Ärzte Zeitung, 02.12.2015

PKV-Vertreter zur GOÄ-Novelle

"Eine zweite GKV braucht der Gesundheitsmarkt nicht"

Auch die Ärzte könnten mit den bisherigen Ergebnissen der GOÄ-Verhandlungen gut leben, findet Karl-Josef Maiwald. Der PKV-Vertreter spricht im Interview mit der "Ärzte Zeitung " über die neue GOÄ und den anberaumten Sonderärztetag.

Das Interview führte Hauke Gerlof

Karl-Josef Maiwald

"Eine zweite GKV braucht der Gesundheitsmarkt nicht"

© Debeka

Aktuelle Position: Bei der Debeka ist Maiwald als Abteilungsdirektor für den gesamten Krankenversicherungsbereich zuständig – Produktentwicklung, Kalkulation, KV-Aufnahme und Vertrag, Leistung etc..

Werdegang: Geboren 1951 in Koblenz, Studium der Mathematik und Betriebswirtschaftslehre an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Ärzte Zeitung: Herr Maiwald, Gemeinsame Kommission zur Weiterentwicklung der GOÄ, Einschränkungen bei den Steigerungsfaktoren: Manche Elemente der GOÄ-Reform klingen nach EBM und GKV. Wollen Sie wirklich eine GKV-isierung der Privaten Krankenversicherung, von der zurzeit so viel die Rede ist?

Karl-Josef Maiwald: Es ist mir ein Rätsel, warum diese Schlagzeile so hartnäckig durch die Welt geistert. Wir würden uns doch selbst abschaffen, wenn wir eine GKV-isierung anstreben würden. Eine zweite "GKV" braucht der Gesundheitsmarkt nun wirklich nicht.

Das Gegenteil ist eher der Fall: Wenn der PKV und der Bundesärztekammer die GOÄ-Reform gut gelingt, dann könnte eine solche GOÄ zu einer Art Referenzgebührenordnung für die GKV werden, aus der Teile in eine Reform der kassenärztlichen Vergütung einfließen könnten.

Dennoch: Zum Beispiel durch die Positivliste, mittels derer Steigerungsmöglichkeiten künftig begrenzt werden sollen, greifen Sie doch stark ein in das Arzt-Patienten-Verhältnis. Wie stark wollen Sie tatsächlich in dieses Vertrauensverhältnis hineinregieren?

Maiwald: Gar nicht! Die Therapiefreiheit muss auf jeden Fall gewährleistet bleiben.

Aber wozu dann die geplante Reglementierung beim Steigerungssatz?

Maiwald: Wissen Sie, in der PKV herrscht ein gewisses Misstrauen gegen das bisherige Steigerungskonzept. Wenn wir das Niveau generell anheben, wie jetzt mit dem nicht unterschreitbaren Einfachsatz, können wir bei den Steigerungsfaktoren nicht so weitermachen wie bisher, "nach billigem Ermessen" der Ärzte. Im neuen System wären die Gründe objektiv überprüfbar.

Genauso darf es natürlich keine Dumpingpreise geben. Als Gegenargument der Ärzte kommt immer wieder, dass die Steigerungsmöglichkeiten das Behandlungsgeschehen individuell abzubilden helfen. Aber Fakt ist, dass in über 90 Prozent der Fälle der 2,3-fache Satz als Steigerungsfaktor gewählt wird.

Es ist immer die Rede vom nicht unterschreitbaren Einfachsatz. Gleichzeitig soll es Ausnahmen in den Sozialtarifen und zum Beispiel bei Postbeamten geben. Wie hoch ist aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass die Beihilfeträger - klamme Kommunen oder Länder vor allem - versuchen werden, auch für ihre Versicherten den Tarif nach unten zu öffnen?

Maiwald: Ich bin zuversichtlich, dass das nicht der Fall sein wird. Immerhin sind die Beihilfeträger ja mit im Boot bei den Gesprächen über die neue GOÄ, und sie stehen ebenso hinter den bisherigen Ergebnissen wie die PKV-Unternehmen auch.

Von den Verhandlungen dringt ja wenig nach außen. Sprechen die Kostenträger, also die unterschiedlichen PKV-Unternehmen und die Beihilfeträger eigentlich mit einer Stimme?

Maiwald: Kritik gibt es, aber man geht nicht gleich direkt an die Presse, wie es bei den Ärzten ist. Das wird vielmehr intern angesprochen. Die Interessen und auch die Organisationsformen sind ja durchaus verschieden: Die Debeka ist ein Versicherer auf Gegenseitigkeit, die Allianz eine Aktiengesellschaft.

Wir sind eher ein Beihilfeversicherer, die Allianz hat verstärkt Selbstständige als Zielgruppe. Aber wir alle wissen, wir brauchen die neue GOÄ, allein um Erstattungsprozesse zu vereinfachen. Wir haben derzeit so viele Rückfragen und auch Gerichtsverfahren - das könnte man sich mit einer erneuerten GOÄ alles sparen.

Wie hoch ist für Sie die Wahrscheinlichkeit, dass die neue GOÄ zum 1. Oktober 2016 in Kraft tritt?

Maiwald (lächelt): Anfangs war ich sehr skeptisch, und es gibt auch noch viel zu tun. Aber trotzdem: Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 95 Prozent.

Könnte ein außerordentlicher Ärztetag, der jetzt von der Bundesärztekammer einberufen wurde, etwas an dieser Einschätzung ändern?

Maiwald: Nein, das glaube ich nicht. Mit den bisherigen Ergebnissen können auch die Ärzte gut leben.

Lesen Sie dazu auch:
GOÄ-Streit: BÄK beruft Sonderärztetag ein

[02.12.2015, 10:49:51]
Dr. Henning Fischer 
die letzten Reste ärztlicher Freiberuflichkeit werden mit der neuen GOÄ beseitigt

der starre Rahmen gibt fast keinen Spielraum mehr.

Zwei Vorschläge:

Begrenzung der Chefarzt-Steigerungssätze (selbst bei mir nehmen einige Krankenhauskollegen ohne Scham grundsätzlich den 3,5-fachen Satz)

Herausnahme der Beihilfe bzw. abgeänderte GOÄ wie z.B. UV-GOÄ.

So wie es jetzt geplant ist wird der Nachwuchs weiter verprellt
(in welchem anderen anspruchsvollen Beruf haben sich die Arbeitsbedingungen und Einkünfte so schlecht entwickelt wie bei uns Ärzten?)


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