Ärzte Zeitung, 24.06.2015

Niedergelassene Ärzte

Honorarplus entpuppt sich als Minus

Wie gewonnen, so zerronnen: Zwar haben niedergelassene Ärzte 2011 einen höheren Jahresüberschuss erzielt als im Jahr zuvor - doch am Ende steht für sie gar ein Minus zu Buche. Das zeigen neue Daten aus dem Zi-Praxis-Panel.

Von Rebekka Höhl

Honorarplus entpuppt sich als Minus

Die Gesamteinnahmen je Praxisinhaber sind zwischen 2009 und 2011 um knapp 11.000 Euro gestiegen. (Quelle: Zi-Praxis-Panel 2013)

© Coloures-Pic / fotolia.com / Grafik: Ärzte Zeitung

BERLIN. Kann die reine Kassenarzt-Praxis mit einer Anstellung in der Klinik konkurrieren? Angesichts des heiß diskutierten Ärztemangels eine spannende Frage. Die Antwort, die der Jahresbericht 2013 des Zi-Praxis-Panels (ZiPP) gibt, lässt daran zweifeln.

2011 erzielten die Ärzte je Praxisinhaber zwar im Schnitt einen Jahresüberschuss aus reiner GKV-Tätigkeit von rund 110.000 Euro.

"Damit wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Praxis-Panels der Referenzwert von knapp 106.000 Euro überschritten", erklärt Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi), das die Erhebung jährlich durchführt.

Wobei dem Jahresbericht 2013 die Einnahmen- und Ausgabenwerte der Praxen von 2009 bis 2011 zugrundeliegen und der Referenzwert für die reine GKV-Tätigkeit das Oberarztgehalt aus 2007 darstellt.

Genau dieser Referenzwert müsste laut Stillfried aber mittlerweile bei mehr als 145.000 Euro liegen, denn bei den Oberärzten gab es in den vergangenen Jahren einige Gehaltsanpassungen.

Stillfried: "Die Einzelpraxis hatte 2011 Aufwendungen von rund 124.000 Euro, die müssten auf jeden Fall gedeckt sein."

Dabei erhält das Zi von den Ärzten die Daten zu den Kosten nicht getrennt nach GKV und privaten Leistungen. Das ist laut Stillfried auch kaum möglich, wie etwa solle man Bereiche wie den Empfang kostenmäßig genau trennen.

Das Zi nimmt daher eine sogenannte Standardisierung vor. "Wir simulieren, was die Praxis an Einnahmen gehabt hätte, wenn sie nur GKV-Leistungen erbracht hätte", erklärt er.

Das Zi geht hierbei davon aus, dass die Kostenstruktur nicht davon tangiert wird, ob es sich um einen Privat- oder Kassenpatienten handelt. "Wir haben keine Beweise dafür gefunden, dass für Privatpatienten höhere Kosten entstehen", sagt Stillfried.

73 Prozent kommen aus der GKV

Das Zi-Praxis-Panel

Seit 2010 erhebt das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) im Rahmen des Zi-Praxis-Panels (ZiPP) jährlich bei Vertragsärzten und -psychotherapeuten Daten zur Wirtschaftssituation (Kosten, Einnahmen und Jahresüberschuss).

Die Daten von 4152 Praxen und 4451 Ärzten sind in den aktuellen ZiPP-Bericht eingeflossen.

Betrachtet werden die Jahre 2009 bis 2011.

Weitere Infos unter www.zi.de

Über alle Fachgruppen hinweg machten die Einnahmen aus der gesetzlichen Krankenversicherung 2011 auch immerhin 73 Prozent der Gesamteinnahmen bzw. 205.700 Euro je Praxisinhaber aus.

Bei den Hausärzten waren es sogar 82 Prozent. Aus der PKV stammten bei allen Fachgruppen 20,9 Prozent (59.000 Euro) - bei den Hausärzten 14 Prozent der Gesamteinnahmen.

