Ärzte Zeitung online, 15.02.2017

Zulassungsprüfung

Ärzte aus Syrien – Alles zurück auf Los

Mediziner aus Krisenländern, die in Deutschland wieder arbeiten wollen, brauchen einen langen Atem und starke Nerven.

Ärzte aus Syrien – Alles zurück auf Los

Chirurg Bernd Lohmann (weißes Hemd, r) erklärt jungen syrischen Ärzten die Behandlung eines Kniepatienten. In diesem speziellen Kurs können sich Mediziner aus Krisenländern auf die deutsche Zulassungsprüfung vorbereiten.

© dpa

FRANKFURT / MAIN. Afram Shamoun hat jahrzehntelang in Damaskus Patienten behandelt – jetzt liegt er in Frankfurt auf einer Behandlungsliege und mimt einen Kranken mit Knieproblemen. Der 59-Jährige nimmt an einem Kurs teil, der Ärzte aus anderen Ländern auf die Zulassungsprüfung für Mediziner vorbereitet. Heute wird für die "Bettenprüfung" geübt: Ein Teilnehmer spielt den Patienten, die anderen versuchen den Fall zu lösen, der Dozent kommentiert.

27 Mediziner nehmen an dem Kurs teil, den der Verein Berami organisiert. Im April 2016 ging es los, knapp 2000 Unterrichtseinheiten lagen damals vor ihnen, jetzt sind sie fast am Ende. Irgendwann in diesem Jahr werden sie in Marburg die Prüfung ablegen, die das hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen und die Landesärztekammer organisieren.

"Sehr gute Chancen"

"Erguss, Druckschmerz, Funktionstest", schreibt Bernd Lohmann an die Tafel. Er leitet heute den Kurs "Prüfungsfall Knieverletzungen". Vor seiner Pensionierung war er Chirurg, seit September arbeitete der 69-Jährige zwei Tage die Woche als Dozent. Die Chancen der Kursteilnehmer seien "sehr gut", sagt er. "Der Ärztemangel ist groß." Fachlich könne er wenig bemängeln, "das sind ja alles fertige Ärzte" - der Knackpunkt ist die Sprache.

Lila Ghali erinnert sich gut an ihr erstes Praktikum in einem Wiesbadener Krankenhaus. Sie ist 38, Fachärztin für Gynäkologie und kommt aus Syrien. "Sie dachten, ich habe keine Erfahrung", sagt sie in mittlerweile perfektem Deutsch. "Ich habe nichts verstanden und konnte nichts sagen." Auch wenn ihr Alltagsdeutsch inzwischen top ist - für die Prüfung reicht das noch lange nicht. Dafür muss man auch fit sein in der Fachsprache.

"Eigentlich müssen die Teilnehmer zwei Sprachen lernen", sagt Atilla Vurgun, der medizinisch-fachliche Leiter des Angebots: Für die Kommunikation mit dem Patienten heißt es "Kniescheibe", im Gespräch mit Kollegen und im Arztbrief "Patella". Erschwerend komme hinzu, dass im Nahen Osten arabische Fachbegriffe statt wie bei uns lateinische verwendet werden.

Stressfaktor Bürokratie

"Ich habe Angst vor der Prüfung", sagt Ammar Haeidar. Der 33-Jährige hat bereits eine "Berufserlaubnis", mit der er – für beschränkte Zeit und unter Aufsicht – in einem Frankfurter Krankenhaus arbeiten darf. Er stammt aus Syrien, hat im Iran Medizin studiert und dort als Notarzt gearbeitet. Man merkt dem Mann an, unter welchem Druck er steht. Was ihn noch mehr stresst als Job, Lehrgang und Prüfung ist die Bürokratie.

Welches Sprachzertifikat braucht man, was ist Prüfungsinhalt, wann ist man überhaupt dran? Manche bekommen in wenigen Wochen einen Termin und andere in einem halben Jahr. "Wenn schon die Anmeldung so kompliziert ist, wie wird dann erst die Prüfung?" Auch Raif Nahhas kennt diese Unsicherheit. Der 32-jährige Syrer wohnt in Mainz, wo er als "wissenschaftlicher Helfer" am Uni-Klinikum arbeitet. Seit geraumer Zeit versucht er herauszufinden, ob Rheinland-Pfalz die in Hessen erworbene Fachsprachenprüfung anerkennt.

