Ärzte Zeitung online, 02.12.2013

Studium

Hausarzt-PJ? "Natürlich!"

Alle Studenten sind gegen eine PJ-Pflichtzeit in der Allgemeinmedizin. Alle? Nein - denn es gibt einige Studenten, die nach einer Famulatur zum begeisterten Fürsprecher der Pflichtzeit werden. Eine von ihnen ist Juliane Höfer, Studentin in Dresden.

Von Rebecca Beerheide

PJ-Pflichtzeit in der Allgemeinmedizin? "Natürlich!"

Der Vorschlag der DEGAM überzeugt mich: Medizinstudentin Juliane Höfer.

© Privat

DRESDEN. Das Pflichtquartal in der Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr scheint für Studenten ein Feindbild zu sein - jedenfalls lassen das die Stellungnahmen der studentischen Vertreter im Hartmannbund oder im Marburger Bund sowie die Bundesvertretung der Medizinstudenten vermuten.

Von "Zwangszeiten" oder "nicht zielführend und kontraproduktiv" ist dort zu lesen. Anlässlich der Koalitionsverhandlungen hatte die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) kürzlich vorgeschlagen, das Praktische Jahr künftig in Quartale einzuteilen und neben der Inneren Medizin und Chirurgie auch die Allgemeinmedizin zum Pflichtfach zu erklären.

Ein Wahlquartal - die fehlende Wahlfreiheit war bislang das heftigste Gegenargument der Studentenvertreter - in einem anderen Fachgebiet wäre so weiterhin möglich.

Doch nicht alle Studenten sind gegen eine Pflichtzeit in der Allgemeinmedizin - es gibt auch begeisterte Fürsprecher.

Eine von ihnen ist Juliane Höfer: "Wo vor meiner Famulatur noch das Bild existierte, dass die Allgemeinmedizin mit vielen bagatellisierten Erkrankungen zu tun hat, wendete sich diese Anschauung komplett, das Patientenspektrum war unglaublich breit", erzählt die 23-Jährige im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Seit ihrer Famulatur in einer Praxis in Oberbayern ist Höfer, die im zweiten Klinischen Semester an der TU Dresden studiert und aus Jena stammt, fast schon überzeugte Allgemeinmedizinerin. "Rund 80 Prozent aller Patienten kommen zunächst zum Hausarzt.

Damit hat der Hausarzt eine wahnsinnig wichtig Rolle im Gesundheitswesen." Und sie bekennt: "Ohne eine motivierte und in der Lehre erfahrende Kollegin hätte ich nicht so schnell zur Allgemeinmedizin gefunden."

Die Aufregung ihrer Kommilitonen über ein PJ-Pflichtquartal kann sie nicht verstehen ... Warum? Das lesen Sie exklusiv in der "Ärzte Zeitung digital" vom 2.12.

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[02.12.2013, 19:00:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Hausärztliche Philippika
Im Idealfall ist die familienorientierte, hausärztliche Allgemeinmedizin äußerst spannend: Biografisch begleitend im anamnestisch-untersuchenden, diagnostisch-therapeutischen Prozess von der Prävention über Intervention zur Palliation. "Von der Wiege bis zur Bahre" sozusagen, geht es um Soziale Medizin im weitesten Sinne, um Krankheitserkennung, Verhütungs-, Versorgungs- und Bewältigungsstrategien.

Alles natürlich qualitätsgesichert, monitorisiert, kategorisiert, qualifiziert, quantifiziert, validiert, evaluiert und publiziert. Ob es auch immer angemessen monetarisiert wird, sei dahin gestellt. Extrapoliert übrigens auch: Schätzungsweise 80-85 Prozent aller Beratungsanlässe werden auf der hausärztlich-allgemeinmedizinisch-internistischen Ebene gelöst. Fach- und spezialärztliche Konsultationen, Interventionen, stationär-klinische Versorgung vom regionalen Kreiskrankenhaus bis zum Fach-, Schwerpunkt-, Hochleistungs- und Universitäts-Klinikum sind in der gelebten medizinischen Versorgung unserer Patientinnen und Patienten durchaus gerechtfertigte, aber seltenere biografische Ereignisse.

