Ärzte Zeitung, 16.11.2016

NAV-Virchow-Bund-Chef Heinrich

"An Digitalisierung kommt keiner vorbei"

Digitalisierung, Honorare, Querelen in der KBV und die neue GOÄ: Den Ärzten gehen die kontroversen Themen nicht aus. Vor der Hauptversammlung des NAV-Virchowbundes sprach die "Ärzte Zeitung" mit dessen Vorsitzendem, Dr. Dirk Heinrich.

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Dr. Dirk Heinrich, Vorsitzender des Spitzenverbandes Fachärzte Deutschland und des NAV-Virchowbundes: „Eine EBM-Korrektur ohne frisches Geld würde am Ende nur unkalkulierbare Umverteilungen bringen.“

© SpiFa / A. Schoelzel

Das Interview führte Hauke Gerlof

Ärzte Zeitung:Herr Dr. Heinrich, kommunizieren Sie schon online mit Ihren Patienten?

Dr. Dirk Heinrich: Ja, wir nutzen in unserer HNO-Praxis schon diverse digitale Anwendungen: Online-Terminvereinbarungen sind möglich, wir haben eine Praxis-App, wir nutzen auch medizinische Anwendungen, zum Beispiel eine Lärm-App und TiniTracks für Tinnitus-Patienten. Eine Online-Sprechstunde haben wir allerdings noch nicht, dafür sind bislang ja noch IV-Verträge erforderlich.

Und für welche Anwendungen nutzen Sie Ihren Praxiscomputer online?

Wir machen natürlich Online-Abrechnung, und wir kommunizieren per E-Mail auf sicherem Wege mit anderen Praxen. Dafür nutzen wir das KV Safenet. Es ist beruhigend zu wissen, dass in diesem Netz die KV die Verantwortung für die Sicherheit der Kommunikation übernimmt – und wir Ärzte auf der sicheren Seite sind.

Die großen Ärzteverbände haben das Thema Digitalisierung in der Medizin ganz oben auf die Agenda gesetzt. Warum ist es für Ärzte plötzlich so eminent wichtig, sich gerade jetzt mit diesem Thema zu befassen?

An dem Thema kommt jetzt wirklich kein Arzt mehr vorbei. Es gibt das E-Health-Gesetz, die digitale Initiative der Bundesregierung, aber vor allem ändert sich das Verhalten der Patienten. Darauf müssen wir reagieren.

Haben die Ärzte das Thema vorher verschlafen?

Das glaube ich nicht. Der NAV Virchowbund hat das Thema schon sehr viele Jahre auf dem Schirm, und nicht nur über die kritische Begleitung des gematik-Projekts mit der elektronischen Gesundheitskarte. Die Körperschaften haben sich vielleicht zu sehr auf das Kartenprojekt, auch auf den E-Arztausweis konzentriert. Das waren alles Mega-Lösungen, aber in der Zwischenzeit ist man dann vom Markt überholt worden, von den Start-ups und ihren Apps, die jetzt die Patienten nutzen. Ich glaube allerdings, dass von den niedergelassenen Ärzten viele schon lange mit digitalen Anwendungen unterwegs sind. Natürlich nicht alle.

In der Aus- und Weiterbildung sind Telemedizin und Online-Kommunikation von Ärzten bislang kein Thema. Was müssten Kammern und KBV hier ändern, um Ärzte besser vorzubereiten auf die neuen Anforderungen?

Das spielt tatsächlich noch nicht die Rolle, weder im Studium noch in der Weiterbildung. In den Krankenhäusern kommen solche Anwendungen ja auch erst langsam auf. Und in dem Maße, wie sich das verbreitet, werden Studenten und junge Ärzte auch damit konfrontiert. Online-Sprechstunden und Konsile mit Fachkollegen sind eher etwas für Fach- und Oberärzte. Auf die Weiterbildungsordnung darf man im übrigen nicht setzen, die hinkt der Realität ohnehin immer viele Jahre hinterher.

