Medica Aktuell, 17.11.2011

Akzeptanz für Telemedizin wächst

In diesem Jahr eröffnet die Medica Media in Halle 15 nicht allein mit dem Thema elektronische Gesundheitskarte. Auch die Telemedizin ist Thema der Eröffnung. Ein Zeichen für die wachsende Akzeptanz dieser Disziplin.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Akzeptanz für Telemedizin wächst

Telemedizinische Anwendungen erlauben Ärzte, ohne direkten Patientenkontakt die Vitaldaten der Patienten im Auge zu haben.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

DÜSSELDORF. Von einer Disziplin für Technikfreaks hat sich die Telemedizin mittlerweile zu einer ernst genommenen Form der medizinischen Versorgung entwickelt.

Noch nie war das Interesse an Telemedizin in so vielen Disziplinen so groß. Noch nie gab es mehr politische Resonanz. Wenn es um die Honorierung geht, müssen aber weite dicke Bretter gebohrt werden.

Schon immer verbargen sich hinter dem Schlagwort Telemedizin zahlreiche sehr unterschiedliche und oft kaum vergleichbare Versorgungsansätze.

Telemedizinische Anwendungen statt Pauschalbegriff "Telemedizin"

Selbst innerhalb der Telemedizinszene ist der Pauschalbegriff "Telemedizin" unbeliebt geworden: "Ich versuche, davon wegzukommen, und rede stattdessen lieber von telemedizinischen Anwendungen", sagt beispielsweise der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, Professor Hans-Jochen Brauns.

Für "telemedizinische Anwendungen" interessieren sich ganz unterschiedliche Fachgebiete. Das klassische Telemonitoring, bei dem Patienten zu Hause mit Hilfe von elektronischen Sensoren, etwa Waagen, Blutdruckgeräten oder elektronischen Peak-Flow-Messgeräten überwacht werden, ist in letzter Zeit etwas in die Defensive geraten.

Zum einen hat die Einführung des Gesundheitsfonds im Jahr 2009 dazu geführt, dass viele Kassenprojekte nicht verlängert wurden. Zum anderen gab es gerade im Bereich des Herzinsuffizienz-Telemonitorings, lange Zeit der Paradedisziplin der Telemedizin, zwei große und im Gesamtergebnis für viele enttäuschende Studien.

Die Evidenzlage hat sich in letzter Zeit gebessert

Akzeptanz für Telemedizin wächst

© Aipermon

Paradoxerweise könnten aber gerade diese zunächst einmal negativen Studien die Telemedizin bei der Herzinsuffizienz doch noch voranbringen. "Die Evidenzlage hat sich verbessert, sodass wir jetzt jene Patienten genauer beschreiben können, die von der Fernüberwachung profitieren", betont Dr. Franz-Joseph Bartmann, Telematik-Vorstand der Bundesärztekammer.

Bartmann sitzt am Mittwoch auf dem Podium der Eröffnungsveranstaltung zur Medica Media in Halle 15 zum Thema Telemedizin, Nutzen in der Praxis.

Kassen wollen Telemedizinengagement bei Herzpatienten ausbauen

Erste Kassen haben sich dann auch entschlossen, ihr Telemedizinengagement bei Herzpatienten auszubauen. Die AOK NordWest etwa geht aktuell in die zweite Runde ihres HerzAs-Projekts, bei dem Patienten mit Herzinsuffizienz der NYHA-Stadien II bis IV elektronisch überwacht werden, um Dekompensationen zu erkennen und drohende Klinikaufenthalte zu verhindern.

In der ersten Phase des HerzAs-Projekts hat die AOK mit dem Institut für angewandte Telemedizin (IFAT) in Nordrhein-Westfalen kooperiert. "Insgesamt haben wir über 600 Patienten im Rahmen dieses Projekts versorgt. Derzeit sind es etwa 200", betont Eckhard Werner, bei der AOK NordWest zuständig für neue Projekte.

Werner bewertet HerzAs als Erfolg: "Die Patienten sind weniger oft und weniger lang im Krankenhaus. Die betreuenden Ärzte haben wirklich gute Arbeit geleistet." HerzAs wird deswegen jetzt ausgeweitet. Das Anschlussprojekt soll mehrere tausend Patienten umfassen.

HerzAs: Ende 2011 soll es in München losgehen

Dafür musste europaweit ausgeschrieben werden - für viele Krankenkassen noch immer ungewohnt. Den Zuschlag erhielt die Gesellschaft für Patientenhilfe München. Ende 2011 soll es losgehen.

Auf eine Variante des Telemonitorings setzen auch Transplantationsmediziner der Universität Freiburg, die gerade das deutschlandweit erste Telemedizinprojekt für Patienten nach Nierentransplantation gestartet haben, und zwar speziell Patienten mit blutgruppenkompatibler Lebendnierenspende.

Innerhalb dieser randomisierten Studie übermitteln 25 Patienten täglich einen kurzen elektronischen Fragebogen an das Transplantationszentrum, entweder per TouchScreen oder mit einem digitalen Pen&Paper-System.

Weitere 25 Patienten dienen als Kontrollgruppe. Dazu kommen 50 Patienten nach Lebertransplantation, die das Universitätsklinikum Straßburg beisteuert. Bei Problemen kann eine Videokonferenz geschaltet werden.

Wird durch Fernüberwachung die Lebensqualität und Compliance verbessert?

"Erster Ansprechpartner ist eine eigens für dieses Projekt angestellte examinierte Krankenschwester mit Transplantationserfahrung", betont Projektleiterin Silvia Hils. Ziel ist es, zu untersuchen, ob die Fernüberwachung die Lebensqualität verbessert und auf dem Wege über bessere Compliance vielleicht sogar Abstoßungsreaktionen verhindert.

An einem größeren Rad dreht die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie, die sich als eine der ersten Fachgesellschaften selbst für den Aufbau einer Telemedizininfrastruktur engagiert. In dem Projekt der DGU geht es um Telekooperationsszenarien in den überall in Deutschland im Aufbau befindlichen Traumanetzwerken.

Über das Netz soll eine direkte Kommunikation zwischen den Traumatologen unterschiedlicher Versorgungsstufen ermöglicht werden. "In der ersten Stufe setzen wir auf ein Internetportal, um die Einstiegshürden niedrig zu halten", betont Dr. Christian Juhra vom Universitätsklinikum Münster. Den Zuschlag bekamen die Anbieter Chili und Pegasus.

Wann kommt der Sprung in die Regelversorgung?

Ein heikler Punkt bei der Telemedizin ist auch weiterhin der Sprung in die Regelversorgung. Eine pauschale Erstattung ist unrealistisch. Anbieter werden sich indikationsbezogen vorarbeiten müssen und können damit durchaus Erfolg haben, wenn sie den Nutzen auch belegen können.

Für die Schlaganfalltelemedizin existiert seit 2011 eine OPS-Ziffer. Andere könnten folgen. Erleichterung könnte das neue Versorgungsgesetz bringen, das Telemedizin als Hilfsmittel für unterversorgte Regionen explizit erwähnt.

Was das Telemonitoring angeht, hat Nino Mangiapane vom Bundesgesundheitsministerium angeregt, doch den Weg über den Gemeinsamen Bundesausschuss zu gehen und Telemedizinangebote auf die Disease Management-Programme aufzusatteln: "Mit ist klar, dass das ein sperriges Verfahren ist. Aber der Vorteil wäre, dass eine Erstattung dann tatsächlich flächendeckend möglich würde."

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