Ärzte Zeitung, 30.12.2014

E-Health 2015

Fortschritt oder Stillstand?

Bei der Übermittlung medizinischer Daten und bei IT-Anwendungen für Patienten agiert Deutschland europaweit im unteren Drittel. Dass sich das mit dem E-Health-Gesetz ändert, erscheint zweifelhaft. Aber seitens der Patienten steigt der Druck.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Fortschritt oder Stillstand?

Projekt ohne E-Card: Die App des Berliner Start-ups Klara soll Ärzten ermöglichen, Ferndiagnosen zu stellen.

© Goderma GmbH

BERLIN. Als Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe im Sommer 2014 sein E-Health-Gesetz ankündigte, erhielt er dafür viel Zustimmung.

Kurz zuvor hatte die EU-Kommission mehrere Analysen zur Umsetzung von E-Health-Anwendungen in den EU-Mitgliedsstaaten veröffentlicht. Deutschland schnitt dort katastrophal ab, sowohl im Krankenhausbereich als auch im ambulanten Sektor.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund erhofften viele sich vom E-Health-Gesetz Rückenwind.

Neben einer beschleunigten Einführung von Telematikanwendungen standen die Überwindung der Stase bei der Telemedizinerstattung, die Einführung von E-Patient-Diensten, ein attraktives Anreizmodell für Ärzte und Apotheker, die digitale Dienste nutzen, eine Stärkung der gematik zu Lasten der Verbände sowie diverse Standardisierungsmaßnahmen auf den Wunschzetteln.

Patient 2.0 drängt vorwärts

Was bringt das E-Health-Gesetz?

Das Jahr 2015 wird in Sachen E-Health ein spannendes Jahr. Zum einen stehen die Online-Tests für die eGK auf dem Programm, die in zwei großen Testregionen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland Pfalz und Schleswig-Holstein sowie in Bayern und Sachsen stattfinden werden. Zum anderen soll es ein E-Health-Gesetz geben, mit dem die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens vorangetrieben werden soll. Erste Entwürfe werden für Ende Januar erwartet. Seit Oktober werden die folgenden vier Eckpunkte kommuniziert, auf die das Gesetz eingehen will:

Fristen für konkrete Anwendungen der eGK, darunter elektronische Notfalldaten, Entlassbriefe und elektronische Medikation

Finanzierungsvereinbarungen für den Online-Rollout, zum Beispiel für Anwendungen wie Notfalldaten, Entlassbriefe und Arzneimitteltherapiesicherheit

Verbesserung der Interoperabilität zwischen den diversen IT-Systemen in Kliniken und Praxen. Hierfür wurde im Sommer ein neues, voraussichtlich bei der gematik angesiedeltes Gremium angekündigt, über dessen Zusammensetzung es bisher noch keine Details gibt.

Öffnung der Infrastruktur für andere Anwendungen und Akteure. Hier wird unter anderem an die nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe gedacht.

Mittlerweile ist die Vorfreude einer gewissen Ernüchterung gewichen. Es deutet sich an, dass das E-Health-Gesetz eine Lex Gesundheitskarte wird.

Damit bleibt es vorerst dabei, dass sich Innovatoren - sei es bei den Ärzten, bei den Kassen oder in der Industrie - an den Rändern des Systems bewähren müssen.

Auf ärztlicher Seite sind Teleradiologie und Schlaganfall-Telemedizin zwei dieser Randgebiete.

Hier ist in den vergangenen ein bis zwei Jahren nicht viel Neues passiert. Dafür ist bei den so genannten Patient 2.0-Diensten eine gewisse Dynamik spürbar.

So war 2014 das Jahr, in dem erstmals eine Krankenkasse (Barmer-GEK) eine vom Arzt verordnete Patienten-App (Caterna) zur Therapie bei Amblyopie im Rahmen eines IV-Vertrags regulär erstattete.

Andere schon zuvor beschrittene Wege in die finanzielle Nachhaltigkeit dieser Dienste führen über "ergänzende Rehabilitationsleistungen".

