Ärzte Zeitung, 17.09.2010

Stunde der Wahrheit für das Telemonitoring

Stunde der Wahrheit für das Telemonitoring

In vielen Fachbereichen ist Telemedizin auf dem Weg zum Standard. Aktuelle Kosten-Nutzen-Erhebungen sollen jetzt endgültig den Durchbruch bringen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Stunde der Wahrheit für das Telemonitoring

Die telemedizinische Betreuung von Patienten ist mit Hilfe moderner Geräte gar nicht so kompliziert.

© Bodytel

Telemedizinische Versorgung - das bedeutete jahrelang Projekte über Projekte, ohne dass sich die Technologie in der Breite durchsetzen konnte. Doch das könnte sich ändern: An vielen Stellen wird mittlerweile daran gearbeitet, den Arzt per Datenleitung etwas systematischer "anzubieten". Mitten in der Sommerpause verschickte die brandenburgische Gesundheitsministerin Anita Tack (DieLinke) einen Förderbescheid über fast eine Million Euro an das Carl-Thiem-Klinikum (CTK) in Cottbus.

Das CTK ist das größte Krankenhaus des Landes Brandenburg. Es wird die Fördergelder, die aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung stammen, für den Aufbau eines telemedizinischen Beratungs- und Versorgungszentrums einsetzen.

Die Versorgungszentren entstehen oft in Kliniken

"Das erste Ziel ist es, damit die Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz in Südostbrandenburg zu verbessern", betont Dr. Jürgen Krülls-Münch, Kardiologe und Chefarzt der 1. Medizinischen Klinik am CTK. Mittelfristig soll das telemedizinische Beratungszentrum am CTK freilich nicht nur den Herzspezialisten gehören. "Wir können uns gut vorstellen, künftig beispielsweise Frauen mit Risikoschwangerschaften telemedizinisch zu betreuen.

Auch für Diabetes-Patienten, bei denen die Blutzuckereinstellung nicht stabil gelingt, ist das Telemonitoring eine Option", betont Krülls-Münch. Telemedizin ist für viele Fachgruppen ein Thema, von den Hausärzten über die Gynäkologen und Dermatologen bis hin zu Radiologen, die telemedizinisch vernetzt sind.

Das Telemedizinzentrum des CTK in Cottbus ist nicht das erste seiner Art im Großraum Berlin-Brandenburg. Im Westen des Bundeslandes steht am Klinikum in Brandenburg an der Havel eine ähnliche Einrichtung, ebenso an der Charité Berlin. Die Charité betreut sowohl Berliner als auch Brandenburger Patienten, vor allem solche aus dem dünn besiedelten Norden des Bundeslandes.

"Derzeit wird in Brandenburg versucht, eine flächendeckende Infrastruktur aus telemedizinischen Zentren aufzubauen. Unser Zentrum am CTK soll ein Teil dieser Infrastruktur werden", so Krülls-Münch. Mit dem Geld aus dem Konjunkturpaket wird zunächst die Infrastruktur aufgebaut.

Es werden anderthalb Stellen neu besetzt und 250 telemedizinische Überwachungssets angeschafft. Eine Ausschreibung ist gerade in Vorbereitung. Das "Paket" umfasst unter anderem elektronische Präzisionswaagen und Messgeräte für Blutdruck und Sauerstoffsättigung. Die Geräte übertragen ihre Messwerte drahtlos an eine Basisstation und von dort in eine elektronische Patientenakte.

Das alles funktioniert problemlos. Dass es an der Technik nicht hapert, belegt auch die weltgrößte Medizinmesse, die Medica 2010, vom 17. bis 20. November in Düsseldorf. Dort zeigen die Telemedizinhersteller seit Jahren geeignete Produkte für Telemedizinszenarien aller Art.

Und in jedem Jahr sind die Geräte kleiner, praktischer und auch hübscher anzusehen. Auch Telemedizin ist beim Weltforum für Arztpraxis und Krankenhaus in diesem Jahr wieder ein Thema - bei der Messe vor allem in Halle 15, wo auch wieder die Sonderschau MedicaMedia mit einem breiten Kongressprogramm zu allen Themen der Telemedizin laufen wird.

Uniklinik ist mit vielen Häusern regional vernetzt

Brandenburg ist nicht das einzige Bundesland, das die Bemühungen um telemedizinische Dienstleistungen zu systematisieren versucht. Auch in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern wird die Telemedizin politisch vorangetrieben. So wurde mit Hilfe von Fördergeldern der EU um die Universität Greifswald herum eines der größten deutschen Telemedizinnetze gestrickt.

15 kleinere Krankenhäuser sind angebunden. Röntgenbilder, digitalisierte Gewebeschnitte, Computertomographien: Über das Netzwerk "Pomerania" werden Datensätze aller Art verschickt und telemedizinisch befundet.

Den Löwenanteil macht dabei das Mammographie-Screening aus, allein über 100 000 Untersuchungen pro Jahr: "Wir sind das einzige Bundesland, das das gesetzliche Mammographie-Screening komplett digital abwickelt", betont der Radiologe Professor Norbert Hosten. Trotz aller Technik wird im Nordosten nicht mehr Geld für das Screening investiert als anderswo: "Wir bezahlen das komplett aus der Transportpauschale, die die Krankenkassen überweisen", so Hosten.

Auch wenn bei diesem Beispiel die Finanzierung funktioniert: Das Geld bleibt der große Pferdefuß aller Telemedizinbemühungen. Zwar steigt die Bereitschaft der Kostenträger, für diese Projekte zusätzlich Geld in die Hand zu nehmen. Zu dem steinigen Weg der Vertragsverhandlung mit jeder einzelnen Krankenkasse gibt es derzeit aber keine Alternative.

"Wir kooperieren bei unserem Zentrum mit dem Ärztenetz ‚Prosper Lausitz‘, sodass wir zunächst mit der Knappschaft und der DAK Finanzierungsverhandlungen anstreben", sagt Krülls-Münch. Der Service soll aber auch für andere Kassen offen stehen.

Und wann kommt die EBM-Ziffer Telemedizin?

Ob es für Ärzte je eine "Abrechnungsziffer Telemedizin" geben wird, steht nach wie vor in den Sternen. Immerhin: Das Bundesgesundheitsministerium möchte die Telemedizin zum Thema beim Nationalen IT-Gipfel im Dezember machen: ein weiterer, kleiner Schritt.

Noch ein Schritt steht Mitte November kurz vor der Medica bevor, wenn die Resultate der größten deutschen Telemedizinstudie, Partnership for the Heart, beim US-Kardiologenkongress AHA 2010 vorgestellt werden. Von dieser Studie erhoffen sich Experten unter anderem Aufschluss darüber, welche Herzinsuffizienzpatienten von einer telemedizinischen Betreuung besonders profitieren und wie das Kosten-Nutzen-Verhältnis aussieht. Bringt das vielleicht den Durchbruch?

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