Was hatte die Allgemeinmedizin für mich persönlich zu bieten? Adrenogenitales Syndrom (vom Kollegenvater nicht erkannt), Turner-XO-Syndrom, Borrelien-Monarthritis beim 4-jährigen Kind punktiert, agitierte wahnhafte Psychose (von Radiowellen verfolgt) mit Faustschlag in mein Gesicht beim Verlassen der Praxis, frühzeitige Endokarditis- und Myokarditisdiagnosen, Soforttherapien bei dekompensierter Herzinsuffizienz und Lungenödem, ebenso bei Gallen-, Nierenkoliken und akuten Gichtanfällen, frühe Primärdiagnosen bei Hodgkin-, Non-Hodgkin- und anderen Lymphomen bzw. Leukämien (ich hatte selbst 2000 und 2007 ein kombiniert hoch- und niedrig-malignes NHL mit initialer Hochdosis-Chemotherapie, autologer Stammzelltransplantation und späterer retroperitonealer OP), Zyklothymiediagnostik, Depressionen mit/ohne erfolgreiche Suizidprävention, Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen, HIV-Infektion mit primär pulmonaler Hypertonie als Primärdiagnostik, Osteosarkom und Knochenmetastsen bei unbekannten Primärtumoren. Nicht zu vergessen, die palliative "bed-side" Begleitung bis zum Tod bei dekompensierter Herzinsuffizienz, vielen Bronchialkarzinomen, Pleuramesotheliomen, Ovarialkarzinomen, Peritonealkarzinosen, Prostatakarzinomen, um nur einiges zu nennen. Von Impf- und Reisemedizin, Diabetes, KHK, Hypertensiologie, MS, Orthopädie, HNO, Dermatologie, früher Infarktdiagnostik, Kontrazeptions- und Konzeptions-(Kinderwunsch)Beratung will ich gar nicht erst anfangen. Ein besonders spektakulärer Fall blieb klinisch-ambulanter Gesprächsstoff: Ein Gastprofessor der hiesigen Dortmunder Universitäten, aus dem ost-asiatischen Partnerland gerade eingeflogen, wurde von seinen Studenten in präfinaler Urämie kaum ansprechbar in meine Praxis getragen. Verständigung nur in Englisch mit asiatischem Akzent. Seine Flugreise war bei einem Serum-Kreatinin von 13 mg% noch ärztlich befürwortet worden. Er wurde telefonisch sofort auf der Intensivstation in einer befreundeten Klinik avisiert und traf dort notfallmäßig mit einem KREA von 18 mg% ein. Eine sofortige Peritoneal-Dialyse rettete ihm das Leben. Am Folgetag war er wieder ansprechbar und ist mit regelmäßiger Nierendialyse wieder an seiner Heimatuniversität aktiv.

Deshalb, und nur deshalb setzt ich mich so für Ausbildung, Qualität, Wahrnehmung, Anerkennung, Respekt, Honorierung in der h a u s ä r z t l i c h e n Sache mit eigener Transpiration und Inspiration ein. Das mag manchmal arrogant, überheblich, besserwisserisch und unduldsam klingen. Aber familienorientierte, hausärztliche Allgemeinmedizin, Innere, Pädiatrie bzw. in Teilen auch Gynäkologie und Geburtshilfe sind i n t e g r a l e r Bestandteil des Medizinstudiums und Staatsexamens.

Proteste von Studierenden des Hartmannbundes und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) entsprechen der "Sturm und Drang"-Phase einer verwissenschaftlichten, an konkurrierenden Fachdisziplinen orientierten Spartenmedizin. Sie werden jedoch durch die Realität konterkariert: Über 40 Prozent der später im Berufsfeld ambulante Medizin dann überhaupt ärztlich Tätigen werden über kurz oder lang in der Grundversorgung von Allgemeinmedizin und verwandten Fächern landen.

Was cand. med. Juliane Höfer hier als Pflichtquartal Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr vorbildlich in Übereinstimmung mit der DEGAM fordert, bedeutet auch ökologisch wie ökonomisch optimale Ausnutzung vorhandener Ausbildungs-Ressourcen in der gesamten Humanmedizin.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Kaprun/A)
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