Ärzte Zeitung App, 18.11.2014

Mobile Praxis

Der Renner oder doch nur Ärger?

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern sind sie beliebt, und auch in Deutschland können Ärzte mobile Praxen für den Einsatz auf dem Land erwerben. Einige wichtige Fragen sind hierzulande aber noch ungeklärt.

Von Matthias Wallenfels

 Der Renner oder doch nur Ärger?

Werbung mit Arztmodel: Der Anbieter Zeppelin Mobile Systeme suchte auf der Medica Interessenten für seine mobile Arztpraxis.

© ctillmann / Messe Düsseldorf

DÜSSELDORF. Der Landarztmangel in vielen Regionen Deutschlands ist ein Dauerthema auf der gesundheitspolitischen Agenda. Ein Lösungsansatz könnten mobile Arztpraxen darstellen, mit denen Haus- und Fachärzte zum Beispiel zu fest gesetzten Terminen zu ihren Patienten fahren und diesen beschwerliche Anfahrtswege ersparen könnten.

Auf der weltgrößten Medizinmesse Medica in Düsseldorf präsentierten die Anbieter Wietmarscher Ambulanz- und Sonderfahrzeug GmbH (WAS) sowie der Wettbewerber Zeppelin Mobile Systeme (ZMS) ihre Produktlösungen für interessierte niedergelassene Ärzte.

Erprobter Einsatz in der Ödnis

Wie das ZMS-Standteam auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung" erläuterte, seien mobile Arztpraxen bisher ausschließlich im Ausland nachgefragt worden - zum Beispiel in Papua-Neuguinea oder in Ländern Südamerikas. Dort sei zum Teil in öden Landstrichen keinerlei Infrastruktur vorhanden, die das - wirtschaftliche - Betreiben einer stationären Arztpraxis erlauben würden.

Wie beim Mitbewerber WAS auch, seien der individuellen Ausgestaltung der mobilen Arztpraxis je nach Facharztgruppe nur wenige Grenzen gesetzt. Denn alle medizin(technischen) Ein- und Anbauten seien speziell für den mobilen Einsatz an ständig wechselnden Orten konzipiert.

Die Anbieter unterscheidet unter anderem das Mobilitätskonzept. Setzt Anbieter WAS zum Beispiel auf einen Aufbau auf einen Kleintransporter, der sich, wie ein Unternehmensvertreter im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläuterte, auf eine mittlere, fünfstellige Summe belaufe, präferiert ZMS die mobile Arztpraxis als Anhängerlösung.

Ob den Anbietern rollender Arztpraxen ein Markterfolg in Deutschland beschieden sein wird, ist indes keineswegs nur eine simple Frage von Angebot und Nachfrage.

Denn - und das zeigen Pilotprojekte in verschiedenen unterversorgten Regionen Deutschlands - in der Versorgungspraxis könnte das Ansinnen, aktiv mobil die Herausforderungen des Landarztmangels anzugehen, mit den Themenkomplexen Vergütung und Standesdenken an zwei wichtigen Stellschrauben scheitern.

Was ist mit der Abrechnung?

Zum einen stellt sich für Ärzte, die ihren Patienten den mobilen Service bieten wollen, die spannende Frage der Abrechnung der erbrachten Leistung - eine im Verkaufsgespräch am ZMS-Stand häufig thematisierte Problematik.

Denn ohne die Einwilligung der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) können Ärzte gar keine Leistungen auf EBM-Basis abrechnen. Hintergrund ist, dass die rollende Arztpraxis aufgrund ihres mobilen Charakters keine Zweigpraxis mit einer festen Adresse darstellt.

Neu ist die Fragestellung der Abrechnung mobil erbrachter Arztleistungen indes weder für die KVen noch für die gesetzlichen Krankenkassen oder die Vertreter der Gesundheitspolitik.

So verfolgte zum Beispiel der damalige Gesundheitsminister Schleswig-Holsteins Dr. Heiner Garg (FDP) vor knapp drei Jahren nach vorangegangenen langwierigen Diskussionen im Norden das Ansinnen, die Bevölkerung in unterversorgten Landstrichen wie Dithmarschen, Steinburg oder Teilen Nordfrieslands mittels mobiler Arztpraxen den Zugang zu Haus- und Fachärzten zu gewährleisten.

Kammer als ärgster Widersacher

Das "Docmobil" genannte Konzept sah Arztpraxen in Containern vor, die per Lkw, von den Gemeinden organisiert, ständig nach festgelegten Terminen die Standorte wechseln sollten. Das Personal sollte aus angestellten Ärzten oder Honorarkräften bestehen.

Somit bestand nur strukturell ein anderer Ansatz, als die Anbieter mobiler Arztpraxen auf der Medica verfolgen, die von der Initiative einzelner Vertragsärzte ausgehen. Übrigens scheiterte das Projekt "Docmobil" keineswegs an Abrechnungsfragen.

Letzten Endes lehnten die ärztlichen Körperschaften das Modell ab. Schleswig-Holsteins Landesärztekammerpräsident führte damals unter anderem Imagegründe dagegen an, abgerundet mit der Forderung: "Die Arztpraxis als feste Institution muss erhalten bleiben".

Ist der Leidensdruck vieler Patienten in unterversorgten Gebieten Deutschlands noch nicht hoch genug, als dass sie sich wirtschaftlich tragend für das Angebot mobiler Praxisdienstleistungen erwärmen können? Diese Lesart legt die zum Jahresende geplante Einstellung eines Projektes zur rollenden Arztpraxis im niedersächsischen Wolfenbüttel nahe, das im August 2013 gestartet war.

Immerhin zog die KV Niedersachsen im August ein tendenziell positives Fazit. Unter anderem hieß es, dass die Patienten, die den Service in Anspruch genommen hatten, mit diesem auch außerordentlich zufrieden gewesen seien. Das könnte an mobilen Praxen interessierten Ärzten als Hoffnungsschimmer dienen.

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