Ärzte Zeitung, 20.01.2017

E-Arztbrief: Förderung mit Hindernissen

Es ist das größte Projekt zum reibungslosen Datenaustausch zwischen Praxen und auch zwischen den Sektoren, das es jemals gab. Und eines, bei dem die Technik tatsächlich über Sektoren- und Systemgrenzen hinweg miteinander kommuniziert. Ausgerechnet die Förderung des E-Arztbriefes über den EBM bremst nun jedoch den schnellen Datentransfer.

Von Rebekka Höhl

E-Arztbrief: Förderung mit Hindernissen

© medisign GmbH /Grafik Ärzte Zeitung

NEU-ISENBURG. Pünktlich zum Jahresstart ist die Förderung des elektronischen Arztbriefes (E-Arztbrief) angelaufen. Die zugehörigen EBM- Ziffern haben Kassen und KBV noch Ende 2016 eingetütet. Und damit ihre Pflicht aus dem E-Health-Gesetz erfüllt. Zusätzlichen Schwung für die Digitalisierung im Gesundheitswesen erhofft sich der Gesetzgeber durch die Förderung. Das scheint gerade aber eher nach hinten loszugehen, denn de facto stehen den Ärzten von den 172 für die vertragsärztliche Versorgung zugelassenen Praxis-EDV-Systemen nur neun Systeme zur Verfügung, die auch für die Förderung des E-Arztbriefes zertifiziert sind.

Und diese weisen laut der KBV-Statistik zusammen bundesweit 20.349 Installationen (Stand 30.06.2016) auf – das sind gerade einmal rund 17 Prozent aller Installationen (120.155).

Ein Kanal für alle Systeme

Dabei hängt es ausnahmsweise nicht an der Technik beziehungsweise den Software-Anbietern: Technisch und prozessual steht der "interoperable E-Arztbrief", stellt die KV Telematik GmbH (KVTG) klar. Das Tochterunternehmen der KBV ist für die Entwicklung von Anwendungen der Telematikinfrastruktur zuständig, so auch für den Arztbrief über den KV-eigenen Kommunikationsdienst KV-Connect. Hier hat die KVTG tatsächlich gute Arbeit geleistet: Gemeinsam mit Softwarehäusern und KVen hat sie es geschafft, einen Datenaustausch hinzubekommen, der ohne Systembrüche und Datenverluste läuft.

Der Brief wird ganz gewöhnlich in der Praxis-EDV oder über die Patientenakte erstellt, elektronisch signiert, verschlüsselt und dann mit einem Klick versendet. Dabei steht den Praxen ein Adressverzeichnis der Ärzte zur Verfügung, die ebenfalls über KV-Connect kommunizieren und somit über den Dienst erreichbar sind.

Da die Softwarehäuser im Rahmen der KBV-Zertifizierung verpflichtet sind, KV-Connect in ihre Systeme einzubauen, steht der Kommunikationskanal im Prinzip allen Praxen auch zur Verfügung – völlig egal, welche Arztsoftware sie nutzen. Welche Module oder Funktionen die Software-Häuser dann über KV-Connect freischalten, ist zwar ihre Sache. Dennoch haben bereits 37 Softwaresysteme in einem Audit der KV Telematik GmbH nachgewiesen, dass sie den problemlosen Versand elektronischer Arztbriefe direkt aus der Software heraus ermöglichen. Für mehr als 100.000 Arztpraxen sei der E-Arztbrief via KV-Connect direkt in der Praxissoftware bereits heute verfügbar, heißt es vonseiten der KVTG. Es handele sich hier um das größte Interoperabilitätsprojekt im Gesundheitswesen, das bislang erfolgreich umgesetzt worden sei.

Die technischen Hürden für den elektronischen Versand der Arztbriefe sind durchaus nicht ohne: Die Richtlinie von KBV und GKV-Spitzenverband sieht etwa zwingend eine Verbindung über einen VPN-Tunnel – also ein Virtual Private Network bzw. sicheres Netz – vor, mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Daten. Das heißt, der Brief muss in der Praxis vor dem Versand verschlüsselt und einem ganz bestimmten Adressaten zugewiesen werden, der als einziger den Brief öffnen bzw. entschlüsseln kann.

E-Arztausweis zwingend nötig

Außerdem ist eine qualifizierte elektronische Signatur notwendig, die über den elektronischen Heilberufeausweis (eHBA) – auch E-Arztausweis genannt – erfolgen muss. Zusätzlich muss die Übermittlung von PDF/A-Dokumenten und XML-Dateien möglich sein, damit die Software des Empfängers problemlos den ganzen Brief oder auch nur einzelne Daten für verschiedene Anwendungen speichern kann. Und natürlich muss der verwendete Kommunikationsdienst von der KBV zertifiziert sein. Derzeit ist bei der KBV nur ein Dienst bekannt, der dies erfüllt bzw. zur Zertifizierung vorgelegt wurde: KV-Connect. Damit hat sich also ein gewisser Standard innerhalb der Systeme etabliert.

Noch einige Anträge in der Pipeline

Die zwingende Signatur mit dem E-Arztausweis baut zwar eine zusätzliche Hürde auf. Doch die Ausgabe der Ausweise durch die Ärztekammern nimmt immer mehr Fahrt auf. Bislang ist nur ein Anbieter auf dem Markt aktiv, der die Ausweise produzieren darf, die medisign GmbH. Perspektivisch werden auch die Bundesdruckerei und T-Systems in den Markt eintreten. 4647 Arztausweise hatte die medisign GmbH bis Ende 2016 ausgegeben. Wegen der anstehenden Förderung in diesem Jahr wurden vor allem im Dezember noch einige Anträge bei den Ärztekammern gestellt. Deshalb liegt die Zahl der ausgegebenen E-Arztausweise aktuell bei 5388. Wie viele Anträge noch in der Pipeline der Kammern hängen, ist nicht bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass in den nächsten Wochen weitere Ausweise ausgegeben werden.

Weit verbreitet ist der E-Arztausweis vor allem in Nordrhein (Ende 2016: 2336 Stück). Hier haben die Ärzte aber auch bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit, ihre Quartalsabrechnung elektronisch zu signieren und somit Verwaltungskosten einzusparen.

Extra Zertifikat für die EBM-Ziffern

Die eigentliche Hürde liegt an anderer Stelle: Die Softwarehäuser müssen – unabhängig vom technischen Audit der KV Telematik GmbH, das den sicheren Transport der Daten nachweist – ihre Systeme noch einmal speziell für die Förderung des E-Arztbriefes von der KBV zertifizieren lassen. Hierbei geht es um die Umsetzung der EBM-Ziffern. "Die KBV hat einen entsprechenden Anforderungskatalog zum E-Arztbrief definiert und hier ganz neue Anforderungen, die im Zusammenhang mit einer automatisierten Ziffernabrechnung stehen, definiert", berichtet etwa Andrea Becker, Vice President Product Management bei der CompuGroup Medical (CGM) Deutschland AG. Bei CGM, wie bei vielen anderen Softwarehäusern, wird schlicht noch an den notwendigen Entwicklungen für die automatische Abrechnung der Ziffern gearbeitet. Die Systeme der CGM sind daher noch nicht zertifiziert. Bereits in der Zertifizierungspipeline hat die KBV derzeit übrigens neun weitere Praxis-EDV-Systeme. Für förderungswillige Ärzte bedeutet das: abwarten.

9 Systeme sind für den E-Brief zertifiziert

Gerade einmal neun Praxissoftware-Systeme sind bereits von der KBV für die geförderte Übermittlung von elektronischen Arztbriefen (gem. Paragraf 291f SGB V) freigegeben:

  • Data AL des Softwarehauses Data AL GmbH (Stand der Installationen im Juni 2016: 1034)

  • DURIA des genossenschaftlichen Softwarehauses Duria eG (Stand der Installationen im Juni 2016: 1923)

  • Medical Office der INDAMED EDV-Entwicklung und Vertrieb GmbH (Stand der Installationen im Juni 2016: 1661)

  • KiWi – KIND Praxis EDV für Windows der KIND Hörgeräte GmbH und Co. KG (Stand der Installationen im Juni 2016: 224)

  • Praxis-Programm der MediSoftware Computersysteme für Ärzte (Stand der Installationen im Juni 2016: 726)

  • MEDYS des Softwarehauses MEDYS GmbH (Stand der Installationen im Juni 2016: 888)

  • SMARTY der New Media Company GmbH & Co. KG (Stand der Installationen im uni 2016: 2854)

  • PegaMed der PEGA Elektronik GmbH (Stand der Installationen im Juni 2016: 806)

  • PSYPRAX des Softwarehauses Psyprax GmbH (Stand der Installationen im Juni 2016: 10.233)

  • Die aktuelle KBV-Liste der zertifizierten Software-Systeme finden Sie unter: http://tinyurl.com/haym2kf

[21.01.2017, 12:59:50]
Klaus Günterberg 
Der Haken: Der eArztausweis. Man ahnt, wohin die Sache führt.
Befunde und Berichte und Arztbriefe per Mail oder per Fax zu versenden, das ist doch längst üblich! Und das soll nun sogar noch sicherer verwenden – wer könnte etwas dagegen haben?
Warum nur machen so wenige Ärzte vom eArztbrief Gebrauch? Wo liegt da ein Haken?

Da ist zum einmal die „Vergütung“ für den eArztbrief. Man will ihn anfangs finanziell fördern, in 2017 mit einer Pauschale von 55 Cent pro Brief. Und danach? Sollen Ärzte dann umsonst arbeiten?
Der absendende Arzt soll von den 55 Cent dann 28 Cent, der den Brief empfangende Arzt soll 27 Cent bekommen. Abgesehen davon, dass die Umsetzung einer solchen Regelung ein Monster an Bürokratie wäre, sind solche Beträge für Ärzte in ihrer „Höhe“ zutiefst entwürdigend. Ist der ärztliche Berufsstand schon so herunter gekommen, dass man glaubt, ihn mit solchen Beträgen motivieren zu können?

Da sind zum zweiten die Kosten eines eArztausweis, der ja eine Voraussetzung ist: Man kennt längst die Kosten der weit verbreiteten Club-, Kunden-, Ausweis-, Zutritts- und Dienstkarten, die teilweise incl. Bild in kleiner Auflage bereits unter zwei Euro zu haben sind. Man kennt auch die Kosten einer banküblichen EC-Karte, jahrelang gültig. Man kennt auch die Kosten für den modernen und fälschungssicheren deutschen Personalausweis, mit Hologramm, Chip und Photo: bei der Beantragung am Wohnsitz 28,80 Euro. Er gilt zehn Jahre.
Die Kosten für den eArztausweis sind je nach Bundesland unterschiedlich. Die Bundesärztekammer nennt einen monatlichen Betrag von 7,90 Euro pro Monat. Im Bereich der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz kostet der eArztausweis derzeit 10,40 Euro pro Monat. Mit dem eArztausweis wird auch der Kauf eines Lesegeräts und der zugehörigen Software in Höhe von 139,80 Euro nötig.
Ärzte hätten demnach für den eArztausweis in zehn Jahren 1.087,80 Euro, in Rheinland-Pfalz sogar 1.387,80 Euro zu zahlen. Wer denkt da nicht an die Kosten unseres Personalausweises?
Da empfinden Ärzte sich bei den Kosten für den eArztausweis als eine unfreiwillige und unerschöpfliche Geldquelle für die IT-Industrie.
Wir Ärzte haben in Hard- und Software, immer dort, wo dies wirtschaftlich und medizinisch sinnvoll war, schon sehr viel investiert. Niemand will aber für fremden Nutzen zahlen.

Und wir Ärzte lehnen zum dritten das deutsche Telematik-Projekt im Gesundheitswesen, dessen erklärtes Ziel eine zentrale deutsche elektronische Patientenakte ist, mehrheitlich ab. Mehrere deutsche Ärztetage haben dies bekräftigt. Auch für dieses Ziel, ePatientenakte, ist der eArztausweis nötig.
Da hat man Verdacht, dass man uns den eArztausweis über die Hintertür eArztbrief aufzudrängen versucht. „Nachtigall, ick hör dir trapsen.“, würde der Berliner Volksmund sagen; man ahnt, wohin die Sache führt.

Dr. Günterberg
Gynäkologe. Berlin.
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hautprobe entlarvt Parkinson

Parkinson erkennen, ehe nicht mehr beeinflussbare Symptome vorliegen: Das sollen neue Ansätze zur Früherkennung sicherstellen mehr »

Bei immer mehr Azubis streikt die Psychen

Der Gesundheitsreport der Techniker Kasse belegt: Auszubildende sind viel häufiger krank als gedacht. Besonders stark zugenommen haben psychische Erkrankungen. TK-Chef Baas vermutet den Medienkonsum als eine Ursache. mehr »

Deutet Knacken im Knie auf Gelenkverschleiß?

Knirschende, knackende Knie weisen möglicherweise auf ein erhöhtes Arthroserisiko hin. mehr »