Ärzte Zeitung, 17.11.2014

Ärztemangel auf dem Land

Ist Delegation die Lösung?

Ärztliche Aufgaben verstärkt zu delegieren, könnte die Arbeit auf dem Land attraktiver machen, meint der Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Ein Ökonom widerspricht.

Von Ilse Schlingensiepen

Ist Delegation die Lösung?

Nur wenige junge Ärzte wollen künftig als Hausarzt auf dem Land arbeiten und leben. Finanzielle Anreize sollen das verändern.

© Marco2811 / fotolia.com

DÜSSELDORF. Der drohende Hausarztmangel auf dem Land liegt häufig nicht an der mangelnden Attraktivität der Regionen, sondern an Fehlern im Gesundheitssystem. Davon ist Staatssekretär Karl-Josef Laumann (CDU), Patientenbeauftragter der Bundesregierung, überzeugt.

Ist Delegation die Lösung?

In vielen westfälischen Kleinstädten gebe es mehr Apotheker als Bäcker, es gebe Zahnärzte, Architekten, Steuerberater und Rechtsanwälte. "Alle wollen ins Münsterland, nur Hausärzte finden wir nicht. Da ist doch etwas faul im System", sagte der westfälische Politiker beim Medica Econ Forum der Techniker Krankenkasse (TK).

Es mangele nicht an engagierten Menschen, die als Hausärzte in ihrer ländlichen Heimat arbeiten wollen. Sie scheiterten aber häufig am Numerus Clausus. Die Universitäten bilden nach Einschätzung Laumanns nicht nur zu wenig Mediziner aus, sondern auch die falschen.

Bewusstsein wächst

Mit Modellen der Delegation von Leistungen an medizinische Fachangestellte könnte die ärztliche Arbeit gerade auf dem Land wieder attraktiver werden, erwartet Laumann. Die Mitarbeiterinnen könnten die Praxischefs bei Hausbesuchen und anderen Aufgaben entlasten.

Mit diesem Thema hätten sich die Ärzte lange schwer getan, bemängelte er. Jetzt wachse aber auch bei Ärztefunktionären das nötige Bewusstsein, freute er sich. "Das passiert nicht von heute auf morgen, aber wir sind auf dem richtigen Weg."

Der Gesundheitsökonom Professor Wolfgang Greiner, Mitglied im Gesundheits-Sachverständigenrat, sieht in der Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen zwar ein Instrument, um drohenden Versorgungslücken entgegenzuwirken. Er hält das Ausmaß aber für begrenzt.

Nach Studien könnten nur zehn bis 15 Prozent des ärztlichen Tuns von anderen Berufen übernommen werden, sagte Greiner. Auch für Telemedizin sieht er nur begrenztes Potenzial.

Greiner bezeichnete die sich abzeichnenden Lücken in der hausärztlichen Versorgung als alarmierend. Im ländlichen Raum müssten die Mediziner künftig zusätzliche Aufgaben übernehmen, gerade in der Koordination. "Wir bräuchten künftig mehr Hausärzte, und genau das Gegenteil ist der Fall.

"Das Instrument der finanziellen Anreize, um Ärzte für die Tätigkeit auf dem Land zu gewinnen, ist nach Überzeugung des Wissenschaftlers noch nicht ausgereizt. Eine Möglichkeit wäre es, Ärzten auf dem Land höhere Punktwerte zu bezahlen. "Da traut man sich nicht heran, weil man dann einer großen Zahl von Ärzten etwas wegnehmen würde", so Greiner.

Versorgung 2020

Aus Frust über die Unterfinanzierung und die geringe Akzeptanz der Fachgruppe hätten Hausärzte eine Zeit lang den eigenen Beruf schlecht geredet, sagte der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Theodor Windhorst.

"Wenn wir vorsichtig herangehen, werden wir auch wieder mehr Akzeptanz für die Versorgung in der Peripherie bekommen." Die Ärzteschaft wird das Problem lösen, ist Windhorst sicher.

Angesichts der vielen neuen technischen Möglichkeiten wird sich die Versorgung bis zum Jahr 2020 deutlich verändern, erwartet der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK Thomas Ballast.

"Wir brauchen aber auch in Zukunft eine persönliche Arzt-Patienten-Beziehung und Pfleger, die mit Menschen arbeiten." Die Technik werde es aber ermöglichen, die personellen Ressourcen auf die wirklich notwendigen Fälle zu reduzieren, hofft Ballast.

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[17.11.2014, 11:30:30]
Hildegard Fuchs 
Viel Theorie, wenig Praxis
Der Artikel zeigt, dass die Verantwortlichen wenig Ahnung von der täglichen Praxis haben. Natürlich wäre der Arzt überfordert, wenn er nur 10 - 15 % seiner Tätigkeiten delegieren könnte. Und wenn diese -angebliche- Tatsache als "Abschreckung" vor sich hergetragen wird, finden sich keine jungen Mediziner, die sich auf's Land wagen bzw. die sich diesem vermeintlichen Stress freiwillig ausssetzen möchten. Die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus: Eine gut ausgebildete MFA mit Sozial- u. Fachkompetenz übernimmt mehr als 50% der ärztlichen Aufgaben, angefangen von der ganzen Verwaltung, Abrechnung, Patientenbetreuung mit allgemeiner Patientenführung, Injektionen, Infusionen, physikalische Anwendungen, Hausbesuche, Labor, EKG, Wundmanagement und, und, und...... Wo ist das Problem? Die entsprechend ausgebildeten Praxismitarbeiterinnen wachsen einerseits nicht auf den Bäumen und sind andererseits auch nicht für Billigtarif im Minijob oder in Teilzeit verfügbar! Vielleicht sollte an dieser Stelle Förderung das Gebot der Stunde sein, um den niederlassungswilligen Jungmedizinern den Job als Landarzt nicht nur schmackhaft, sondern auch praktizierbar zu machen?!
Hildegard Fuchs
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