Doch die Praxen haben noch ein Problem: Anders als bei den Gehaltserhöhungen im Klinikbereich, blieb den Niedergelassenen 2011 real nichts von ihrem Umsatzwachstum übrig.

2010 sah es nicht viel besser aus: Nach den ZiPP-Daten legten die Gesamteinnahmen je Praxisinhaber in 2010 zwar um 2,1 Prozent auf 276.100 Euro und in 2011 um zumindest 1,9 Prozent auf 281.500 Euro zu.

Gleichzeitig stiegen die Praxiskosten in beiden Jahren aber um rund 2,5 Prozent. Genauer mussten die Ärzte 2010 Gesamtaufwendungen von 133.000 Euro und 2011 von 136.400 Euro tragen. Damit blieb ihnen 2010 ein Jahresüberschuss von 143.100 Euro und 2011 - mit einem kleinen Plus von 1,4 Prozent - von 145.100 Euro.

Insbesondere 2011 fand das Plus beim Jahresüberschuss jedoch nur nominal statt. "Wenn Sie hier jetzt noch die Inflationsrate abziehen, bleibt nichts mehr übrig", erläutert Stillfried.

Die Verbraucherpreise stiegen nach den Daten des Statistischen Bundesamtes im gleichen Zeitraum im Bundesdurchschnitt um 3,2 Prozent. Damit blieb den Ärzten in 2010 gerade einmal ein Plus von 0,8 Prozent, das sich 2011 in ein reales Minus von 0,7 Prozent beim Jahresüberschuss wandelte.

Damit haben die Praxiskosten auch die moderate Steigerung der GKV-Honorare in den Jahren 2010 und 2011 nahezu komplett verschlungen. Denn der Anstieg des durchschnittlichen Praxisumsatzes je Inhaber in 2011 von 4,1 Prozent im Vergleich zu 2009 resultiert vor allem aus dem Plus der GKV-Honorare von 3,9 Prozent.

Die Privateinnahmen stiegen zwar ebenfalls um 3,8 Prozent im Vergleich der Jahre 2009 und 2011, doch sie machen eben nur rund ein Fünftel der Gesamteinnahmen aus.

Rasanter Zuwachs bei Personalkosten

Vor allem die Personalkosten machten sich in den Praxen bemerkbar. Sie erhöhten sich im Vergleich zu 2009 um 8,4 Prozent, zweitgrößter Kostenblock waren Material und Labor (plus acht Prozent) und die Versicherungen und Gebühren (plus sieben Prozent).

Dabei schreibt das Zi das hohe Ausgabenplus beim Personal vor allem den Medizinischen Fachangestellten und weniger einer Zunahme des ärztlichen Personals in den Praxen zu. Eindeutig erhoben wurde dies zwar nicht.

Dafür spricht aber, dass es 2011 ein tarifliches Gehaltsplus für MFA gab, mit dem die Gehaltsgruppen angepasst wurden. Für MFA in den ersten drei Berufsjahren gab es beispielsweise fünf Prozent mehr, im vierten bis sechsten Jahr 2,6 Prozent.

Interessant ist zudem, dass es deutliche Unterschiede bei den Zuwächsen der Einnahmen und Überschüsse innerhalb der verschiedenen Fachgruppen gibt. Die größten Einnahmenzuwächse erzielte von 2009 bis 2011 das Fachgebiet Nervenheilkunde mit plus acht Prozent (2011: 286.100 Euro), beim Jahresüberschuss je Praxisinhaber legten sie sogar um zwölf Prozent zu (170.800 Euro).

Zusammengenommen mit dem Bereich Psychiatrie lag die Wachstumsrate für beide Fachgebiete bei rund sechs Prozent. "Gerade die Psychotherapeuten hatten aber auch einen hohen Nachholbedarf", so Stillfried.

