Ärzte Zeitung, 12.01.2015

Plagiatsaffäre

Trotz Aberkennung weiter mit Doktortitel im Web

GÖTTINGEN.Die Plagiatsaffäre um eine Göttinger Zahnärztin (wir berichteten) beschäftigt jetzt auch die Göttinger Staatsanwaltschaft. Es bestehe ein Anfangsverdacht wegen des Missbrauchs von Titeln, erklärte am Freitag ein Sprecher der Strafverfolgungsbehörde.

 Man habe deshalb ein entsprechendes Ermittlungsverfahren eingeleitet. Anlass sei, dass die Zahnärztin auf der Homepage der Gemeinschaftspraxis, in der sie tätig ist, immer noch mit Doktortitel aufgeführt sei.

Ende 2012 hatte die Universität Regensburg die Promotionsprüfung der Zahnärztin nachträglich für nicht bestanden erklärt und die Verleihung des Doktorgrades zurückgenommen. Dagegen hatte sie geklagt.

Das Gericht kam allerdings zum Schluss, dass die Zahnärztin bei ihrem Ehemann abgeschrieben hatte, ohne ausreichend auf diese Quelle hinzuweisen. Eine selbstständige wissenschaftliche Leistung liege nicht vor.

Die Klägerin hatte danach einen Antrag auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München gestellt, diesen später aber wieder zurückgenommen, so dass die erstinstanzliche Entscheidung rechtskräftig wurde.

Die Zahnärztin ist die Ehefrau des früheren Leiters der Göttinger Transplantationschirurgie. (pid)

