Ärzte Zeitung online, 13.08.2015

Erste Einigung

250 Millionen Euro mehr für Ärzte!

Die KBV und der GKV-Spitzenverband haben ihre Honorarverhandlungen begonnen - und sogleich eine erste Einigung erzielt. Beim ersten Treffen sorgen die Kassen für eine Überraschung.

Von Florian Staeck

250 Millionen Euro mehr für Ärzte!

250 Millionen Euro mehr beschert den Ärzten die Tatsache, dass die Bevölkerung älter und kränker wird.

© Gina Sanders / fotolia.com

BERLIN. 250 Millionen Euro werden Vertragsärzte und -psychotherapeuten im kommenden Jahr mehr erhalten, weil der Behandlungsbedarf gestiegen ist.

Das ist ein erstes Ergebnis der Verhandlungen über das Honorar 2016 zwischen KBV und GKV-Spitzenverband, die am Mittwoch begonnen haben.

Dabei einigten sich die Verhandlungsparteien auf die Steigerungsraten, die sich aus der älter und kränker werdenden Bevölkerung ergeben.

Im Bundesdurchschnitt nimmt die sogenannte Krankheitslast im kommenden Jahr um 2,1 Prozent zu. Die fortschreitende Alterung der Bevölkerung bewirkt eine Zunahme der morbiditätsorientierten Leistungsmenge um 0,2 Prozent.

Die Kassen sind laut Gesetz verpflichtet, mehr Geld bereitzustellen, wenn der Behandlungsbedarf steigt.

Orientierungswert: Zähe Verhandlungen erwartet

Beim nächsten Treffen, das für den 19. August vorgesehen ist, wird in einer weiteren Verhandlungsrunde der Orientierungswert im Mittelpunkt stehen.

Er ist die zentrale Stellgröße, um daraus die Preise für ärztliche und psychotherapeutische Leistungen abzuleiten. Der Orientierungswert wurde für das Jahr 2015 um 1,4 Prozent (2014: 1,3 Prozent) auf 10,27 Eurocent pro Punkt erhöht.

Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig, hieß es aus der KBV.

"Nicht völlig unerwartet hat die Kassenseite durchaus andere Vorstellungen, was die Punktwertentwicklung anbelangt als wir", sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen in einem Video-Interview.

Er rechnet mit zähen Verhandlungen. "Es müssen sicherlich die einen oder anderen Steine noch aus dem Weg geräumt werden, um in die Nähe eines Beschlusses zu kommen."

Vergrätzt reagierte die KBV-Spitze, dass die Kassen kurzfristig ein Prognos-Gutachten auf den Verhandlungstisch gelegt haben.

Dieses Gutachten gehe mit einer völlig anderen Systematik zur Preisermittlung als bisher einher und müsse zunächst bewertet werden, sagte KBV-Vorstandsvize Regina Feldmann.

Gassen bezeichnete es als "problematisch", dass die bisherige Methodik von den Kassenvertretern in Frage gestellt werde. Er stellte klar, dass die Ärzte einen Ausgleich der gestiegenen Betriebskosten in voller Höhe fordern.

Kassen überraschen mit Gutachten

Es gehe in dem Prognos-Gutachten darum, dass nicht nur die Entwicklung von Investitionen und Betriebskosten in der Arztpraxis untersucht werden müssten, sagte Ann Marini, Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes, der "Ärzte Zeitung".

Vielmehr müssten auch Produktivitäts- und Fixkosteneffekte betrachtet werden. Veröffentlichen wollen die Kassen das Gutachten derzeit nicht, so Marini.

Bereits im Sommer vergangenen Jahres haben die Kassen ein externes Gutachten mit dem Ziel herbeigezogen, um den Anstieg des Orientierungswerts möglichst zu drücken.

Prognos ermittelte damals, Vertragsarztpraxen könnten, wenn sie effizient arbeiten, Wirtschaftlichkeitsreserven von mehr als zwei Milliarden Euro "heben".

