Ärzte Zeitung, 24.07.2015

Gastbeitrag zur Chancengleichheit

Wenn Zahlen sprechen könnten

Immer mehr Frauen studieren Medizin. Aber ändert sich dadurch automatisch auch der Arbeitsalltag der Ärztinnen? Keineswegs, es wird noch lange dauern und viel Kraft fordern, bis Ärztinnen und Ärzte wirklich die gleichen Chancen haben.

Von Dr. Christiane Groß

Wenn Zahlen sprechen könnten

Ärztinnen in der Weiterbildung. Auf dem Weg nach oben wird die Luft für Frauen oft noch sehr dünn.

© Ernert

BERLIN. Auch wenn einige Zahlen dafür zu sprechen scheinen - die Zukunft der Medizin ist noch lange nicht weiblich. Fast zwei Drittel, zwischen 63 und 70 Prozent der Medizinstudierenden sind Frauen.

Der hoffnungsvoll scheinende Start wird auf dem Weg zur Ärztin und im beruflichen Alltag jedoch beträchtlich ausgebremst. In diesem Zusammenhang wird auch gerne die Senkung des Numerus Clausus für das Medizinstudium angeführt, vorgeblich, um dem drohenden Ärztemangel vorzubeugen, tatsächlich aber auch, um den Anteil der männlichen Ärzte wieder zu erhöhen.

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden teilte vor Kurzem mit, dass der Frauenanteil in der Medizin in allen Hierarchieebenen gestiegen sei. Mehr als die Hälfte, das heißt 56 Prozent der Assistenzärztinnen und -ärzte waren demnach im zuletzt erhobenen Jahr 2013 weiblich - eine nahezu perfekte Parität.

Dies bedeutet bei Licht betrachtet gegenüber 2004 einen langsamen Zuwachs von zehn Prozentpunkten. Bei den Oberärzten machen Frauen nur noch 28 Prozent aus, das entspricht einer noch langsameren Steigerung von sechs Prozentpunkten in neun Jahren.

Auf Chefarztsesseln sind aktuell nur geschätzte acht bis zehn Prozent Ärztinnen zu finden, die Luft ganz oben ist demnach extrem dünn.

Frauenquote für Aufsichtsräte ein erster Schritt

Die Forderung nach mehr Ärztinnen in Führungspositionen wird uns ganz sicher noch viele Jahre begleiten. Die verabschiedete gesetzliche 30-Prozent-Quote für Aufsichtsräte ist dazu ein von zahlreichen Frauennetzwerken und dem DÄB erfolgreich erkämpfter erster Schritt.

Im Gesundheitsbereich unterstützt die Aktion pro Quote Medizin diese Forderung. Als Schritte in die richtige Richtung könnten zum Beispiel Jobsharing-Modelle etabliert werden, die sich den gewandelten Familienmodellen anpassen.

Nach Ergebnisse einer Umfrage unter den Mitgliedern des Deutschen Ärztinnenbundes sind die Hälfte der Befragten grundsätzlich an Jobsharing interessiert und 72 Prozent könnten sich Jobsharing auch in einer Führungsposition vorstellen.

Bei einem Kulturwandel, bei dem sich perspektivisch ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auch im Gesundheitswesen widerspiegelt, wären diese Modelle durchaus realistisch umsetzbar und wahrscheinlich sogar für junge Ärzte interessant.

Schwierig ist offensichtlich die Beteiligung von Frauen in der medizinischen Forschung. Bei den W3/C4 Professuren liegt der Frauenanteil weit unter zehn Prozent. Bei den Doktoranden liegt der Frauenanteil noch bei über 50 Prozent und verdünnt sich bei den Habilitationen auf 20 Prozent.

Offensichtlich fehlen hier Modelle, wie Ärztinnen den Anforderungen durch Stationsdienst, Forschungsarbeit und Familienversorgung gerecht werden können. In den berufspolitischen Gremien liegt die Anzahl der Ärztinnen meist auch nur um die 20 Prozent.

Trotz der politischen Empfehlung werden bei den Wahlen zu den ärztlichen Körperschaften Wahllisten meist nach wie vor nicht paritätisch nach Geschlecht besetzt.

Die Unterrepräsentanz hat offensichtliche Gründe, die, auch wenn sie häufig benannt werden, deshalb nicht weniger zutreffen. Die Zahlen, so wie sich darstellen, sind nicht zuletzt immer noch in tradierten Geschlechtsstereotypen und Rollenbildern begründet.

