Ärzte Zeitung, 18.02.2012

Telemedizin: Jetzt gibt es den Beweis

Über die Wirkung von Telemedizin lässt sich streiten. Bei einem AOK-Projekt wurde deshalb der Krankheitsverlauf bei 7000 Patienten evaluiert. Das Ergebnis: Der Patientennutzen ist klein, aber so relevant, dass das Projekt verlängert wird.

Telemedizin mit überzeugendem Nutzen

Per Telecoaching geben Fachleute beim Telemedizinprogramm "Herzinsuffizienz" Patienten Tipps.

© stefanolunardi / fotolia.com

HANNOVER (cben). Funktioniert Telemedizin? Und für wen? Das Programm "Herzinsuffizienz" der AOK Niedersachsen und der Münchener Firma almeda zeigt: Der Patientennutzen ist eher "klein, aber relevant", wie die Forscher sagen.

Auch der Versorgungsforschung nützt der Vertrag. Der 2008 geschlossene Vertrag wurde jetzt bis Ende 2014 verlängert.

Das Programm ist eines der größten indikationsbezogenen Telemedizinprojekte in Europa mit 13.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Evaluiert wurden rund 7000 Patientinnen und Patienten anhand ihrer Kassendaten.

Laut Professor Volker Amelung und Privatdozent Christian Krauth von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) führte die telemedizinische Betreuung dazu, dass im Laufe eines Jahres weniger Patienten (13,2 Prozent) der Projektgruppe an ihrer Krankheit starben als in der Kontrollgruppe (14,5 Prozent).

"Das heißt, hochgerechnet profitieren von 1000 Patienten im Vergleich zur Kontrollgruppe 13, indem sie mindestens ein Jahr überleben, was sie ohne Telemedizin nicht geschafft hätten", sagt Krauth zur "Ärzte Zeitung".

Frauen profitieren mehr als Männer vom Programm

Was Schlaganfälle oder Herzinfarkte im Laufe eines Jahres angeht, liegt das Verhältnis bei 24,6 Prozent in der Kontrollgruppe und 23,4 Prozent in der Projektgruppe. "Insgesamt handelt es sich um eher kleine, aber relevante Effekte", konstatiert Krauth.

Interessant sind die Auswertungen zu bestimmten Untergruppen: So profitieren Frauen mehr als Männer, 65- bis 75-Jährige mehr als alle anderen Altersgruppen, und Patienten mit koronaren Herzkrankheiten haben mehr profitiert als Patienten ohne diese Leiden.

Bei diesen Subgruppen sinkt die Mortalität um bis zu fünf Prozentpunkte. Insgesamt sei die Lebensqualität der Patienten trotz ihrer fortschreitend schweren Krankheit konstant geblieben.

"Jetzt wissen wir besser, bei welchen Gruppen wir in Zukunft telemedizinische Projekte zur Herzinsuffi zienz ansetzen müssen", erklärt Amelung, "ohne die umfassende Evaluation hätten wir die Unterschiede gar nicht nachweisen können." In Zukunft könne man viel besser ermitteln, wer am besten von welchem Produkt profitiere?

Versorgungskosten sinken um bis zu 15 Prozent

So kann die Versorgungsforschung helfen, zum Beispiel maßgeschneiderte IV-Verträge zu entwerfen und abzuschließen, so Amelung. "Aber noch stehen wir ziemlich am Anfang der Entwicklung. Die Programme müssen immer weiterentwickelt werden."

Das Programm umfasst in erster Linie Telecoaching für die Patienten. In Telefonaten geben Fachleute den Patienten gezielt Informationen zu ihrer Krankheit.

"Der Schwerpunkt der Gespräche liegt darauf, mit den Patienten Ziele zu erarbeiten und Schritte zu entwickeln, diese Ziele zu erreichen", sagt Michael Blasius von almeda zur "Ärzte Zeitung". Vor allem gehe es um Medikamenten- und Therapiecompliance.

Zusätzlich erhalten die Teilnehmer Mappen mit Schulungsmaterial und bei Bedarf eine Waage sowie ein Blutdruckmessgerät.

Auch bei Gewicht und Blutdruck haben sich signifikante Verbesserungen ergeben. Allerdings wurden diese Werte nicht im Vergleich zu einer Kontrollgruppe erhoben.

Laut AOK hilft das Programm auch, Geld zu sparen. "Jeder Patient mit Herzinsuffizienz kostet im Jahr 15.000 bis 20.000 Euro", sagt Carsten Sievers, Sprecher der AOK Niedersachsen.

Das "Gesamtplus des Vertrages" lasse sich derzeit nicht beziffern, "aber bei bestimmten Patientengruppen haben wir 15 Prozent der Gesamtkosten eingespart."

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