Ziel der Kassen war es, dass sich die Vergütung erbrachter Leistungen an den besonders wirtschaftlich arbeitenden Praxen orientiert - und nicht an Durchschnittspraxen.

Die Methodik der Studie war hoch strittig - so wurde beispielsweise die extrem heterogene Gruppe der Internisten in einen Topf geworfen.

2015: Ingesamt 850 Millionen Euro Zuwachs

Die Honorarrunde im vergangenen Jahr hatte Vertragsärzten für 2015 einen Zuwachs von rund 850 Millionen Euro beschert.

Ein Ergebnis, das auf teils harsche Kritik bei Ärzteverbänden gestoßen war. Davon gingen 550 Millionen Euro auf die Erhöhung des Orientierungswerts zurück.

132 Millionen Euro entfielen auf höhere Pauschalen für die fachärztliche Grundversorgung, nochmals den gleichen Betrag sollten Hausärzte für Hausbesuche und die Beschäftigung von nicht-ärztlichen Praxisassistentinnen erhalten.

[17.08.2015, 10:42:06]
Dr. Henning Fischer 
"Die Tätigkeit des Arztes ist a priori unwirtschaftlich", ja sie ist staatspolitisch gesehen sogar hochgradig schädlich!

was erreicht man mit guter Medizin und guten Ärzten: immer mehr behandlungsbedürftige chronisch kranke Senioren, die einerseits die Krankensparkassen immer mehr Geld kosten und andererseits die Rentenkasse in die Pleite treiben!

Was bleibt? Das sozialverträgliche Frühableben (Villmar) muß gefördert werden, sonst haben wir bald griechische Verhältnisse. Dazu muß man die Ärzte platt machen, das gelingt (zumindest bei Hausärzten) immer besser.

Welches Interesse sollen die Krankensparkassen an guter Behandlung der Versicherten haben? Kostet doch nur!
Welches Interesse soll der Staat an steigender Lebenserwartung haben?

 zum Beitrag »
[17.08.2015, 09:46:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sarkastische oder defätistische Bemerkungen bringen nichts!
Nur objektive Ist-Berechnungen und klare Analysen helfen weiter:
Das Gesamthonorar der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte resp. Psychotherapeuten betrug lt. aktuell verfügbaren Quellen im Jahr 2014 etwa 33,4 M i l l i a r d e n Euro (Quelle: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Gesundheitswesen/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVI24.pdf).

Das Angebot der GKV-Kassen-Vertragspartner von 250 Millionen Euro mehr für Vertragsärzte und -psychotherapeuten entspricht einem U m s a t z- Zuwachs von gerade mal 0,75 Prozent. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sollte darob nun wirklich nicht in Freudentränen ausbrechen.

Schlimmer noch ist die Sache mit einem neuerlichen "Geheimgutachten" der schweizerischen Prognos-AG. Deren Einschätzungen waren in den vergangen Jahren geradezu regelhaft irreführend, sach- und kenntnisfremd, interessengeleitet und manipulativ. Bereits im letzten Jahr habe ich dazu ausgeführt:
"Warum fragt eigentlich niemand den GKV-Spitzenverband Bund (SpiBu) der GKV-Kassen, wie viele Millionen Euro er mit völlig überflüssigen oder grob irreführenden PROGNOS-Gutachten schon zum Fenster hinaus geschmissen hat? Das SpiBu Spitzengespann Frau Dr. Doris Pfeiffer/Magnus von Stackelberg würde spitzbübisch darauf hinweisen, dass dies wegen der Klimaanlagen bedingt fest verschlossenen Bürofenster gar nicht möglich sei.

PROGNOS, der Schweizer Wirtschafts- und Beratungsinstitution mit globalem Kompetenz- und Logistik-Anspruch, mangelt es e n t s c h e i d e n d an medizinischem Grundlagenwissen, Basis-Erkenntnissen medizinischer Versorgungsforschung und grundlegenden Kenntnissen von medizinischer Soziologie, Sozialmedizin und medizinischer Psychologie.