Stichwort Selbstverwaltung: Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand bei der KBV?

Mit einem Wort: furchtbar. Wir haben einen nicht funktionierenden KBV-Vorstand und eine Vertreterversammlung, die ihre Aufgabe nicht wahrnimmt. Das muss möglichst schnell beendet werden.

Wo liegen denn die Gründe dafür?

Das liegt sowohl an den aktuell handelnden Personen als auch an strukturellen Gegebenheiten. Wissen Sie, das Selbstverwaltungsstärkungsgesetz mit dem Übergang von der Rechtsaufsicht zur Fachaufsicht durch das Bundesgesundheitsministerium wird von allen Körperschaften abgelehnt, auch von der KBV-Vertreterversammlung. Aber eine einzige Person, ein Vorstand, handelt nicht im Sinne der VV. In jedem Unternehmen, in dem der Vorstand nicht im Sinne des Unternehmens handelt, wäre dieser sofort entlassen worden. Dahinter steckt, dass die hauptamtlichen Vorstände in den KVen zum Teil immer noch nicht begriffen haben, dass sie eine andere Rolle haben als früher die ehrenamtlichen Vorstände. Heute sind sie als Vorstände zuständig für alle Ärzte ihrer KV, aber viele machen immer noch Politik entweder für Haus- oder für Fachärzte. Eine professionell als Aufsicht handelnde VV hätte einen dysfunktionalen Vorstand längst abgelöst.

Welchen Ausweg aus der Gemengelage würden Sie empfehlen?

Jetzt richten sich natürlich alle Hoffnungen auf die Neuzusammensetzung der Vertreterversammlung nach den Wahlen und darauf, dass daraus ein vernünftiger Vorstand generiert werden kann. Aber wenn sich die in Teilen immer noch vorherrschende Grundhaltung nicht ändert, dann wird sich bei der KBV auch in Zukunft nichts ändern. Und das Selbstverwaltungsstärkungsgesetz wird es nicht leichter machen, einen funktionierenden Vorstand zu bilden.

Wenn man sich den gemeinsamen Ärztemonitor von KBV und NAV Virchowbund anschaut, fällt doch die wirtschaftliche Bilanz der vertragsärztlichen Selbstverwaltung für ihre Mitglieder gar nicht so schlecht aus. Haus- und Fachärzte sind deutlich zufriedener mit ihrem Einkommen als noch vor vier Jahren. Was hat die KBV richtig gemacht in den vergangenen Jahren?

Es hat tatsächlich ordentliche Abschlüsse in den vergangenen Jahren, sowohl unter Köhler als auch unter Gassen gegeben. Erfreulich ist, dass die Hausärzte jetzt im Honorardurchschnitt angekommen sind. Bei den Fachärzten fallen die Entwicklungen bei hoch spezialisierten Ärzten und bei Fachärzten der Grundversorgung weit auseinander. Das hat auch das Gutachten aus Bayern gezeigt: Grundversorgende Fachärzte haben auf dem Land und in prekären Stadtlagen große Probleme, die Praxis wirtschaftlich zu führen, weil sie dort kaum Privatleistungen erbringen können.

Auch bei grundversorgenden Fachärzten – Sie selbst sind als HNO-Arzt einer – scheint beim Einkommen Ruhe einzukehren, wenn man dem Ärztemonitor glauben darf...

Es hat Verbesserungen gegeben, ja. Aber der Ärztemonitor zeigt auch, dass die wirtschaftliche Zufriedenheit der grundversorgenden Fachärzte, wie zum Beispiel der HNO-Ärzte, unter dem Durchschnitt der Fachgruppen liegt. Man kann am Monitor ganz gut ablesen, welche Fachgruppen bei der letzten EBM-Reform gut rausgekommen sind und welche weniger gut.

