Ärzte Zeitung online, 15.04.2014

Hebammen-Haftpflicht

Eine teure Verschnaufpause

Land in Sicht für Deutschlands Hebammen: Zumindest für einen großen Teil ist die Haftpflicht ein weiteres Jahr gerettet. Doch das hat seinen Preis.

Von Ilse Schlingensiepen

Versicherungsschutz für Hebammen steht - Prämien steigen

Hebammen-Protest in Dortmund: Die freiberuflichen Geburtshelferinnen fürchten der exorbitant hohen Haftpflicht-Prämien wegen um ihren Berufsstand.

© Ina Fassbender / dpa

KÖLN. Für einen Großteil der freiberuflich tätigen Hebammen ist der Versicherungsschutz für ein weiteres Jahr unter Dach und Fach. Richtig zufrieden ist mit dem Vertrag allerdings niemand.

Seit Längerem machen die freiberuflich tätigen Hebammen darauf aufmerksam, dass die stetig steigenden Versicherungsprämien zu einem existenziellen Problem werden. Im Februar dieses Jahres verschärfte sich die Situation weiter, weil die Nürnberger Versicherung zum 1. Juli 2015 ihren Rückzug aus der Berufshaftpflicht ankündigte.

Der Versicherer ist zurzeit noch Teil eines Konsortiums, das einen Gruppenvertrag mit dem Deutschen Hebammenverband (DHV) abgeschlossen hat. An ihm sind die Versicherungskammer Bayern zu 50 Prozent, die R+V zu 30 Prozent und die Nürnberger mit 20 Prozent beteiligt.

In einem Vertrag mit dem kleineren Bund freiberuflicher Hebammen Deutschland (BfHD) tragen die Nürnberger und die R+V jeweils 50 Prozent des Risikos.

Für den DHV-Vertrag hat der zuständige Versicherungsmakler Securon jetzt einen Vertrag bis Mitte 2016 festgezurrt. Die Versicherungskammer Bayern erhöht ihren Anteil auf 55 Prozent, Allianz, Axa, Debeka, Ergo und Württembergische übernehmen jeweils kleine Anteile.

BfHD: Für uns keine Option

Allerdings dreht sich Preisschraube für die Hebammen weiter. Die Prämien, die bereits zum 1. Juli 2014 um 20 Prozent auf 5090,76 Euro steigen, werden sich Mitte 2015 um weitere 20 Prozent erhöhen.

"Wir sehen den Fortbestand der Berufsgruppe Hebammen weiter sehr stark gefährdet", sagt Securon-Geschäftsführer Bernd Hendges.

"Die private Versicherungswirtschaft hat ihre Hausaufgaben gemacht, nun ist die Politik am Zuge und muss unterstützende Lösungen einführen, die zu einer langfristigen und für die Hebammen bezahlbaren Haftpflichtlösung führen."

Der DHV ist mit dem Vertrag nicht zufrieden. "Das ist nicht die Lösung für die freiberuflich tätigen Hebammen, sondern Stückwerk und bedeutet für die Hebammen ein Sterben auf Raten", betont Präsidentin Martina Klenk. Ein weiterer Anstieg der Versicherungsprämien sei nicht mehr zu verkraften.

Scharfe Kritik kommt vom kleineren BfHD. "Das Modell ist für uns keine Option", sagt die Verbandsvorsitzende Ruth Pinno. Schließlich habe es in den vergangenen Jahren zu einer stetigen Erhöhung der Prämien geführt.

Pinno fürchtet, dass die Politik jetzt erst einmal die Hände in den Schoß legt, weil scheinbar kein dringender Handlungsbedarf mehr bestehe. Es dürfe zudem nicht sein, dass es Versicherungsschutz nur für die Mitglieder eines Verbandes gibt.