Vergleichbar mit der Autoindustrie wird an Stück- und Fallzahlen, dem operativen Geschäft und der Gesamtbilanz gefeilt, um mit PARETO-Prinzipien (mit 50 Prozent Aufwand 80 Prozent der Anforderungen erfüllen, die restlichen 20 Prozent einfach weglassen) die Kosten zu verschlanken ("lean management").

Warum ich mir da so sicher bin? 2012 wedelte Freiherr Johann-Magnus von Stackelberg als stellvertretender SpiBu-Vorstand mit einem untauglichen PROGNOS-Gutachten, um K ü r z u n g e n des bundesweiten Orientierung-Punktwertes um M i n u s 7 Prozent bei allen Vertragsärzten und -Psychotherapeuten durchzusetzen. Dagegen stand eine betriebswirtschaftlich begründete Forderung von Plus 11 Prozent seitens der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Vgl. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51267
und
http://www.springermedizin.de/prognos-gutachten-seltsame-zahlen-tollkuehne-ableitungen/3187080.html mit dem Titel: "Prognos-Gutachten: Seltsame Zahlen, tollkühne Ableitungen" ... "Das vom GKV-Spitzenverband der Krankenkassen in Auftrag gegebene Prognos-Gutachten, das eine Punktwert a b s e n k u n g bei den gegenwärtigen EBM-Honorarverhandlungen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) einläuten soll, ist in seinen Grundannahmen tendenziös bis manipulativ. Das Prognos-Gutachten von Dr. Ronny Wölbing und Mitarbeitern widerspricht in seinem Tenor dem sozialgesetzlichen Auftrag des GKV-Spitzenverbands"...

In der von ÄZ-Autorin Rebekka Höhl hervorragend referierten, aber wie gewohnt Medizin-bildungsfern-aktuellen PROGNOS-Studie bleibt der Gesamtbereich der Medizin ausgeklammert. Die spezifisch ärztliche Beratung, Untersuchung, Differenzialdiagnostik und konservative/interventionelle Therapie bleiben außen vor. Denn unsere Profession lässt sich nicht allein in Prozess-, Ablauf- und Ergebnisqualität optimieren, rationieren und technisieren.

Die Tätigkeit des Arztes ist a priori unwirtschaftlich, weil sie mit überwiegend unbeeinflussbaren Stellgrößen operieren muss. Gesundheitsschädigendes u n d krankheitsförderndes Patientenverhalten bleibt unreflektiert und durch ordnungspolitischen Einfluss- und Stellgrößen unerreichbar. Hinzu kommen Ängste, Verdrängung, Vermeidungs- und Übersprungs-Handlungen bei Patienten u n d Ärzten bzw. Redundanzen und Reibungsverluste..."
Quelle: http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/867084/prognos-studie-aerzte-koennten-zwei-milliarden-euro-erwirtschaften.html?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[14.08.2015, 08:30:07]
Dr. Johannes Hupfer 
Lug und Betrug
Wenn selbst in Ärztezeitungen über den üppigen Honorarzuwachs geschreibselt wird, kann dem Normalbürger
nur vermittelt werden,dass niedergelassene Ärzte in Dollars baden.

Ja, das Volk will betrogen sein...die Quittung wird nicht lange auf sich warten lassen..... übrigens kann man
auf youtube bereits ein do it yourself- Video anschauen..... Appendektomie durch den Laien mit Einmalbesteck
aus dem Baumarkt..  zum Beitrag »
[13.08.2015, 13:54:38]
Dr. Robert Siebel 
Mehr Geld für Ärzte
Ja genau dieses vollzieht sich im KV System ja eben nicht!!!!
Die Verteilung ist völlig ungleichmässig und willkürlich, ganz den Seilschaften folgend- manche werden üppig mit Geld beglückt, andere gehen völlig leer aus zum Beitrag »
[13.08.2015, 12:27:22]
Dr. Henning Fischer 
ca, 140 Euro brutto pro Monat pro Arztpraxis mehr

oder habe ich falsch gerechnet?

Kann ich ja schon mal einen Benz bestellen.


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