Ärzte Zeitung, 13.06.2013

MFA

Geizen Praxischefs beim Gehalt?

Jede vierte Medizinische Fachangestellte wird unter Tarif bezahlt, jede fünfte nach einer falschen Tätigkeitsgruppe. So lauten die Ergebnisse einer Online-Umfrage unter den Praxismitarbeitern. Zahlen Praxischefs den MFA tatsächlich zu wenig?

Von Rebekka Höhl

Geizen Praxischefs beim Gehalt?

Eine MFA mit ihrem Chef.

© Klaus Rose

NEU-ISENBURG. Schlappe für die Praxischefs? Nach den Ergebnissen einer aktuellen Online-Umfrage des Verbands medizinischer Fachberufe (VmF) werden immerhin rund 23 Prozent der Medizinischen Fachangestellten (MFA) unter Tarif vergütet.

"Wenn wir zusätzlich diejenigen addieren, die sich in der falschen und erfahrungsgemäß zu niedrigen Tätigkeitsgruppe einsortiert sehen, dann werden die Mindestanforderungen in 43 Prozent der Arbeitsverhältnisse nicht erfüllt", sagt Magret Urban, stellvertretende Präsidentin im VmF.

Müssen MFA mehr einfordern?

Gute Werbung für die Arztpraxen als Arbeitgeber ist das nicht. Allerdings sind die Ergebnisse der Umfrage, an der sich 596 MFA - davon immerhin 418 Nicht-Verbandsmitglieder - beteiligten, differenzierter zu sehen.

"23 Prozent unter Tarif" sei tatsächlich weniger, als sie erwartet habe, sagt Dr. Cornelia Goesmann, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft zur Regelung der Arbeitsbedingungen von MFA/Arzthelferinnen (AAA).

"Wir sehen ja immerhin, dass drei Viertel nach Tarif oder mehr zahlen, wenn auch nicht alle nach der richtigen Tätigkeitsgruppe."

Doch gerade die Frage nach der Eingruppierung in die richtige Tätigkeitsgruppe hat zwei Gesichter. Wenn die MFA sich falsch zugeordnet fühle, müsse das nicht auch die Sicht des Arbeitgebers sein, so Goesmann.

Sie sieht aber auch die Fachangestellten in der Pflicht, wenn sie verschiedene Fortbildungen absolvieren, bei ihren Chefs die Eingruppierung in die nächsthöhere Tätigkeitsgruppe und die damit verbundene Gehaltserhöhung aktiv einzufordern.

"Tarifgehälter ohnehin niedrig"

Geizen Praxischefs beim Gehalt?

Auch Urban empfiehlt Fachangestellten, hier aktiver mit ihren Chefs zu verhandeln.

Es gebe sicherlich auch einige MFA, die den Tarifvertrag im Detail und damit die Tätigkeitsgruppen gar nicht so genau kennen würden - und vielleicht deshalb gehaltlich falsch eingruppiert wurden.

Überwiegend liege es aber daran, so Urban, dass die Praxischefs die Fachangestellten die Arbeiten der jeweiligen höheren Tätigkeitsgruppe zwar verrichten lassen, diese aber nicht richtig vergüten.

"Es ist immerhin etwas, dass rund zwölf Prozent über Tarif vergütet werden", sagt Urban.

Aber: "Die Tarifgehälter sind ohnehin niedrig - sowohl im Vergleich zu anderen Berufen des dualen Systems als auch zu anderen Gesundheitsfachberufen. Sie stellen nur die Mindestbedingungen dar."

Wenn da nur zwölf Prozent eine Zulage bekommen, frage man sich schon: "Was bekommen die anderen?"

Anpassung der Ostgehälter ausgesetzt?

Nachgefragt, wie hoch denn die Gehälter unter Tarif sind, hat der VmF nicht. Dafür war die Kurzumfrage nicht ausgelegt. In den neuen Bundesländern könnten das aber durchaus Stundenlöhne unter sieben Euro sein, berichtet Urban.

Auch Goesmann bestätigt, dass in den neuen Bundesländern vielfach unter Tarif gezahlt werde. In den alten Bundesländern sei der Tarif deutlich stärker verankert. "Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass in den neuen Bundesländern generell lange die Löhne niedriger waren", so die Hausärztin.