Sind im EBM schon genug Stellschrauben gedreht worden? Als Beispiele: Reichen die Pauschale für die Fachärztliche Grundversorgung (PFG) und der Zuschlag zur PFG aus, um den Fallwert zu stabilisieren?Der Ansatz der PFG ist sicherlich richtig, um die Fallwerte zu steigern. Aber er reicht noch nicht aus, das sollte fortgeführt werden. Die zu erwartenden sinkenden Hausarztzahlen zeigen, dass die ambulante Grundversorgung nicht mehr überwiegend von den Hausärzten geleistet werden kann, sondern insgesamt gemeinsam von Haus- und Fachärzten gemacht werden wird.Was erwarten Sie im kommenden Jahr von der Reform im EBM?Ich fürchte, dass wir für 2017 bereits nicht mehr im Zeitplan sind. Dazu kommt, dass ein richtig neuer EBM eigentlich auch nur dann sinnvoll wäre, wenn auch frisches Geld ins System käme. Dafür müsste zum Beispiel beim kalkulatorischen Arztlohn berücksichtigt werden, dass die Oberarztgehälter in den Kliniken in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Und neue Leistungen erfordern auch neues Geld. Ohne das bedeutet ein neuer EBM – bei allem nötigen Korrekturbedarf, um Verwerfungen des jetzigen EBM zu korrigieren – nur unkalkulierbare Umverteilungen.

Auch innerärztlich herrscht derzeit keine Einigkeit darüber, ob das Arzteinkommen zu knapp bemessen ist. Malen Ärztefunktionäre bewusst zu schwarz, wenn sie über die wirtschaftliche Situation der niedergelassenen Ärzte sprechen?

Ich glaube nicht, dass wir bewusst schwarzmalen, wenn man bedenkt, dass beispielsweise in Hamburg nur 81 Prozent unserer Leistungen überhaupt bezahlt werden. Da kann man doch wirklich nicht davon sprechen, dass alles zum Besten steht! Natürlich haben Ärzte im gesamtgesellschaftlichen Kontext ein gutes Einkommen, aber das kann doch nicht der Vergleich sein.

Stichwort GOÄ: Ist jetzt alles auf ein gutes Gleis gestellt, nachdem die Verbände und die Fachgesellschaften von der BÄK mit ins Boot geholt worden sind?

Gut ist, dass es den Verbänden gelungen ist, für einen Neustart zu sorgen. Hätten wir den Stand der GOÄ, wie er im Frühjahr war, durchgewunken, wären 30 Prozent der Leistungen in der dann neuen GOÄ schon beim Start veraltet gewesen. Aber noch sind die neuen Legenden nicht mit der PKV diskutiert, und über die Bewertungen ist noch gar nicht gesprochen worden. Der NAV-Virchow-Bund bleibt da am Ball. Wir schauen der Bundesärztekammer da genau auf die Finger.

Wo liegen für Sie noch kritische Punkte für die GOÄ?

Wenn es bei der Bundesärzteordnung und im Paragrafenteil nur geringfügige Änderungen geben wird, wie es vergangene Woche beim Treffen zwischen Bundesärztekammer und den Ärzteverbänden hieß, dann kann ich sagen, dass wir da andere Erwartungen haben. Wir – der Spitzenverband der Facharztverbände und der NAV Virchowbund – wollen, dass mit der BÄK eine gemeinsame Verhandlungsposition zu diesen Punkten erarbeitet wird. Und es muss deutliche Veränderungen geben.

Könnten die Ärzte zufrieden sein, wenn sie über die neue GOÄ ein Plus von 6,4 Prozent bekommen – so wie zuletzt von der BÄK angekündigt?

Damit wird vermutlich niemand zufrieden sein. Aber höhere Steigerungen sind wohl nicht realistisch. Die Verantwortung dafür liegt letztlich bei der Bundesärztekammer, die 20 Jahre lang nichts getan hat für eine neue GOÄ. Und eins ist klar: Wenn die zusätzlichen Mittel nur in bestimmte Bereiche fließen und andere ganz leer ausgehen, dann bin ich gespannt auf die Akzeptanz der neuen GOÄ.

Das komplette Interview finden Sie im Internet: www.aerztezeitung.de....

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