Ärzte Zeitung App, 06.11.2014

Plagiatsvorwürfe

Haben Ärzte einen Hang zum Schummeln?

Doktorarbeiten und Habilitationen in der Medizin werden einem "Handelsblatts"-Bericht zufolge überdurchschnittlich oft ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Standards gefertigt. Die Gründe dafür könnten im System selbst liegen.

Von Marco Hübner

Haben Ärzte einen Hang zum Schummeln?

Der Diebstahl geistigen Eigentums kann auch für Ärzte mit der Aberkennung der Promotion oder Habilitation seitens der zuständigen Universität enden.

© Stephan Jansen / dpa

NEU-ISENBURG. Im Zuge der Plagiatsaffäre 2011 um den damaligen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist das Thema wissenschaftliches Arbeiten aus dem Wissenschaftskosmos in den Niederungen des gesellschaftlichen Alltags angelangt. Stand doch plötzlich nahezu jeder Akademiker unter dem Pauschalvorwurf des Schummelns.

In kurzer zeitlicher Folge mussten außer Guttenberg noch mehrere prominente Politiker aller Parteicouleur zurücktreten und/oder bekamen die akademischen Doktorweihen aberkannt.

"Der Druck, viel zu publizieren, ist unter Medizinern sehr hoch" sagt eine Sprecherin des Gremiums "Ombudsmann für die Wissenschaft" im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" und sucht so eine mögliche Erklärung für eine potenziell erhöhte Plagiatsanfälligkeit unter promovierenden und habilitierenden Ärzten.

Über dieses Phänomen spekulierte die Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" am Mittwoch prominent unter dem Titel "Dr. med. Plagiat". Das Gremium gehört zur Deutschen Forschungsgemeinschaft und untersucht Plagiatsangelegenheiten. Das dortige Kollegium berät dabei alle vorgetragenen Hinweise und Anfragen und erarbeitet daraus Empfehlungen zum weiteren Vorgehen.

Knackpunkt Teamwork?

Die Bedingungen, unter denen im Bereich Medizin gearbeitet wird, könnten die besondere Stellung der Mediziner im Wissenschaftsbetrieb begründen, so die Sprecherin weiter. Hinzu komme, dass es gerade in dieser Gruppe besonders oft zu Autorenstreitigkeiten komme. Grund: Speziell Mediziner seien ausgeprägte Teamworker, die auf gemeinsame Erkenntnisse angewiesen seien.

Doktorarbeiten und Habilitationen im Fach Medizin würden überdurchschnittlich oft ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Standards gefertigt, berichtete das "Handelsblatt" und berief sich dabei auf fast ein Dutzend Fälle, die der Zeitung vorlägen.

Überschneidungen im Fokus

Die von der Wirtschaftszeitung aufgespürten Fälle kämen von der Uni Freiburg, aber auch von Fakultäten in Heidelberg, Hannover oder Göttingen. In denen zeige etwa die Habilitationsschrift eines Medizinprofessors "mehr oder weniger starke Überschneidungen" mit der Arbeit eines oder mehrerer seiner Doktoranden auf. In allen Arbeiten würden sich Übereinstimmungen im Text oder bei Abbildungen und Tabellen zeigen.

Die meisten Vorkommnisse "wissenschaftlicher Unredlichkeit" gäbe es in der Medizin, kommentiert Jurist Wolfgang Löwer, Sprecher des Gremiums Ombudsman für die Wissenschaft, im "Handelsblatt".

Es scheine an vielen Fakultäten in Deutschland gebräuchlich zu sein, aus gemeinsam ermittelten Daten mehrere Titel zu produzieren, heißt es weiter in dem Artikel. Wer dann Urheber welcher Leistung sei, bliebe meist unerwähnt. Grund dafür, dass dieses Vorgehen des Gebens und Nehmens im Team bis heute funktioniere, sei nach Auffassung des Blattes mangelndes Unrechtsbewusstsein im wissenschaftlichen Medizinbetrieb.