Bei den Geschlechtsstereotypen handelt es sich zum Beispiel um stark vereinfachte Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen rein normativ sein sollten. So wird eine durchsetzungsfähige Frau als "Karrierefrau" beschrieben, um das Stereotyp der Hausfrau und Mutter unangetastet zu lassen.

Kinder oder Karriere - das gilt häufig noch

Ärztinnen müssen sich nach wie vor für Kinder oder Karriere entscheiden, auch wenn sie sich ganz überwiegend Kinder wünschen.

Sie tragen immer noch - wie in andern Berufen auch - den größeren Anteil an Familienarbeit. Sie haben selten einen Partner im Hintergrund, der Familie und Freizeit organisiert, der Geburtstagsgeschenke für die Angestellten für die Praxis besorgt und den Papierkram erledigt. Mit diesem Rollenverständnis muss sich neben den Ärztinnen auch die neue Generation von Ärzten auseinandersetzen.

Die Ehefrauen von Ärzten jedenfalls sind auch zunehmend selbst berufstätig und fallen als Rückenstärkung für ihren männlichen Partner weg.

Immer noch viel zu wenige Krankenhäuser verfügen zudem über betriebseigene Einrichtungen zur Kinderbetreuung, und es fehlen ausreichend attraktive Modelle für die Teilzeit-Weiterbildung.

Fakt ist demnach, dass Beruf und Privatleben bei Ärztinnen und Ärzten sich noch lange nicht in einer ausgewogenen Balance befinden, gleiche Karrierechancen und familienfreundliche Arbeitsbedingungen noch immer nicht erreicht sind. Stattdessen blockieren sich berufliche Ziele und der Wunsch nach einer Familie gegenseitig. Zahlen können eben doch sprechen...

Dr. med. Christiane Groß, M.A., ist seit März 2015 neue Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes e.V.

[25.07.2015, 19:16:19]
Dr. Henning Fischer 
Frauen haben eine deutlich längere Lebenserwartung und gehen früher in Rente als Männer

warum? habe ich einmal eine Frauenbeauftragte gefragt.

 zum Beitrag »
[25.07.2015, 09:11:27]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Das hat mit "Geschlecht" prinzipiell nicht das geringste zu tun!!!
Es ist nur die etwas anmaßende Forderung nicht nur in der Medizin, sondern überall, für weniger Arbeit (Teilzeit) genau so viel Lohn zu fordern, wie für mehr Arbeit (Vollzeit).
Gerade im Angestelltenbereich ist eine unterschiedliche Bezahlung auf Grund des Geschlechts seit Jahrzehnten gesetzlich verboten!
Frauen werden eher bevorzugt, das steht heute noch in öffentlichen Stellenausschreibungen, obwohl DAS grundgesetzwidrig ist.
Muss man nun Männer kritisieren, weil sie nun mal (statistisch) EINDEUTIG UND UNZWEIFELHAFT mehr arbeiten?
Nein, muss man wirklich nicht, deshalb bitte endlich Schluss damit.
Kinder kriegen ist auch ein Geschenk der Natur, das Männern nun mal verwehrt ist. zum Beitrag »
[24.07.2015, 17:17:16]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Georg Rentsch
Von Georg Rentsch
Man wundere sich über das ständige Jammern auf höchstem Niveau. Alle niedergelassenen Ärztinnen bekleiden eine leitende Position. Lassen Sie bitte alle Zahlen sprechen. Den Luxus Jobsharing in einer Führungsposition am Krankenhaus kann sich die Gesellschaft bei diesem Ärztemangel nicht leisten.
Also auf in die Niederlassung Frau Christiane Groß und Sie sind Ihre eigene Chefin. Auch andere unzufriedene Krankenhausärztinnen sind willkommen.
Dr. Georg Rentsch,
Praktischer Arzt aus Bautzen zum Beitrag »
[24.07.2015, 09:10:56]
Karl Alexander Mandl 
Zahlen können sprechen - und überinterpretiert werden
Zahlen zu interpretieren ist nicht leicht und deshalb sehe ich es auch Frau Groß nach, wenn Sie die zunehmende Anzahl an Medizinstudentinnen und die wenigen Chefärztinnen in Bezug setzt. Aber es ist nun einmal so, dass man nicht direkt nach dem Studium Chefarzt (oder Chefärztin) wird. Somit regelt das die Zeit. Arbeitsbedingungen zu ändern - ok. Aber wenn sich die Partner nicht an der Kindererziehung beteiligen möchten, dann ist das kein Thema für die Ärzte Zeitung sondern die falsche, private Partnerwahl. Also nicht nur bei Zahlen heißt es: Augen auf! zum Beitrag »

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