Ärzte Zeitung, 12.04.2016

Hochschule Merseburg

An dieser Uni steht Sex bald auf dem Stundenplan

Als erste Universität in Deutschland bietet die Hochschule Merseburg ab dem Sommersemester den Studiengang "Sexologie" an. Der Bedarf an Fachkräften ist groß.

Von Pete Smith

An dieser Uni steht Sex auf dem Stundenplan

Vom Bett in den Hörsaal: Die schönste Nebensache der Welt wird im Studienfach "Sexologie" erstmals in Deutschland zur Hauptsache.

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BERLIN. Sex ist in den Medien allgegenwärtig. Von daher sollte man meinen, dass die Deutschen in den Fragen rund um die körperliche Liebe ausreichend informiert sind. "Das stimmt aber nur zum Teil", sagt Professor Harald Stumpe, Ordinarius für Sozialmedizin und Sexualwissenschaften an der Hochschule in Merseburg.

"In der Sexualberatung zeigt sich immer wieder, wie alleine Menschen mit ihren Fragen sind und dass Unwissen häufig zu Belastungen führt."

Seelenqualen nach dem Outing

In unserer Gesellschaft, so Stumpe, seien Scheintoleranz und Political Correctness weit verbreitet. "Beispielsweise gibt es noch immer Millionen von Menschen, die meinen, dass andere sexuelle Orientierungen außer der Heterosexualität krankhaft seien und sexuelle Vielfalt in den Lehrplänen der Schulen nichts zu suchen habe."

Zwar seien homosexuelle Partnerschaften rechtlich der Ehe fast gleichgestellt. "Trotzdem erleiden Tausende Jugendliche bei ihrem Coming-Out nach wie vor furchtbare Seelenqualen."

Im berufsbegleitenden Masterstudiengang "Sexologie - Sexuelle Gesundheit und Sexualberatung", den die Hochschule Merseburg im April erstmals anbietet, lernen Teilnehmer einen neuen Ansatz in der Sexualberatung, der weniger auf die Psyche denn auf die bewusste Erfahrung des Körpers gründet.

Der Studiengang richtet sich vor allem an Fachkräfte aus dem medizinischen, psychotherapeutischen, sozialen und pädagogischen Bereich, die ein Hochschulstudium abgeschlossen haben.

Für das dreijährige Studium fallen Gebühren in Höhe von 19 500 Euro an, nach dem Abschluss sind die Teilnehmer Master of Arts (M.A) und haben 120 ECTS-Punkte (European Credit Transfer System) erworben. Die meisten Seminare finden in Berlin statt, alle prüfungsrelevanten Lehrveranstaltungen in Merseburg.

Der Studiengang "Sexologie", den die Hochschule Merseburg in Kooperation mit dem Schweizer Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie ISP anbietet, soll Absolventen dazu befähigen, in sozialen, therapeutischen und medizinischen Einrichtungen als Sexualberater oder Sexualtherapeut tätig zu werden.

Harald Stumpe hat an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Humanmedizin studiert und nach seiner Promotion zunächst am Institut für Sozialhygiene geforscht, wo er erste Erfahrungen auf dem Gebiet der Sexualaufklärung erwarb.

Nach der Wende gründete und leitete er in Thüringen den Landesverband Pro Familia und arbeitete hauptberuflich in der Aids-Prävention.

1993 wurde er als Professor für Sozialmedizin und Sexualwissenschaften an die Hochschule Merseburg berufen, wo er mit zwei Kollegen den bundesweit einzigen sexualwissenschaftlichen Weiterbildungsmasterstudiengang "Sexualpädagogik und Familienplanung" entwickelte. Inzwischen ist Stumpe Dekan am Fachbereich Soziale Arbeit, Medien und Kultur.

Gelebte Sexualität

Der Studiengang "Sexologie" soll vor allem Einsichten in die vielfältigen Einflussfaktoren gelebter Sexualität vermitteln. Inhaltlicher Schwerpunkt ist das Modell "Sexocorporelle", ein in den 1970-er und 1980-er Jahren von Professor Jean-Yves Desjardins an der sexologischen Fakultät der Universität Montréal in Kanada entwickeltes körperorientiertes Konzept.

"So wie die Psyche das Sexualverhalten beeinflusst", erläutert Stumpe, "kann jenes auch über den Körper verändert werden."

Dabei gehe es aber keineswegs um Tantra oder andere erotische Rituale. "Gelehrt werden vielmehr Atem- und Wahrnehmungsübungen sowie An- und Entspannungstechniken, mit dem Ziel, das Sexualverhalten von Klienten über persönliche Lernschritte zu verändern und lebenslang weiterzuentwickeln."

Die Sexualwissenschaft sei traditionell eine Frauendomäne, erklärt der Arzt, was vor allem an der unterschiedlichen Sozialisation der Geschlechter liege: Frauen verstünden viel eher als Männer, dass soziale Kompetenzen nicht einfach vorhanden sind, sondern erworben werden müssen.

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