Ärzte Zeitung, 28.05.2015

Demografischer Wandel

Stecken Arbeitsmediziner in der Altersfalle?

Mehr als die Hälfte der Arbeitsmediziner in Deutschland ist 60 Jahre und älter. Händeringend werden Nachwuchskräfte gesucht. Wie eine Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt, herrscht ein hohes Niveau beim Gefahrenschutz im Job.

Von Matthias Wallenfels

Stecken Arbeitsmediziner in der Altersfalle?

DORTMUND. In Deutschland werden die Arbeitsplätze immer sicherer - zumindest im Hinblick auf potenzielle Gefährdungssituationen. So gab es im Jahr 2013 mit 606 tödlichen Arbeitsunfällen einen historischen Tiefststand.

Mit einen Beitrag zu einer verbesserten Sicherheit am Arbeitsplatz haben sicher auch die Betriebsärzte geleistet, die für die Gefährdungsbeurteilung in Betrieben zuständig sind.

Doch hier lauert unterschwellig eine Gefahr: Der demografische Wandel macht auch vor den Ärzten mit arbeitsmedizinischer Fachkunde nicht Halt.

So waren 2013 von insgesamt 12.430 qualifizierten Betriebsmedizinern immerhin 7180 Ärzte 60 Jahre und älter - 57,8 Prozent.

Erschwerend kommt hinzu, dass mit 51 Prozent nur etwas mehr als jeder zweite Vertreter dieser Fachdisziplin überhaupt betriebsärztlich tätig war.

Das geht aus der Broschüre "Arbeitswelt im Wandel - Ausgabe 2015" der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) herbor, die auf dem Bericht "Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2013" (SuGA 2013) derselben Institution basiert.

Zunehmendes Interesse bei jungen Ärzten?

Angesichts der Tatsache, dass 2013 gerade einmal 31 Betriebsärzte unter 35 Jahren und 248 zwischen 35 und 39 Jahre alt waren, warnt die baua vor einem absehbaren Engpass in der betriebsmedizinischen Betreuung von Unternehmen - zu der Arbeitgeber auf Grundlage des Arbeitssicherheitsgesetzes (ASiG) verpflichtet sind.

Die Bundesärztekammer (BÄK) gibt sich hier weniger defätistisch. Sie verweist in ihrer entsprechenden Ärztestatistik für 2013 darauf, dass in der Altersgruppe der 35- bis 39-jährigen Ärzte mit arbeitsmedizinische Fachkunde im besagten Jahr ein deutlicher Anstieg gegenüber 2012 zu verzeichnen gewesen sei - und zwar um 19 Prozent.

"Viele Anzeichen sprechend dafür, dass sich der Aufwärtstrend fortsetzt", so die BÄK.

Seit Jahren werde gefordert, dass die Arbeitsmedizin für den Nachwuchs attraktiver gemacht werden müsse, ergänzt die BÄK, verbunden mit dem Hinweis, dass im Januar vor zwei Jahren eine Konferenz zur Sicherung des arbeitsmedizinischen Nachwuchses vom Ausschuss für Arbeitsmedizin beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales veranstaltet worden sei.

Resultat dieser Konferenz sei eine konzertierte Aktion zur Nachwuchssicherung in der Arbeitsmedizin aller am Arbeitsschutz beteiligter Institutionen gewesen.

Zwischenzeitlich zeige sich vor allem, wie die ärztlichen Standesvertreter hervorheben, dass sich überbetriebliche Dienste nunmehr darauf eingestellt hätten, dem Nachwuchs Weiterbildungsstellen anzubieten, die attraktiv seien und auf einen wertschätzenden Kontext aufbauten.

"Diese Trendwende wird von der Bundesärztekammer ausdrücklich begrüßt: Betriebsärztlicher Nachwuchs stellt sich wieder verstärkt ein", heißt es.

Die doch recht moderate Anzahl der Nachwuchskräfte unter 40 Jahren lässt auch Gedankenspiele zu, ob es dem Berufsbild des Arbeitsmediziners an Attraktivität fehlt. So hatte der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) vor fünf Jahren selbst Handlungsbedarf beim Image erkannt und sich einen Modernisierungsschub verordnet.

Gleichzeitig warb der VDBW mit seinem Programm Docs@work offensiv bei Jungärzten, die über die Arbeitsmedizin als Karrierechance nachdenken, um Nachwuchskräfte.

Dabei hatten die Kandidaten die Chance, über einen gewissen Zeitraum hinweg arbeitsmedizinische Alltagsluft zu schnappen und sich zum Beispiel vor Ort in einem Betrieb mit dem facettenreichen Aufgabenspektrum eines Werksarztes vertraut zu machen.

Defizite vor allem bei kleineren Unternehmen

Wie aus dem Datenkonvolut der baua hervorgeht, haben - Stand 2011 - vor allem Firmen mit mehr als 50 Beschäftigten die betriebsmedizinische Betreuung ihrer Belegschaften organisiert.

Bei den Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitern sei ein Grad von 91 Prozent erreicht, bei Firmen mit mehr als 250 Beschäftigten seien es sogar 98 Prozent. Angaben dazu, wie hoch der Anteil der festangestellten Betriebs- und Werksärzte ist, gibt es indes nicht.

Immerhin geben noch 59 Prozent der Unternehmen mit zehn bis 49 Beschäftigten an, ihre Belegschaft arbeitsmedizinisch betreuen zu lassen. Bei den Kleinstfirmen mit einem bis neun Mitarbeitern seien es hingegen gerade einmal 29 Prozent.

Dies bietet niedergelassenen Hausärzte die Gelegenheit, auf entsprechende Unternehmen zuzugehen und bestimmte arbeitsmedizinische Angebote auf Firmenkosten - und damit als privatärztliche Leistung - anzubieten.

Welche Anforderungen Ärzte bei arbeitsmedizinischen Leistungen erfüllen müssen, steht in den offiziellen Arbeitsmedizinischen Regeln (AMR) der baua.

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