Das Online-Schulungsprogramm "Luftikids" kann zum Beispiel von Ärzten für Kinder mit Asthma auf diese Weise verordnet werden.

Auch in die Online-Terminbuchung kommt Bewegung. Die Techniker Krankenkasse (TK) hat ein Förderprogramm für Ärzte, die Online-Buchungen anbieten.

Und sie kooperiert mit wichtigen Anbietern, um Online-Buchungen über ihre Internetdienste zur Verfügung zu stellen.

Interessant wird im Jahr 2015 die Entwicklung bei den Online-Sprechstunden. Das ist etwas, das grundsätzlich auf einer nationalen Telematikinfrastruktur abgewickelt werden könnte und sollte.

Da sich die Selbstverwaltung aber schon beim Online-Rollout der eGK sehr schwer tut, dürften Online-Sprechstunden in Deutschland zunächst außerhalb der medizinischen Datenautobahn stattfinden.

Eine gewisse Eisbrecherfunktion hatte dabei das Start-up "Klara" (ehemals "goderma"). Es bietet für Selbstzahler eine dermatologische Beratung per App. Die Reaktionen fielen erwartungsgemäß aus.

Die Ärztekammer Berlin rief mit Verweis auf das Fernbehandlungsverbot zum Kreuzzug auf. Der fiel dann allerdings aus. Mittlerweile gibt es relativ sachliche Debatten.

Und im Windschatten von "Klara"/"goderma" versuchen erste Anbieter, in einem etwas anderen Ansatz die Infrastruktur für Online-Sprechstunden niedergelassener Ärzte zur Verfügung zu stellen.

Bleibt die Frage, warum sich Deutschland so schwer tut, Strukturen zu schaffen, die es innovativen Geistern leichter machen, digitale Anwendungen im Gesundheitswesen zumindest zu erproben. Die Antwort lautet Interessenpolitik.

Die Telematikinfrastruktur, die eine Innovationsplattform mit klaren Sicherheitsstandards sein könnte - und so eigentlich auch mal gedacht war -, kommt deswegen nicht voran, weil Ärzte und in geringerem Umfang Krankenkassen jeweils ihre eigene Agenda verfolgen.

KV-Netz in der Kritik

Besonders deutlich ist das bei den Kassenärzten, deren KV-Netz vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) extrem kritisch gesehen wird. Das spielt in der öffentlichen Diskussion aber praktisch keine Rolle.

Eher werden Zweifel an der vom BSI eindeutig präferierten gematik-Infrastruktur gesät. So lange das so ist, werden es digitale Dienste, die mit sensiblen Daten hantieren, schwer haben.

Das E-Health-Gesetz könnte hier ansetzen, indem es den Einfluss der Interessengruppen bei der gematik limitiert. Das ist allerdings unwahrscheinlich.

[31.12.2014, 21:11:06]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Was sich in dieser offenbar unausrottbaren Komputergläubigkeit verbirgt ist schlicht ein Minderwertigkeitskomplex
gegenüber menschlichen Fähigkeiten, zur der nicht nur die ärztliche Kunst, sondern bereits die "zu kontextreiche" menschliche Alltagssprache gehört.
Hier versagt jeder Rechner.
Obwohl schon in den 60ger Jahren des letzten Jahrhunderts von Siemens angekündigt und natürlich von unserer hochintelligenten Regierung mit Subventionen massiv unterstützt, gibt es BIS HEUTE noch kein wirklich gutes Übersetzungsprogramm zwischen Deutsch und der Primitivsprache Englisch, die einen menschlichen Dolmetscher wirklich ersetzen könnte, außer in Hollywoodfilmen natürlich.
Ebenso ist es mit ernsthaften medizinischen z.B. "Diagnoseprogrammen", die übrigens eine historische Schlüsselrolle bei der Entwicklung dessen gespielt haben, was sich "künstliche Intelligenz" nennt.
Auch diese haben bis heute versagt, bzw. sie waren nur so gut wie der ärztliche Experte, dessen Kenntnisse dabei "verwendet" wurden und wie vieles in der heutigen Medizin nicht von langer Gültigkeitsdauer.
Aktueller (besser) war dann doch wieder der Dr. auf seinem Gebiet natürlich.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, ich freue mich immer, wenn ein Patient sich für seine eigene Erkrankung interessiert und auch kümmert (Laborwerte sammeln etc.), das erleichtert die Arbeit zum Teil erheblich.
Auf einen "Rechner" oder EDV-Programm würde ich mich keinesfalls verlassen, wenn es "wichtig" ist.