[17.04.2014, 13:22:16]
Lyda Abdallah 
Informieren, dann kommentieren
Sehr geehrter Herr Döring,
Ich möchte gern zu Ihrem Kommentar Stellung nehmen:
Wenn man in Betracht zieht, mit welcher Häufigkeit (bzw. Seltenheit) schwere Komplikationen während oder kurz nach einer Geburt auftreten (welche das von Ihnen genannte Scenario rechtfertigen würden) relativiert sich so eine Forderung auf Einschränkung des Grundrechtes auf freie Wahl des Geburtsortes (verankert im Sozialgesetzbuch V und bestätigt vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2010). Für eine Abruptio placentae liegt das Risiko bei zuvor als unkompliziert eingestuften Geburten bei < 1:10.000, ebenso bei Nabelschnurprolaps. Schulterdystokie sowie Herztonunregelmäßigkeiten stellen zwar etwas häufigere Komplikationen dar, sind jedoch (zu allermeist) auch ohne Notsectio zu behandeln. (Quelle: Cochrane Review 2012: Planned hospital birth vs planned homebirth)
Im Gegenteil, ein Vergleich der Daten aus dem Qualitätsbericht von QUAG e.V. 2011 mit der Bundesauswertung des Institutes für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH aus dem gleichen Jahr zeigt eine deutlich höhere Zahl an schweren Geburtsverletzungen und perinatalen Komplikationen bei den Klinikgeburten, sowie eine höhere Anzahl an sekundären Sectiones bei gleichem kindlichen Outcome. Studien aus Kanada und den Niederlanden weisen ebenfalls darauf hin, dass geplante und betreute Hausgeburten sicher sind und zu weniger geburtshilflichen Eingriffen und Komplikationen führen, als vergliechbare Klinikgeburten (CMAJ 2009: Outcomes of planned home birth with registered midwife versus planned hospital birth with midwife or physician und BMJ 2013;346:f3263).
Zu Ihrem 2. Argument weise ich auf die Angaben des GDV zum Thema „Warum bezahlbarer Versicherungsschutz für Hebammen immer schwieriger wird“ vom 14.02.2014 hin. Ich zitiere:
„Es gibt nicht mehr Geburtsschäden als früher. Aber die Behandlung und Pflege nach schweren Komplikationen werden immer vielfältiger, andauernder und letztlich teurer.“ Zudem ist das Risiko schwer kalkulierbar, da die Verjährungsfristen extrem lang sind, und es gibt nur wenige (nämlich noch genau 3) Anbieter dieser Haftpflichtversicherung im verblieben Konsortium.
Das Problem der Haftpflichtversicherung in der Geburtshilfe betrifft nicht nur Hebammen, sondern auch Belegärzte und (kleinere) Geburtskliniken. (Das Deutsche Ärzteblatt berichtete) Die Versicherungsbeiträge erreichen exorbitante Summen, mit dem Ergebnis, dass schon heute viele der kleinen geburtshilflichen Einrichtungen (v.a. Belegkliniken und Geburtshäuser) schließen müssen. Folge: Eine wohnortnahe, flächendeckende Versorgung mit geschulten und erfahrenen Geburtshelfern/Innen ist schon heute in einigen Gegenden nicht mehr gewährleistet.
Hier ist die Politik gefragt: Eine Deckelung der Schadenssummen wäre eine Option, die Einrichtung eines Fonds eine andere.
Ich denke, bei diesem Thema ist es besonders wichtig, dass sich nicht die einzelnen Träger und Akteure unseres Gesundheitssystems gegeneinander ausspielen, sondern dass wir alle an einem Strang ziehen.
Mit freundlichem Gruß,
L. Abdallah
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[17.04.2014, 10:56:33]
Christina Baris 
Eltern brauchen Wahlfreiheit
Sehr geehrter Herr Döring,

was Sie hier kommentieren ist schlichtweg falsch. Die Steigerungen der Haftpflichtversicherung für die Hebammen kommt NICHT allein durch Schadensfälle bei Geburten in der Häuslichkeit zu stande. Die Hebammen müssen alle Schadensfälle in der Geburtshilfe deckeln. Heutzutage ist alles teurer geworden und jeder will seinen Stück vom Kuchen haben. Betroffene Kinder sind kostspielig - da will die Pflege bezahlt werden, die Steuern, die dieser Mensch weniger oder gar nicht dem Staat zu kommen lassen kann, weil er nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, die Rente muss bezahlt werden usw. usf.!

Und generell Eltern brauchen die Wahlfreiheit des Geburtsortes. Um diese Wahl gut treffen und ihren Weg als Familie gehen zu können, brauchen sie eine kompetente Fachfrau - die Hebamme - an ihrer Seite. Dieser Fakt senkt enorm die Risiken von Geburtskomplikationen.
Auch zeigen Studien, dass Hausgeburten NICHT gefährlicher als Klinikgeburten. Demgegenüber sind Klinikgeburten kostenspieliger für die KVs und den Staat, sie ziehen oft eine Kaskade an Apparatemedizin und folglich ursprünglich nicht nötigen Interventionen mit sich.

Und wenn alle Frauen nun zur Geburt in die Kliniken fahren, wer sagt, dass eine 1-2 h Anfahrt bis zur nächsten Geburtstation unter Wehen ungefährlich ist? Ja, so schlecht ist die ländliche Versorgung bisweilen geworden.

Also lieber Herr Döring belesen Sie bitte das nächste Mal genauer!
Nicht für jede Familie gibt es den gleichen Weg, sondern nur den eigenen.

Herzlichst,
C. Baris
Ärztin und Zweifach-Mutter zum Beitrag »
[15.04.2014, 23:01:42]
Dieter Döring 
Hebammen-Haftpflich
Wenn man sich mal überlegt, dass bei jeder Geburt, auch wenn vorher allles in Ordnung war, ein akuter, für Mutter und Kind lebensbedrohlicher Notfall eintreten kann, der sofort einen Gynäkologen, Chirurgen und Anästhesisten erforderlich macht, dann muss man sich mal die Frage stellen:
Brauchen wir überhaupt Hausgeburten? Die Versicherungen geben doch nur weiter was in den letzten Jahren bei den Hausgeburten mit den Hebammen passiert ist.
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