viel mehr Freiräume für Entspannung und private Aktivitäten ergeben.

Auch bleibt mir mehr Zeit für die Konzeption meiner Seminare, meine Praxislektüre und die Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen. Kurz gesagt: Ich arbeite nicht mehr am Rande des Burn-outs!

Obwohl ich nur privatärztlich niedergelassen bin, bin ich juristisch verpflichtet, am kassenärztlichen Notdienst teilzunehmen. Diese Dienste habe ich seit Jahren an eine Kollegin abgegeben, die sich freut, sie übernehmen zu dürfen.

Zwar ist die Regelmäßigkeit der KV-Überweisungen heute in meiner Praxis nicht mehr gegeben, aber die Privateinnahmen sind ebenfalls gut kalkulierbar. Insgesamt ist der Praxisumsatz bei geringerer Patientenzahl gleich geblieben. Dadurch habe ich mehr Freiheit und Freude im Beruf gewonnen.

Es waren auch Durststrecken zu überstehen

Es gab während meiner privatärztlichen Tätigkeit - vor allem zu Beginn - auch "Durststrecken". Diese waren aber die Mühe wert.

Natürlich habe ich mich am Anfang gefragt, ob es richtig ist, durch die Umstellung auf eine Privatpraxis den Kassenpatienten nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Letztlich bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass die Privatpraxis ja nicht nur mir, sondern vor allem den Patienten zugutekommt.

Mit der zusätzlichen Zeit kann ich mich intensiver mit den Anliegen und der Anamnese meiner Patienten beschäftigen und maßgeschneiderte, individuelle Vorgehensweisen und Lösungskonzepte zusammen mit ihnen erarbeiten.

Indem die Patienten das Geld für die Leistungen selbst bezahlen (und zwar direkt an den, der sie erbringt) und wissen, was sie dafür bekommen, können sie auch wieder mehr in ihre Verantwortung für den Heilungsprozess kommen.

Der Zeitaufwand für meinen zielorientierten und lösungsfokussierten Therapieansatz hält sich vergleichsweise in Grenzen (typischerweise drei bis fünf Sitzungen), sodass auch die Investitionen seitens des Patienten überschaubar bleiben.

Patienten können auch in Raten zahlen

Seitdem ich über die privatärztlichen Verrechnungsstellen die Möglichkeit habe, auch Ratenzahlungen in jeder gewünschten Form anzubieten, zieht das Argument "das ist mir zu teuer" nicht mehr.

Dieselben Patienten, die mit uns über den Preis diskutieren, haben kein Problem, dieselbe Summe bei anderen Anbietern von heilkundlichen Verfahren - zum Teil sogar im Voraus - zu bezahlen.

Und wenn tatsächlich das monatliche Budget sehr gering sein sollte, finden sich im Rahmen von "Mischkalkulationen" auch immer Wege zu Lösungen.

Fazit: Meiner Meinung nach gibt es für die Entscheidung Kassenpraxis oder Privatpraxis kein Patentrezept. Jeder muss in seinem persönlichen Kontext und nach seinen Möglichkeiten entscheiden, welchen Stellenwert Zeit, Freiheit/Freiraum und Geld für ihn haben.

Wichtig scheint mir - mit meiner jetzt 55-jährigen Lebens- und 20-jährigen Praxiserfahrung sowie vielen Gesprächen mit Älteren - dass man sehr genau weiß, was für einen selbst im Leben Vorrang hat.

Ich habe mich für meine "Lebenszeit", Freiheit und Erfüllung entschieden - um den Preis, nicht zu den Großverdienern zu gehören. Aber: Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Wunsch realisiert habe, mich in der Form den Patienten widmen zu können, wie es meinem ärztlichen Ethos entspricht.

Rückblickend ist es ja oft so, dass man nicht bereut, was man getan hat, sondern eher das, was man nicht getan hat. In diesem Sinne wünsche ich jedem, der sich mit dem Gedanken gegen oder für eine Privatpraxis trägt, eine glückliche Hand bei der Entscheidung.

Zur Person: Dr. med. Dipl.-Biologin Birgit Hickey betreibt in Münster und Bonn eine Privatpraxis für Allgemeinmedizin, systemische Medizin und -Familientherapie, systemische Kommunikation und -Mediation.

[29.10.2012, 10:36:35]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Menschlich verständlich, für die Versorgung katastrophal
Wer den Umgang von Gesundheitspolitikern gerade mit Hausärzten in den letzten Jahren verfolgt hat, kann die Kollegin gut verstehen. Man kann ihr also keinen Vorwurf machen - sie reagiert auf die Rahmenbedingungen.

In den nächsten 10 Jahren werden ca. 45% der Hausärzte in Rente gehen, für etwa 25% davon produzieren wir derzeit adäquaten ärztlichen Ersatz.
(Internisten lernen in ihrer Ausbildung leider nur etwa 30% der hausärztlichen Erkrankungen.)
Veras und Agnes usw. können bis zu 20% der hausärztlichen Betreuung übernehmen, sind aber gerade bei Multimorbidität schnell überfordert.

Wir brauchen in Zukunft jeden und jede in der hausärztlichen Versorgung, die sich dafür qualifiziert hat.

Psychotherapie können Psychologen auch;
Alternativmedizin können Heilpraktiker auch - für beides wird kein Medizinstudium benötigt.

Wir brauchen endlich eine Gesundheitspolitik, die den Wert einer hausärztlichen Grundversorgung schätzt - und auch die nötigen Rahmenbedingungen dafür schafft, dass Kolleginnen wie Frau Dr. Hickey nicht flüchten müssen!

(Übrigens - ich habe auch die Zusatzbezeichnungen Psychotherapie, Naturheilverfahren, Homöopathie und Chirotherapie. Das sind schöne Ergänzungen - aber die medizinische Basis-Versorgung der Patienten inclusive einem professionellen Schutz vor Überbehandlung sind für meine Patienten und mich wichtiger)
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »