Ärzte Zeitung, 19.01.2015

IT-Experte erklärt

Gröhes E-Health-Turbo könnte wirken

Mit den nun gesetzten Fristen und der finanziellen Förderung des E-Arztbriefes könnte die Großbaustelle Telematikinfrastruktur tatsächlich an Fahrt gewinnen. Ein IT-Experte erklärt, warum die Zeichen - auch für Ärzte - gut stehen.

Von Rebekka Höhl

Gröhes E-Health-Turbo könnte wirken

Mit den neuen Fristen sollen Mehrwertanwendungen der E-Card schneller in die Praxis kommen.

© vege / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Zehn Jahre dauert die Debatte um die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und ihre zugehörige Telematikinfrastruktur nunmehr an.

Da ist das Bonus-Malus-System, dass Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) jetzt in seinem ersten Entwurf zum E-Health-Gesetz festgeschrieben hat das richtige Signal - sagen alle an der eGK Beteiligten.

Eine gute Erklärung, warum das so ist, liefert aber ausgerechnet ein IT-Experte aus der Industrie. Doch gerade auch auf Ärzteseite weiß man, dass ein weiter so wie bisher nicht geht.

"Ich halte die Ansätze für richtig und potenziell auch zielführend", sagt der Telematik-Vorsitzende der Bundesärztekammer, Dr. Franz-Joseph Bartmann. "Bleibt abzuwarten was am Ende als Gesetz dann wirklich rauskommt und wie die einzelnen Stellschrauben greifen."

 Wichtig für Bartmann ist vor allem die eindeutige Festlegung auf die Nutzung der Telematikinfrastruktur über den Paragrafen 291 SGB V hinaus - das heißt über die elektronische Gesundheitskarte und ihre Anwendungen hinaus.

Der Gesetzentwurf würde hierfür den Weg ebnen, denn dort ist ganz klar festgeschrieben, dass die Telematikinfrastruktur für weitere Anwendungen des Gesundheitswesens verwendet werden kann.

Ein lernendes System

Der Zeitplan für den Online-Test

Im Herbst 2015 startet nach Angaben der gematik die Erprobung des sogenannten Online-Rollout Stufe 1 (ORS1).

Dies beinhaltet unter anderem den Aufbau der Telematikinfrastruktur und Anbindung von Bestandsnetzen, das Versichertenstammdatenmanagement (VSDM), die Qualifizierte elektronische Signatur (QES) und die sichere Kommunikation zwischen Leistungserbringern (KOM-LE)

Zusätzlich zum ORS1 werde geprüft, ob das Notfalldatenmanagement-Sprint praxistauglich ist. Das sind Prozesse für den künftigen freiwilligen Notfalldatensatz, die unabhängig von eGK und Telematikinfrastruktur sind.

Und auch die Betreibergesellschaft gematik bestätigt, dass die Telematikinfrastruktur als interoperable und kompatible Informations-, Kommunikations- und Sicherheitsplattform konzipiert ist, die es ermöglicht, weitere Fachdienste aufzunehmen.

Neben den KV-Netzen könnten so auch erprobte Anwendungen aus Ärztenetzen und Telemedizinprojekte den Weg in die für alle Ärzte offene Datenautobahn finden.

"Schon heute gibt es viele Lösungen, die für die Verbesserung des intersektoralen Austauschs im Gesundheitswesen erforderlich sind und in zahlreichen Projekten erprobt wurden.

Der E-Arztbrief, der Austausch von Laborbefunden oder digitalen Röntgenbildern, bis hin zu komplexer Gesundheits-IT zur Behandlung von Diabetes-Patienten und Behandlungspfaden in Arztnetzen, um nur einige Beispiele zu nennen", sagt Oliver Bruzek, Vice President Politik und Unternehmenskommunikation bei der CompuGroup Medical (CGM).

Bruzek weiß aus eigener Erfahrung als IT-Anbieter auch, dass die Zahl derer, die die Gesundheitskarte auf Ärzteseite blockieren, gar nicht so groß ist wie häufig behauptet. "Die breite Masse unserer Anwender sieht das Thema IT als selbstverständlichen Bestandteil ihrer täglichen Arbeit beziehungsweise der Organisation in medizinischen Einrichtungen", berichtet er.

"Wir wissen in der Tat, dass eine ganz überwältigende Mehrheit der Ärzte modernen Kommunikationsverfahren gegenüber nicht nur aufgeschlossen ist, sondern diese geradezu herbeisehnt."

Gleichzeitig sei die digitale Kommunikation heute aber auf regionale Projekte und Anwendungen beschränkt.

Da es bislang eben keine allgemein verbindlichen Standards "und schon gar nicht eine verabredete Infrastruktur" gebe, die solche Anwendungen erst richtig ermögliche, liege die Zahl der tatsächlichen Nutzer bei rund einem Drittel der Ärzte.

Daneben steht nach Bruzeks Einschätzung eine Mehrheit von etwa 75 Prozent der Ärzte, die sich eine moderne Form der Vernetzung wünschen.

Künftig wird es um den Nutzen gehen

Exakt aus diesem Grund sind feste zeitliche Vorgaben wichtig. "Das deutsche Gesundheitswesen kennt sehr viele Interessengruppen mit oft nicht übereinstimmenden Meinungen", erklärt Bruzek.

Dies hat die Diskussion um die Telematikinfrastruktur eindeutig langwierig gemacht.

Dabei war und ist die Diskussion angesichts der vielen gesellschaftlichen, ethischen, juristischen und medizinischen Fragen laut Bruzek oft auch notwendig.

Die gesetzten Fristen würden diese nunmehr seit fast zehn Jahren andauernde Diskussion um die Einführung der eGK aber in eine konstruktive Diskussion über den Nutzen innovativer eHealth-Lösungen für das Gesundheitswesen überführen.

Zwar kommt von Kassenseite schon wieder Kritik wegen der geplanten finanziellen Förderung der elektronischen Kommunikation unter den Leistungserbringern.

Bruzek hält solche Förderung aber für nötig: "Die Pauschale ist das richtige Mittel um wichtige eHealth-Projekte, wie den e-Arztbrief, zu incentivieren und regionale Projekte, wie beispielsweise in Bochum und Düren, in die Fläche zu tragen."

In Bochum und Düren laufen nämlich bereits eigene Projekte mit dem E-Arztbrief. Damit sei in der Aufbauphase die Investition der Ärzte und Kliniken in moderne Kommunikationslösungen, die gleichzeitig Grundlage sind für viele weitere E-Health- Angebote, gesichert. "Da werden die Weichen nun offensichtlich richtig gestellt", sagt Bruzek.

Auch Dr. Franz-Joseph Bartmann gibt zu bedenken: "Ob die Pauschale von 55 Cent ausreicht, hängt sicher von der Ausgangslage der jeweiligen Institution ab."

Die Pauschale sei aber immerhin höher als die derzeit gezahlten Pauschalen in vergleichbaren Kommunikationsdiensten der KVen. "Auf die endgültige Höhe wird man sich dann nach 2 Jahren im Wirkbetrieb einigen", so Bartmann weiter.

Für die gematik ist die geplante Pauschale ebenfalls wichtig: Sie diene als Anreiz, die Telematikinfrastruktur mit ihren Kommunikationsanwendungen als sicheres, modernes und schnelles Kommunikationsmedium zu nutzen. "Wir gehen davon aus, dass dies genutzt wird", heißt es.

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[19.01.2015, 12:26:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Den Bock zum Gärtner machen"?
Bedaure, aber bei aller Liebe zur EDV und ihren schier unbegrenzten Anwendungs- und Kommunikationsmöglichkeiten: In der Debatte um die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und ihre zugehörige Telematik-Infrastruktur ausgerechnet Oliver Bruzek von der CompuGroup Medical AG zu befragen, macht tatsächlich den Bock zum Gärtner.

Er ist "Vice President Politik und Unternehmenskommunikation" der "CompuGroup Medical". Diese "ist eines der führenden eHealth-Unternehmen weltweit und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 500 Mio. Euro. Seine Softwareprodukte zur Unterstützung aller ärztlichen und organisatorischen Tätigkeiten in Arztpraxen, Apotheken, Laboren und Krankenhäusern, seine Informations-Dienstleistungen für alle Beteiligten im Gesundheitswesen und seine Web-basierten persönlichen Gesundheitsakten dienen einem sichereren und effizienteren Gesundheitswesen. Grundlage der CompuGroup Medical-Leistungen ist die einzigartige Kundenbasis von etwa 400.000 Ärzten, Zahnärzten, Krankenhäusern, Apothekern und Netzen sowie sonstigen Leistungserbringern. Mit eigenen Standorten in 19 Ländern und Kunden in 43 Ländern weltweit ist CompuGroup Medical das eHealth-Unternehmen mit einer der größten Reichweiten unter Leistungserbringern. Rund 4.200 hochqualifizierte Mitarbeiter stehen für nachhaltige Lösungen bei ständig wachsenden Anforderungen im Gesundheitswesen."

Nach Aufsättigung und nahezu 100 prozentiger EDV-Aufrüstung aller haus-, fach-, spezial-ärztlichen bzw. psychotherapeutischen Praxen gibt es mit spärlichen Praxis-Neugründungen kaum noch etwas zu verdienen. Im Gegenteil, das "Hausarzt-Sterben" auf dem Land und in den sozialen Brennpunkten der Städte lässt selbst IT-Giganten "gesund"-schrumpfen. Deshalb braucht man dringend Gewinn-trächtige, neue Investitions- und Betätigungsfelder.

Dass der Telematik-Vorsitzende der Bundesärztekammer, Dr. Franz-Joseph Bartmann, in den Chor der CompuGroup Medical einstimmt, ist wenig überraschend. Genauso gut könnte man Metzger zur Einführung von schärferen Schlachtermessern befragen. Doch die laufenden EDV-Kosten und IT-Investitionen werden allein von den Vertragsärzten und-Psychotherapeuten getragen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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