Bei den Allgemeinmedizinern und hausärztlich tätigen Internisten bewegte sich die Honorarentwicklung mit einer Zunahme um 1,7 Prozent unter dem fachübergreifenden Durchschnitt von 2,0 Prozent pro Jahr. Der Jahresüberschuss legte hier um 1,9 Prozent je Jahr zu.

Obwohl die Aufwendungen um 2,1 Prozent in dieser Fachgruppe - aber immerhin leicht unterdurchschnittlich - stiegen. Den höchsten Kostenanstieg pro Jahr mussten die Kinder- und Jugendpsychiater (plus 5,9 Prozent), die Anästhesisten (plus 5,8 Prozent) sowie die Augenärzte (plus 5,3 Prozent) hinnehmen.

[10.07.2015, 21:50:08]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Bitte eine Briefmarke mitbringen!
Die Interpretation im Deutschen Ärzteblatt (DÄ) unter http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/62663/KBV-Honorarbericht-Umsatz-der-Niedergelassenen-steigt-2013-um-66-Cent-je-Behandlungsfall

bringt es auf den Punkt. Dabei war “die Zahl der Behandlungsfälle überproportional gestiegen”: Bei den Hausärzten um 2,4 Prozent, bei den Fachärzten um 2,3 Prozent. Dies trug jedoch doch nur der demografischen Entwicklung mit Überalterung, zunehmender Multimorbidität, bzw. erhöhter Anspruchshaltung in der medizinischen Versorgungsrealität mit “all-you-can-eat”-, “flatrate”- und kostenloser Zweitmeinungs-Mentalität Rechnung.

Deshalb war die r e l a t i v e Erhöhung des durchschnittlichen Honorarumsatzes pro niedergelassenem Vertragsarzt/-ärztin vom Jahr 2012 auf 2013 um 2,1 Prozent nur eine Pseudoziffer. In a b s o l u t e n Zahlen ausgedrückt, stieg im Jahresmittel dagegen der Honorarumsatz je Behandlungsfall nur um 1,1 Prozent – um ganze 66 Cent auf durchschnittlich 60,56 Euro im Quartal – da hätte jeder Patient auch einfach eine Standard-Briefmarke zu 62 Cent mitbringen können.
Ein weiteres Detail: Wenn der Quartalsumsatz im 4. Quartal 2013 durchschnittlich bei 51.886 Euro lag, und der Fallwert in diesem Quartal 61,91 Euro betrug, sind durchschnittlich pro einzelnem Haus- oder Facharzt 838 Patienten behandelt worden. Dies wird der Versorgungsrealität in vielen Haus-, Fach- und Spezialarztpraxen nicht gerecht. Bei diesen Umsatzzahlen überproportional steigende Kosten, Abgaben und Preise sind nicht mehr aufzufangen, insbesondere, wenn das geschätzte Netto-verfügbare Einkommen durchschnittlich nur 23,5 Prozent des Honorarumsatzes beträgt.

Die Modellrechnung im DÄ mit einem durchschnittlichen Quartalsumsatz im 4. Quartal 2013 in Höhe von 51.886 Euro, einem Fallwert in diesem Quartal von 61,91 Euro und damit durchschnittlich 838 Patienten/-innen pro einzelnem Haus- oder Facharzt bedeutete bei einer 23,5 prozentigen Netto-Quote vom GKV-Praxis-Umsatz in drei Quartalsmonaten 12.193,21 Euro.

Eine monatliche Netto-Verfügbarkeit n a c h Abzug a l l e r Kosten, Abgaben, Versicherungen (Krankheit, Pflege, Rente) u n d Steuern zum tatsächlichen Geldausgeben im statistischen Mittel von 4064,40 Euro für einen freiberuflich unternehmerisch tätigen GKV-Vertragsarzt erklärt natürlich die schwindende Bereitschaft zu Praxisübernahmen und Neugründungen von Ärztinnen und Ärzten, die lieber im sicheren Angestellten- oder Beamtenverhältnis verbleiben möchten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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