Ärzte Zeitung, 26.05.2016

Ausländische Ärztin

Zwischen Deutschkurs und Nachtschicht

Für Ärzte aus dem Ausland ist der Start in den Beruf hierzulande oft kompliziert. Dr. Verica Elez führte ein oftmals steiniger Weg von Sarajevo schließlich in eine Wiesbadener Allgemeinarztpraxis - das gelang auch dank guter Kontakte.

Von Christina Bauer

Zwischen Deutschkurs und Nachtschicht

Von Sarajevo nach Wiesbaden. (c) Rachela Pausen

WIESBADEN. Dr. Verica Elez, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, kennt das deutsche Gesundheitssystem gut. Seit 2013 arbeitet sie nun in Wiesbaden, angestellt bei Allgemeinarzt Dr. Sieverts-Paul Seebens.

Eine Kollegin aus dem ärztlichen Notdienst gab ihr seine Anfrage weiter. Elez gefällt die Zusammenarbeit. Niederlassen müsse sie sich nicht, sagt sie. Gerade bei Formalien verlasse sie sich gern auf den Praxisinhaber, auch im Arbeitsalltag erweise sich die Kooperation als Vorteil. So gingen viele Patienten bei bestimmten Erkrankungen lieber zu einem Arzt des eigenen Geschlechts. Gerade bei Elez sind zudem ihre Kroatisch- und Serbischkenntnisse gefragt.

"Für manche Patienten ist die Sprachbarriere sehr hoch. Wir haben zum Beispiel viele kroatische Patienten, die neu am Ort und sehr froh sind, wenn sie sich in ihrer Muttersprache mitteilen können." Sogar Patienten, die Deutsch sprechen, nutzen das Angebot gern.

Elez hat 2010 noch eine Facharztweiterbildung in Psychotherapie abgeschlossen. Ihr kultureller und Lebenshintergrund sind weitere, gute Anknüpfungspunkte bei der Behandlung. "Gerade wenn Patienten in einer größeren Krise sind, kann man ihre Situation leichter verstehen." Daher möchte sie an der Praxis bald auch Psychotherapie anbieten. Den Bereich Allgemeinmedizin hat sie ihrer Ansicht nach mit Dr. Seebens inzwischen gut neu aufgestellt.

Kriegsgefahr während Ausbildung

Der Weg dorthin war jedoch lang und oft beschwerlich. Anfang der 1990er studierte sie in Sarajevo, in ihrer Heimat Bosnien, absolvierte an der Universität die Pflichtjahre für die Weiterbildung in der Hand- und Plastischen Chirurgie, begann eine Facharztausbildung in Innerer Medizin. V

ier Monate später, im März 1992, musste sie wegen der Kriegsgefahr weg. Sie ging nach Frankfurt am Main, wo ihr Mann mit einem Stipendium in der Krebsforschung arbeitete. Nach dem ersten Schock über den Kriegsausbruch suchte sie sich einen Deutschkurs und Arbeit als Krankenschwester. Die Ausbildung hatte sie parallel zum Studium absolviert. "Ich dachte, das kann ich machen, bis ich die Sprache kann. Dann sehe ich auch, wie die Ärzte arbeiten, wie das Gesundheitssystem funktioniert."

Elez konnte nachmittags arbeiten und vormittags zum Deutschkurs gehen. Sie wechselte in die Nachtschicht, nutzte ruhige Stunden, um Krankenakten und Befunde zu studieren, analysierte Vorgehensweisen, übte deutsche Fachbegriffe.

Um als Ärztin arbeiten zu können, benötigte sie außer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis eine Berufserlaubnis. Die schien zuerst unerreichbar, denn sie erfüllte kein Kriterium. Eine Beratung beim Ministerium, ein engagierter Anwalt - nichts half. "Da war ich schon verzweifelt", erinnert sie sich. Sie wollte gar das Land wechseln, aber abfinden wollte sie sich nicht. "Ich sagte mir, irgendwas muss passieren."

Da halfen ihr neu geknüpfte Beziehungen, besonders eine in der Stadtpolitik tätige, kroatische Nachbarin und andere politisch Aktive. Ein Antrag auf Bundesebene brachte ihr schließlich die Berufserlaubnis ein.

In der Chirurgie einer Klinik in Idstein traf sie auf einen unterstützenden Chefarzt, Dr. Gerhard Achenbach, und ebensolche Kollegen. Weitere Kliniken folgten, besondere Belege brauchte sie nirgends mehr. Erst nach der Einbürgerung, Anfang der 2000er Jahre, lud man sie per Brief zur Ausgleichsprüfung für die Approbation ein. So absolvierte sie etwa ein Jahrzehnt nach dem Staatsexamen in ihrer Heimat das deutsche Staatsexamen und wurde approbiert.

Als 2003 nach kurzer, schwerer Krankheit ihr Mann starb, war sie mit einem Male mit den zwei Töchtern auf sich allein gestellt.

Nächtliche Notdienste

Die Kolleginnen vom Deutschen Ärztinnenbund rieten ihr zum Facharztabschluss in Allgemeinmedizin. Die meisten Voraussetzungen erfüllte sie bereits, die noch erforderlichen Praxisstunden und die Prüfung waren bald absolviert.

 Lange Zeit übernahm Elez vormittags als Honorarärztin Praxisvertretungen, nachts Notdienste, sodass Zeit blieb für ihre Töchter. Als diese 2013 im Studienalter waren, beschloss sie, mit der festen Praxistätigkeit bei Dr. Seebens einen neuen Berufsabschnitt zu beginnen. Dass sie nun doch nicht Internistin wurde, macht ihr nichts aus.

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