Ein weiterer Grund: Den großen Sprung, als die Ost-Gehälter 2007 ans Westniveau angepasst wurden, hätten vermutlich nicht alle Praxischefs mitgemacht. Je nach Tätigkeitsgruppe waren das bis zu 20 Prozent mehr.

Goesmann: "Es ist schade, dass die Umfrage nicht nach neuen und alten Bundesländern unterscheidet."

Verhandlungen zum neuen Gehaltstarifvertrag laufen

Auch wenn die Umfrage mit 596 Teilnehmern und keiner Abfrage zum Alter etc. der MFA nicht repräsentativ ist, spiegelt sie laut Urban und Goesmann doch recht gut die Realität wider.

Positiv wertet Goesmann, dass immerhin fast zwölf Prozent der antwortenden MFA über Tarif vergütet werden. "Ich würde mir wünschen, dass 100 Prozent nach Tarif oder darüber vergütet werden", sagt sie.

Doch es zeige sich, dass die Praxischefs bereit seien, mehr zu zahlen. Goesmann: "Man muss auch sagen, es gibt einen Mangel an MFA." Daher hätten Praxischefs durchaus auch ein Interesse daran, gute Kräfte zu halten.

Ebenfalls ein Ergebnis der Umfrage: Mitglieder des VmF werden eher nach Tarif oder besser bezahlt. Denn die Quote der Verbandsmitglieder, die nach Tarif und in der richtigen Tätigkeitsgruppe bzw. übertariflich vergütet werden liegt bei 65 Prozent, die der Nichtmitglieder bei 53 Prozent.

Urban: "Mitglieder verdienen mehr. Das ist die positive Aussage dieser Umfrage. Sie zeigt, dass der Verband medizinischer Fachberufe e.V. auf dem richtigen Weg ist."

Derzeit laufen übrigens noch die Verhandlungen zum neuen Gehaltstarifvertrag für MFA. Die nächste Verhandlungsrunde findet laut Urban am 9. Juli statt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Gute Arbeit hat ihren Preis

[13.06.2013, 10:23:58]
Patric Gremmel-Rohwer 
Kaum zu glauben!
Es scheint schwer nachvollziehbar zu sein, dass auf der Basis von 596 teilnehmenden MFA wirklich valide Daten entstehen können. Wie viele Mitglieder hat denn der Verband?
Zudem müsste in die „Hochrechnung“ zwingend die Art der jeweiligen Praxis mit einfließen. Es dürfte wohl unbestritten einen Unterschied ausmachen, ob die MFA in einer großen BAG oder bei einem „kleinen“ kurz vor der Praxisabgabe stehenden Hausarzt beschäftigt ist. Und das der einzelne Arzt jährlich mit Gehaltserhöhungen (Honoraranpassungen durch die GKV) rechnen darf, ist wohl auch utopisch, oder?!
Darüber hinaus werden zusätzliche Leistungen des Praxischefs etwa für die Gesundheitsförderung oder freiwillige Prämien und Fahrkostenzuschüsse von den MFA oft nicht als Gehalt, sondern als selbstverständlich wahrgenommen.
Und eine Weiterbildung etwa zur Praxismanagerin ist nun mal keine Garantie dafür, dass man in „seiner“ Praxis auch als solche eingesetzt wird oder werden kann! Auch Akademiker verdingen sich von Zeit zu Zeit als Taxifahrer und können dem Fahrgast anschließend keine Rechnung z.B. nach Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) stellen.
Weiterbildung ist ohne Frage wichtig, sollte aber im Vorfeld mit dem Arbeitgeber abgesprochen werden, damit es anschließend keine Enttäuschung gibt.
Ich bitte diesen Kommentar nicht falsch zu verstehen, eine gute Praxis braucht gute MFA sonst läuft sie nicht, auch nicht mit dem besten Arzt/Ärztin. Aber derartige Statistiken zeichnen m.E. ein falsches Bild!
Mit freundlichen Grüßen
Patric Gremmel-Rohwer
Rohwer Steuerberatung
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