Ärzte Zeitung, 09.09.2016

Bundeskriminalamt warnt

Deutlich mehr Wirtschaftskriminalität im Gesundheitswesen

Tatort Pflege: Hat die Russenmafia ein neues Betätigungsfeld neben Drogen und Prostitution gefunden? Das Bundeskriminalamt stellt in seinem akuellen Lagebericht fest:  Vor allem russischsprachige Pflegedienste mischen beim Abrechnungsbetrug in der Pflege mit.

Von Matthias Wallenfels

Deutlich mehr Wirtschaftskriminalität im Gesundheitswesen

© Andre Bonn / fotolia.com

WIESBADEN. Die Wirtschaftskriminalität im Gesundheitswesen hat im vergangenen Jahr deutlich angezogen. Für 2015 verzeichnet das Bundeskriminalamt (BKA) eine deutliche Erhöhung der registrierten Schäden. Im Vergleich zum Vorjahr seien diese von 41 Millionen Euro um 70,7 Prozent auf 70 Millionen Euro angestiegen. Das geht aus dem jüngst veröffentlichten "Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität 2015" hervor.

Mit insgesamt 4457 in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) registrierten Fällen von Abrechnungsbetrug sei auch ein deutlicher Anstieg bei den Fallzahlen zu verzeichnen - 11,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Wert liegt aber unterhalb des Durchschnitts der vergangenen fünf Jahre (4083). Die Zahlen berücksichtigen nur die Fälle, die der Staatsanwaltschaft nach polizeilichen Ermittlungen übergeben wurden, so das BKA auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung". Das BKA veröffentlicht die Zahlen zum Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen kontinuierlich seit dem Jahr 2000. Sie fußen auf den Angaben der Landeskriminalämter

In der Statistik zur Wirtschaftskriminalität im Gesundheitswesen wird dabei für das vergangene Jahr explizit der Pflegebetrug durch russophone Personen hervorgehoben. "Ein Phänomen in diesem Bereich ist der Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen durch russischsprachige Pflegedienste, d. h. solche, die mehrheitlich von Personen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion geführt werden", so das BKA. "Hierbei handelt es sich um ein bundesweites Phänomen, das insbesondere dort auftritt, wo sich durch Sprachgruppen geschlossene Systeme bilden", heißt es ergänzend.

In vielen dieser Fälle lägen Indizien für ein strukturiertes und organisiertes Vorgehen der Pflegedienste mit dem Ziel der Gewinnmaximierung vor. In Einzelfällen, so das BKA, lägen im Zusammenhang mit Investitionen in russischsprachige ambulante Pflegedienste Hinweise auf eine Verbindung zur organisierten Kriminalität vor.

Mittlerweile konzentrierten sich die Täter auf das Geschäft mit Intensivpflegepatienten, da in diesem Bereich die höchsten Gewinne erzielt werden können. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen für einen Intensivpflegepatienten monatlich etwa 22.000 Euro.

Aufgrund des Demografiewandels geht das BKA davon aus, dass der Abrechnungsbetrug auch künftig signifikant sein wird. Zu den konkreten Ausgestaltungsvarianten des organisierten Pflegebetrugs beobachten die BKA-Ermittler, dass die Täter unterschiedliche Vorgehensweisen verfolgten.

So gehen die Pflegebetrüger vor

Nur zum Teil oder überhaupt nicht erbrachte Leistungen werden mit den Leistungsträgern abgerechnet.

Die Pflegebedürftigkeit von Patienten wird vorgetäuscht - Patienten simulieren somit bewusst.

Die Anbieter bestechen Ärzte und Pflegepersonal.

Urkunden werden im Zusammenhang mit der Ausstellung von Ausbildungszertifikaten gefälscht.

 

Wie das BKA hinweist, schätzen die gesetzlichen Kassen den volkswirtschaftlichen Schaden durch den gesamten Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen inzwischen auf eine Milliarde Euro. Seite 2

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