Ärzte Zeitung, 11.12.2009

Telemedizin: Noch kämpft jeder für sich

Telemedizin ist nützlich, um dem demografischen Wandel im Gesundheitswesen zu begegnen. Doch der Fortschritt braucht eine klare Richtung. Zertifizierung soll nun Standards setzen.

Von Angela Mißlbeck

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Hier kommen die Patientendaten an: im telemedizinischen Service-Center von Vitaphone.

Foto: vitaphone

Fast jeder Arzt kennt das: Seine Patientenakten führt er elektronisch, aber sobald er mit einem Kollegen, einer Klinik oder einem Rettungsdienst Daten austauschen will, muss er zurück zum Papier. Zahlreiche Projekte versuchen das zu ändern. So zielt zum Beispiel ein Projekt zum Schlaganfall in Berlin darauf ab, dass Rettungsdienst und Klinik mit dem Patienten auch die wichtigen Daten zu Vorerkrankungen erhalten. Auch im Rahmen der Integrierten Versorgung sind hier einige Lösungen entstanden. Vor allem die telemedizinische Kontrolle wichtiger diagnostischer Parameter bei Herzinsuffizienz-Patienten hat hier von sich reden gemacht.

Es gibt unheimlich viele Insellösungen

Nicht zuletzt dank umfassender Förderungen gibt es inzwischen viele solcher Projekte. Allein das Bundesforschungsministerium (BMBF) hat in den vergangenen Jahren 27 Millionen Euro in die Telemedizin investiert. Dennoch fällt die Diagnose des Ministeriums zum aktuellen Entwicklungsstand gespalten aus. "Der Befund lautet, dass viel geschieht, aber unheimlich viele Insellösungen existieren", sagte der parlamentarische Staatssekretär im BMBF, der Mediziner Dr. Helge Braun (CDU). Sein Therapievorschlag: "Diese Entwicklung muss in einen strukturierten Prozess einmünden."

Ein Mittel, um den Prozess zu strukturieren, hat nun das Konsortium SITE (Schaffung eines Innovationsmilieus für Telemedizin) entwickelt, zu dem sich die Deutsche Stiftung für chronisch Kranke, die Charité, die Technische Universität Berlin und die Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (DGBMT) zusammengeschlossen haben. Experten der Mitgliedseinrichtungen haben ein Zertifizierungsverfahren für telemedizinische Zentren entwickelt. Dabei werden unter anderem die Qualifikation der Mitarbeiter, die Datenverfügbarkeit und der Datenschutz geprüft.

Das erste Zertifikat hat der VDE vergangene Woche in Berlin an die Vitaphone GmbH verliehen. Das Mannheimer Unternehmen bietet telekardiologische Funktionsdiagnostik, telemedizinische Dienstleistungen und Telemonitoring-Technologien an. Herzstück ist das Telemedizinische Service-Center. Mit ihm ist Vitaphone auch an einem großen Integrations-Projekt der Betriebskrankenkassen in Nordrhein-Westfalen und Saarland beteiligt. Der Ärztliche Direktor des Centers, Professor Harald Korb, wies darauf hin, dass Telemonitoring bei Herzinsuffizienz-Patienten nicht nur die medizinischen, sondern auch die gesundheitsökonomischen Ergebnisse verbessert. Durch die laufende Fern-Überwachung von diagnostischen Parametern könnten unnötige Krankenhauseinweisungen vermieden und die Kosten um die Hälfte reduziert werden, so Korb.

Nach Anfangsinvestitionen wird meist Geld gespart

Eine Handvoll Telemedizinischer Zentren sind derzeit in Deutschland aktiv. Das SITE-Konsortium hofft, dass die Zertifizierung den deutschen Anbietern eine Vorreiterposition im Weltmarkt verschafft. "Wer die Norm macht, hat den Markt", sagte Bernhard Thies, Geschäftsführungssprecher der Deutschen Kommission Elektrotechnik (DKE) im VDE. Doch Standardisierung bringt seiner Meinung nach auch mehr Sicherheit. Denkbar sei, dass bei der DKE ein Kompetenzzentrum für Telemedizin eingerichtet wird, das verschiedene Insellösungen miteinander vernetzt.

Doch nicht nur die Akteure selbst, auch die Politik hat sich auf den Weg gemacht. "Wir wollen, dass Telemedizin ebenso wie Medizintechnik zu einem Exportschlager Deutschlands werden kann", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Rolf Koschorrek bei der Zertifikatsübergabe. Er begrüßte die neue Möglichkeit der Zertifizierung als Chance, die fehlende Interoperabilität von telemedizinischen Systemen herzustellen.

Zudem bekräftigte er, dass es Absicht der Bundesregierung sei, dass Telemedizin ihren Platz im Leistungskatalog der Krankenkassen erhalte. Das sei kein größeres Problem, so Koschorrek. "Auch den Kassen ist klar, dass Telemedizin nach einer Phase der Anfangsinvestitionen eher zu Einsparungen führen wird", sagte er. Nicht zuletzt wies der Mediziner im Bundestag daraufhin, dass Telemedizin vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Versorgungsprobleme in der Fläche eine wichtige Entlastung darstelle.

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