[01.11.2016, 06:36:52]
Segei Jargin 
Mitgliedschaft in der russischen Abteilung der Internationalen Akademie für Pathologie (IAP) und die Anerkennung akademischer Grade
Im Jahre 2009 fand in Samara der 3. Kongress russischer Pathologen samt der Sitzung der russischen Abteilung der Internationalen Akademie für Pathologie (IAP) statt, wo die Mitgliedschaftspolitik nochmals bestätigt wurde: nur diejenigen Pathologen dürfen IAP-Mitglieder werden, die den akademischen Grad Doktor der Wissenschaften tragen. Es gibt zwei akademischen Grade in Russland: der Kandidat (vergleichbar mit dem Ph.D. oder Dr. med.) und Doktor der Wissenschaften (ähnlich der Habilitation). Die Sachlage hat sich allerdings dank dem ehemaligen Bildungsminister Wladimir Filippov geändert. Seiner Meinung nach sollen die obengenannten akademischen Grade nicht übersetzt sondern transliteriert werden [1]. Auf diese Weise hat der Minister die Kandidaten der Wissenschaften im gewissen Sinne um den Doktortitel gebracht. Soweit es uns bekannt ist, kostet der Erwerb des Kandidaten-Grades in Russland nicht weniger Zeit und Mühe als der vom entsprechenden Titel im Ausland. Zugegebenermaßen sind viele Kandidatendissertationen ganz oder teilweise fabriziert worden, doch dasselbe betrifft auch die Doktorarbeiten [2,3]. Einige Funktionäre hatten nicht genug Zeit um ihre Dissertationen, oder zumindest die Literaturübersichten, selbst zu verfassen, und bestellten sie von Geschäftsleuten, die solche Leistungen anbieten. Das ist wahrscheinlich eine der Ursachen des inkorrekten Zitierens z.B. in der Doktordissertation des Rektors der 1. Moskauer I.M. Setschenow medizinischen Universität [4]. Die Illustrationen bzw. dokumentarischen Beweise können online besichtigt werden: http://www.freewebs.com/ruspat1/apps/photos/album?albumid=3392303
Der Doktor und Kandidat der Wissenschaften sind die akademischen Grade; sie können von Wissenschaftlern erworben werden, die keine praktische Erfahrung haben. Die Mehrheit der praktischen Ärzte in Russland besitzt weder den Doktor- noch den Kandidatengrad. Die Kandidaten sind wiederum viel zahlreicher als die Doktoren. Wer sind denn die Doktoren der Wissenschaften, die das Privileg haben, Mitglieder der IAP zu werden? Prominente Wissenschaftler? So soll das laut offiziellen Verordnungen sein. In Wirklichkeit ist es oft anders: viele Funktionäre, ihre Verwandten und Protegés erhalten den akademischen Grad nach der Verteidigung einer ganz oder teilweise fabrizierten Dissertation.
Es gibt in Moskau eine Behörde, die Hohe Attestierungskommission genannt wird, allgemeinbekannt als WAK. Die WAK ist zur Zeit vom ehemaligen Bildungsminister Wladimir Filippov geleitet. Die WAK verleiht oder amtlich bestätigt alle akademischen Grade. Trotzdem wurden viele Dissertationen mit nachweisbar manipulierten statistischen Daten oder inkorrektem Zitieren erfolgreich verteidigt. Es ist schwierig den offiziellen Anforderungen zu einer Doktordissertation nachzukommen. Laut der Verordnung vom Jahr 2002 soll es „eine bedeutende wissenschaftliche Errungenschaft oder die Lösung einer großen wissenschaftlichen Aufgabe“ sein. In der vorausgegangenen (1995) Verordnung gab es die folgende Formulierung: „Ein beträchtlicher Beitrag zur Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes“. Solche Formulierungen verleiten einige Doktoranden ihre Schlussfolgerungen an den Haaren herbeizuziehen. In der letzten (2013) Fassung der Verordnung sind die Anforderungen allerdings realistischer formuliert worden: „Es sollen theoretische Thesen erarbeitet werden, die insgesamt als eine wissenschaftliche Errungenschaft qualifiziert werden können, oder ein wichtiges wissenschaftliches Problem gelöst… oder neue wissenschaftlich begründete technische oder technologische Lösungen vorgeschlagen werden“. Unter anderen Anforderungen zu den Dissertationen sind die praktische Signifikanz und Neuheit, die nicht immer tatsächlich erzielt werden. Der Brauch, in allen Dissertationen praktische Empfehlungen zu formulieren, kann sogar gefährlich sein; glücklicherweise werden solche Empfehlungen selten ernstgenommen. Eine weitere Gewohnheit ist die sogenannte „Rosine“: die Anwendung moderner Methoden in allen medizinischen Dissertationsarbeiten. Infolgedessen werden moderne Methoden manchmal ohne viel Sinn verwendet, nur um ein modernes Niveau beanspruchen zu können. Weiterhin sollen die Hauptergebnisse einer Dissertationsarbeit in rezensierten Fachzeitschriften veröffentlicht werden (mindestens 10 Veröffentlichungen für eine Doktorarbeit). Infolgedessen werden einige russische Zeitschriften von nutzlosen Artikeln überbelastet, während wichtige Beiträge lange auf eine Veröffentlichung warten müssen.
Zum Abschluss soll es vermerkt werden, dass solange die russische Abteilung der IAP nur Doktoren der Wissenschaften als Mitglieder annimmt, soll sie teilweise als eine Vertretung der Administration und leitender Funktionäre betrachtet werden. Die Einstellung der russischen Abteilung entspricht nicht den Traditionen der IAP, die allen Ärzten die Mitgliedschaft gewährt.
Literatur
1. Tkach GF, Filippov VM, Chistokhvalov VN. European attachment to the diploma as a tool of the recognition of qualifications. Moscow: Peoples’ Friendship University of Russia, 2008. (Russisch)
2. Jargin SV. Pathology in the former Soviet Union: scientific misconduct and related phenomena. Dermatol Pract Concept. 2011;1(1):75-81.
3. Jargin SV. Scientific misconduct. Molodoi Uchenyi – Young Scientist 2015;(4):322-7. http://www.moluch.ru/archive/84/15613/ (Russisch)
4. Glybochko PV. Treatment optimization of benign prostatic hyperplasia combined with senile osteoporosis. Doctoral dissertation. Saratov, 2001. (Russisch)
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