Aktuell werden über 30 Arbeiten geprüft

Aktuell würden in Deutschland mehr als 30 wissenschaftliche Arbeiten im Fach Medizin untersucht. Geprüft wird, ob Doktoranden von Habilitanden - oder umgekehrt - voneinander abgekupfert haben und so Regeln wissenschaftlichen Arbeitens verletzten.

Zuletzt sorgten Berichte über fragwürdige wissenschaftliche Arbeiten unter Sportmedizinern in Freiburg für Aufsehen in Medizinischen Fachkreisen (wir berichteten).

Ob die Berichterstattung - ähnlich wie bei vergangenen medialen Attacken auf Ärzte zum Beispiel in Sachen Selbstzahlerleistungen - für einen Sturm der Entrüstung auf Patientenseite sorgen wird, bleibt fraglich. Niedergelassene Ärzte müssen sich aber darauf einrichten, diesbezüglichen, hämischen Kommentaren ausgesetzt zu sein, sollte es zeitnah zu einer Situation kommen, die das Arzt-Patienten-Verhältnis belastet.

[06.11.2014, 17:23:44]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
ich weis nun nicht genau wie das bei Nicht-Medizinern ist,
Für Ärzte, die sich einer Dr.-Arbeit unterziehen, ist das primäre Berufsziel jedoch nicht die Wissenschaft, sondern der Arztberuf. Dabei sehe ich die Dr.-Arbeit nicht nur symbolisch als nützlich für den letztlich NOTWENDIGEN Anspruch einer wissenschaftlichen Basis auch der Berufsausübung selbst.
Wie und mit welcher Qualität eine solche Arbeit durchgeführt, variiert bekanntlich extrem, jede Pauschalierung ist hier absolut unangebracht!!!!!!!!!!
Nicht selten ist es so, dass ganze Passagen der wichtigen Diskussion als Kern jeder Arbeit vom Dr.-Vater wörtlich diktiert werden, na und? bei einem blutigen Neuling? Wer soll ihm das sonst beibringen, wenn nicht der Dr.-Vater?
Andererseits ist es auch verständlich, dass dieser Dr.-Vater die faktischen Daten daraus für seine eigenen Publikationen selbst verwendet, na und ?
Was ist schlimm daran, wenn in einer "Vielmännerarbeit" das gleiche (gemeinsame) Datenkollektiv, oder Teile davon von unterschiedlichen Erstautoren der publizierenden Gruppe mehrfach publiziert wird unter verschiedenen Aspekten?
Wer bitte darf sich hier aufschwingen etwas zu verbieten, wobei schon seit vielen Jahrzehnten gerade in der medizinischen Literatur von einer Zeitschrift eine Arbeit einfach zur Veröffentlichung abgelehnt werden kann,
nicht immer erfährt man dafür einen plausiblen Grund.
Damit ist immer noch nicht impliziert, dass man unbefugt fremde Fakten als eigene Fakten bezeichnet. In der Regel benutzt der (klinisch) medizinische Doktorand nicht eigene Patienten, sondern die seines Dr.-Vaters ohne dass hier ein Ombudsman zu entscheiden hätte ob er das darf oder nicht, oder ob der Doktorvater anschließend Ergebnisse seiner Patienten publizieren darf, die (mehrere) Doktoranden mit seiner Hilfe analysiert haben. Auch werden nicht selten bei aufwendigen Datenanalysen mehr als ein Doktorand mit dem gleichen Datenpool "beschäftigt".
Eine negative Pauschalierung gegen einen ganze Berufsgruppe ist schlicht skandalös.
Der vorsätzliche CO2-Klimawandelschwindel ist dagegen eine echter GIGANTISCHER WISSENSCHAFTSSKANDAL. zum Beitrag »
[06.11.2014, 15:30:12]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Da die Medizin nicht so korrupt ist, wie z.B. die Klimawissenschaft,
muss sie schlecht gemacht werden.
Das wird das Arzt-Patientenverhältnis sicher nicht belasten.

Warum schweigt man über die CO2-Lüge und baut Windmühlendenkmäler für unsere Nachkommen.
Schildbürgerdenkmäler für korrupte Wissenschaft.
Damit sollte sich ein "Ombudsmann für die Wissenschaft" befassen,
oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft
oder ein "Handelsblatt". zum Beitrag »

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