Ärzte Zeitung, 26.11.2015

Gefragt und gefürchtet

So denkt Deutschland über die Video-Sprechstunde

Video-Konferenzen zwischen Arzt und Patient könnten mit dem E-Health-Gesetz fester Bestandteil der Versorgung werden. Fast jeder zweite Bundesbürger würde eine Video-Sprechstunde nutzen, zeigt jetzt eine Umfrage. Niedergelassene Ärzte sind eher skeptisch.

Von Rebekka Höhl

So denkt Deutschland über die Video-Sprechstunde

45 Prozent der Patienten würden ihren Arzt auch online konsultieren.

© Andrey Popov / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Mit den Änderungsanträgen zum E-Health-Gesetz könnte die Video-Sprechstunde fester Bestandteil der Telematikinfrastruktur und damit der offiziellen Datenautobahn im Gesundheitswesen werden. Doch in der täglichen Praxis findet sie, obwohl die Patienten durchaus einen Bedarf anmelden, noch wenig Berücksichtigung.

Immerhin 45 Prozent der Bundesbürger würden öfter oder zumindest gelegentlich auf den Video-Kontakt mit dem Haus- oder Facharzt zurückgreifen, rund ein Fünftel ist sich noch unschlüssig.

Gleichzeitig lehnen aber knapp zwei Drittel der Ärzte Videokonferenzen mit Patienten ab, gerade einmal 3,5 Prozent der Mediziner nutzen diesen Kommunikationsweg bereits. So das Ergebnis einer aktuellen Analyse der Bertelsmann-Stiftung.

Die Frage ist, warum Patienten und Ärzte die Video-Konsultation so unterschiedlich einschätzen? Und welche Wünsche und Ängste beide Seiten mit der Technik verbinden?

Um dies beantworten zu können, hat die Bertelsmann-Stiftung für ihre Analyse die Daten einer eigenen repräsentativen Bevölkerungsumfrage unter fast 1600 Bundesbürgern zwischen 18 und 79 Jahren (Juni/Juli 2015) mit über 80 Literatur- und Studienquellen sowie Experteninterviews zusammengebracht.

- Für die Patienten sind demnach die Hauptgründe, die für eine Nutzung der Video-Konsultation sprechen:

- das Vermeiden langer Wartezeiten auf einen Haus-/Facharzttermin,

- den Arzt auch zu ungünstigen Zeiten (Wochenende/Feiertage) kontaktieren zu können,

- Ansteckungen und Infektionen im Wartezimmer vermeiden zu können

- und längere Wartezeiten in der Praxis umgehen zu können.

Mehrheit kann sich Video-Konsultationen mit Hausarzt vorstellen

Bei den Fachgruppen, mit denen die Patienten via Video-Leitung kommunizieren würden, liegen die Hausärzte deutlich vorne.

57 Prozent der befragten Bundesbürger könnten sich vorstellen online mit ihrem Hausarzt zu sprechen, 39 Prozent auch mit einem Psychotherapeuten oder Psychiater. Nur noch 17 Prozent würden einen Hautarzt online konsultieren, 16 Prozent einen Kinderarzt.

Bei den Hautärzten überrascht das Ergebnis, weil die ersten Sprechstunden-Portale, die in Deutschland in den Markt eingetreten sind, sich gerade im dermatologischen Bereich tummeln. So testet die Plattform patientus.de gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse den Video-Kontakt zum Hautarzt.

Die Patienten haben aber auch klare Vorstellungen, in welchen Fällen sie die Video-Sprechstunde nutzen würden. Dabei zeigt sich, dass sie auf den direkten Arzt-Kontakt nicht verzichten wollen, also nicht an einer Substitution der reellen Praxis durch die Online-Sprechstunde interessiert sind.

Insbesondere für die Erstdiagnose würden fast alle Befragten einen Arzt aufsuchen. Die Online-Variante scheint aber interessant für das Klären von Fragen, das Besprechen von Befunden und Laborwerten, Beratungen zu gesundheitlichen Themen wie Ernährung oder das Besprechen von Risiken einer Behandlungsmethode zu sein.

Im Prinzip werden hier eher Leistungen aus der bekannten Telefon-Sprechstunde in die digitale Welt gehoben.

Vorteile in unterversorgten Regionen

Die befragten Experten sehen dies ähnlich: Die Video-Konsultationen seien für Rückfragen, Beratungen, Befundbesprechungen und das Einholen von Zweitmeinungen gut geeignet, heißt es.

Zudem seien sie ein Instrument für die langfristige Begleitung chronisch kranker Patienten. Hier könnten teilweise auch nichtärztliche Praxismitarbeiter eingesetzt werden. Vorteile durch die Video-Sprechstunde sehen die Experten aber auch in unterversorgten ländlichen Regionen.

Dort könnten etwa Versorgungsassistentinnen Hausbesuche übernehmen und der Arzt als fachliche Unterstützung zugeschaltet werden. Ähnlich könnte die Anbindung von Fachärzten in diesen Regionen funktionieren, dies könnte dann über ein Dreier-Gespräch mit Patient, Hausarzt und Facharzt laufen, skizzieren die befragten Experten.

Warum die Ärzte nach wie vor eher skeptisch sind, liegt laut der Studie zum einen in der noch immer fehlenden spezifischen Vergütung für die Leistung, zum anderen an rechtlichen Bedenken. In Deutschland gilt für Ärzte nach wie vor das Fernbehandlungsverbot.

Dieses, so die Experten, erlaubt aber durchaus, dass Ärzte mit Patienten, die ihnen bekannt sind, online kommunizieren. Interessant ist, dass von den Experten auch gar keine Aufhebung dieses Fernbehandlungsverbots gefordert wird: Es müsse lediglich spezifiziert und an die neuen Kommunikationswege angepasst werden.

Angst der Ärzte: Rund um die Uhr erreichbar sein zu müssen

Die Ärzte führen allerdings noch einen Grund an: Sie fürchten, dass sie dann rund um die Uhr für die Patienten erreichbar sind und damit Privat- und Berufsleben zu sehr ineinander übergehen.

Noch offen ist laut der Studie zudem, ob Video-Konsultationen lediglich vorhandene Arzt-Kontakte substituieren und Versorgungsengpässe ausgleichen oder zu einer Leistungsausweitung führen. Hier bestehe Forschungsbedarf mit Blick auf mögliche gesundheitsökonomische Implikationen.

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