Knapp 10 000 Euro kostet der Vorbereitungskurs, wenn man alle Module bucht. Elf Monate, fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich. Die Kosten übernimmt das Jobcenter oder die Arbeitsagentur. Die Nachfrage ist größer als die Kapazitäten der Kursanbieter. Es mangelt an Dozenten und Räumen. Wegen des großen Ansturms hat Berami inzwischen Auswahlgespräche eingeführt.

Anfangen bei Null

"Wir können Ärzte in der Patientenversorgung gut gebrauchen", heißt es bei der Landesärztekammer, "sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich". An erster Stelle stehe das Wohl des Patienten. "Deshalb darf es keine Abstriche an der Qualität geben." Laut Landesprüfungsamt wurden im vergangenen Jahr gut 300 Anträge auf eine Approbation und 114 Anträge für eine Berufserlaubnis gestellt.

Die Frage, wie viele es schaffen, am Ende in Deutschland zugelassen zu werden, können weder die Landesärztekammer noch das Sozialministerium beantworten. Auch über die Herkunftsländer ist angeblich nichts bekannt. "Bis vor zwei Jahren war Griechenland Schwerpunkt", weiß das Landesprüfungsamt. "Derzeitiger Schwerpunkt ist Afghanistan, Syrien und die Türkei".

Auch wenn die Ärzte jahrzehntelange Erfahrung als Facharzt haben: In Deutschland müssen sei bei Null anfangen. Die beiden Gynäkologinnen, die mit Kopftuch im Seminar sitzen, müssen wie alle im Kurs auch die Fachbegriffe aus Dermatologie, Lungenheilkunde oder Orthopädie lernen. Erst wenn sie die Approbation als Allgemeinmediziner haben, können sie erneut mit der Facharztausbildung anfangen. "Wir vergeuden da Ressourcen", findet Berami-Mitarbeiter Vurgun.

Chirurg Lohmann, der Dozent, hat als Oberarzt und Chefarzt mit vielen ausländischen Kollegen zusammengearbeitet. "Viele machen in den Kliniken demütigende Erfahrungen", sagt er. "Die laufen als Hospitanten mit; keiner hat was davon." Lila Ghali kennt das. "Man läuft hinter dem Chefarzt her – bis zur Klotür." Die Frauenärztin würde gern mit anpacken, wenn sie sieht, wie überlastet die Kollegen sind, darf aber – noch – nicht. "Die Ärzte leiden, weil sie so viel zu tun haben und wir leiden, weil wir zu Hause sitzen müssen." (dpa)

[16.02.2017, 18:08:10]
vlad arghir 
Abhilfe
Seit jahren wandern jährlich knapp 4000 Ärzte aus Rumänien aus. Medizinisches Personal ist unterbezahlt, überarbeitet, KH überfüllt. Diese (zugegeben, stark komprimierte) Zusammenfassung dürfte im ganzen osteurpäischen Raum eine gewisse Gültigkeit haben. Ein Palästinenser aus Syrien, der in Rumänien ein Anästhesie-Studium absolvierte, baute Anfang der 1990er das dortige Rettungsdienst auf. Ärzte aus Syrien? Warum nicht gleich gesagt?  zum Beitrag »
[16.02.2017, 09:52:13]
Wolfgang P. Bayerl 
muss ich leider bestätigen, Sprache ist wichtig
ich habe eine solche im Ausland approbierte Ärztin, die schon recht gut Deutsch sprach, mehrfach höflich gefragt, ob sie alles versteht, was z.B. medizinisch angeordnet war, das hat sie immer bejat. Dann habe ich sie allerdings dabei ertappt, dass sie bei einer geplanten iv.Injektion Novalgin und Novodigal verwechselt hat.
Damit musste ihr Einsatz natürlich eingeschränkt werden. zum Beitrag »
[15.02.2017, 18:32:24]
Klaus Günterberg 
Für fremde Ärzte ist die Sprache das A und O. Sie allein genügt aber noch lange nicht
Für fremde Ärzte ist die Sprache das A und O – genügt aber noch lange nicht. Da werden im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Zuwanderungswelle und mit dem Fachkräftemangel in unserem Land immer wieder und wieder Facharbeiter, Ingenieure, Akademiker und vor allem Ärzte, wie hier Ärzte aus Syrien, als Beispiel dafür angeführt, wie uns Zuwanderer berei-chern. So einfach ist das Problem aber nicht:

Ich habe bei solchen Äußerungen zunächst einmal ein sehr zwiespältiges Gefühl: Wir ziehen den ärmsten Ländern ihre fähigsten Leute ab, vergrößern dort wegen eines vermeintlichen Vorteils für uns den Mangel an Fachkräften und zahlen hinterher diesen Ländern über den Finanzausgleich innerhalb der EU, über die UN, über Spenden und über viele Organisationen umfangreiche Entwicklungshilfen. Ohne ihre fähigsten Köpfe aber können diese Volkswirt-schaften nicht genesen.
Ich weiß natürlich, dass es eine Konkurrenz um diese Leute gibt. Sollten wir diese Fachleute evtl. nicht aufnehmen, dann werden sie aber von Kanada, Australien, Neuseeland, den USA und anderen Ländern mit offenen Armen empfangen.

Aber welche Chancen haben fremde Ärzte in Deutschland wirklich? Vorweg gesagt: Ich kenne Ärzte aus Russland, Polen, Rumänien, Iran und Palästina, die hier als Wissenschaftler und als praktizierende Ärzte eine hervorragende Arbeit leisten. Die meisten davon haben allerdings ganz oder teilweise hier studiert und sprechen und schreiben auch perfekt Deutsch.

Welche Hürden, vom Nachweis seines erfolgreichen Hochschulabschlusses und der formalen Berufserlaubnis einmal abgesehen, hat ein frisch zugewanderter Arzt hier, was fordern wir von uns Ärzten, was fordern wir von ihm?

Der Arzt muss unsere Sprache verstehen, sprechen und schreiben - ohne dies keine Diagnose, keine Beratung, kein Rezept, keine Verordnung, keine Bescheinigung, kein Befundbericht und kein Gutachten. Und keine Akzeptanz durch unsere Patienten. Er braucht ausreichende Kenntnisse unserer Medikamente - Irrtümer wären lebensgefährlich. Er muss unsere Heil- und Heilhilfsmittel kennen - ohne dies keine Therapie. Er muss mit der Medizintechnik umgehen können. Für viele ärztliche Tätigkeiten ist die Approbation nicht ausreichend, da bedarf der Arzt der Facharztanerkennung und oft auch noch zusätzlicher Qualifikation mit Prüfung und Genehmigung. Er braucht solide Kenntnisse unseres Gesundheitswesens und des Sozialrechts - ohne dies ist keine Niederlassung möglich. Als Niedergelassener braucht er Kenntnisse unseres Miet-, Arbeits-, Arbeitsschutz- und Versicherungsrechts, er braucht Bankverbindungen und muss wissen, wie unser Kredit- und Finanzwesen funktioniert. Er muss solide Kenntnisse von der Informatik haben - ohne Computer läuft in der Medizin heute nichts mehr. Als Fach- oder Krankenhausarzt hat er eine ständige Fortbildung (cme) nachzuweisen.

Diese Hürden sind nicht einfach zu nehmen. Und es sind diese Kenntnisse auch nicht in wenigen Monaten zu erwerben, da genügt kein Jahr, das braucht Jahre. Auch dann, wenn der Hochschulabschluss eines fremden Arztes als unserem gleichwertig anerkannt wird und er sich halbwegs verständlich machen kann, kann dieser Arzt noch lange nicht bei uns selbständig und/oder eigenverantwortlich arbeiten.

Dass er im Krankenhaus zunächst wie ein Hospitant überwiegend nur mitläuft, ist da ganz verständlich. Und wir sehen am Beispiel des Arztes, wie schwierig berufliche Integration ist. Den Ärzten aus dem geschilderten Kurs kann ich nur viel Erfolg wünschen.

DIE VORSTELLUNG aber, MAN KÖNNE MIT ZUGEWANDERTEN ÄRZTEN UNSEREN HAUS- UND FACHARZTMANGEL BESEITIGEN ODER IHN WENIGSTENS MERKBAR REDUZIEREN, IST VON DER REALITÄT MEILENWEIT ENTFERNT.

Dr. Günterberg
Gynäkologe, Berlin
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