Auf eine menschliche Zukunft 2015! zum Beitrag »
[31.12.2014, 20:33:33]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
offenbar ist den Enthusiasten der "Krankheitselektronik" gar nicht bewusst,
wohin diese Datensammlung, insbesondere der Deutschen eCard steuert.
Hier geht es um einen ALPTRAUM:
der zentralen Speicherung aller Krankheitsdaten, deren Sicherheit HEUTE SCHON nicht mehr dem Stande der Technik entspricht. ( ISO/IEC 15408 NICHT erfüllt!)
Seid ihr alle blind?
So etwas sensibles darf auf keinen Fall zentral gespeichert werden sondern nur dezentral, wie z.B. in England,
am besten immer noch beim Dr. der zur Schweigepflicht gesetzlich verpflichtet ist und auch als einziger auch ein echtes Interesse daran hat. Diese "Schweigepflicht" ist jetzt schon vielen ein Dorn im Auge und durch allerhand "Kostenträgerwünsche" durchlöchert. (Eine korrekte GOÄ-Rechnung ist schon ein Arztbrief).
Datenspeicherung bringt therapeutisch überhaupt nichts.
Hier sollte der Patient seinen Dr. unterstützen!
Was passieren KANN wird auch passieren,
wie die Krankenakte von Michael Schumacher im Internet, die für Geld angeboten wurde.
Medizinische Datensammlung im Internet kann zur Versklavung führen!
Wehret den Anfängen! zum Beitrag »
[30.12.2014, 14:32:09]
Dr. Wolfgang Bensch 
E-Health als Vehikel, um die eCard salonfähig zu machen?
Nach diversen Skandalen mit Zugang zu eigentlich "sicheren Daten" dürfte die frühere Euphorie der Gesundheitsreform von 2003 nicht mehr gegeben sein, als man das Projekt im SGB V anläßlich des GMG (Gesundheitsmodernisierungsgesetz) Ende 2003 verankerte. Der Paragraph 291 a beschreibt darin die Einzelheiten:
§ 291a Elektronische Gesundheitskarte:
(1) Die Krankenversichertenkarte nach § 291 Abs. 1 wird bis spätestens zum 1. Januar 2006 zur Verbesserung von Wirtschaftlichkeit, Qualität und Transparenz der Behandlung für die in den Absätzen 2 und 3 genannten Zwecke zu einer elektronischen Gesundheitskarte erweitert.

Noch mehr als 10 Jahre später sind diese Erwartungen nicht eingetroffen, die Kosten betragen bereits über eine Milliarde ...


 zum Beitrag »
[30.12.2014, 13:15:51]
Dr. Ursula Kramer 
Derweil gehen die Patienten auf eigene Faust los
.. und schauen sich in den App-Stores selbst nach nützlichen Gesundheits-Apps um. Der Arzt spielt hier als Berater oder Empfehler derzeit keine Rolle (GAPP Studie 2014). Und das, obwohl bereits viele Apps für Chroniker Funktionen zum Datenaustausch mit dem behandelnden Arzt - z. B. Einträge aus Diabetes- oder Schmerztagebüchern - bieten.
Patienten sind jedenfalls sehr aufgeschlossen und suchen aktiv nach Apps zur Gesundheitsaufklärung und besseren Krankheitsbewältigung. Jeder 5. hat bereits Gesundheits-Apps auf seinem Smartphone installiert (IKK Classic). Und diese breite Basis mit zunehmender Medienkompetenz wird auf Dauer wenig Verständnis für den Stillstand auf dem Gebiet e-health aufbringen und gesetzliche Rahmenbedingungen fordern, die Innovationen den Weg frei machen für mehr Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung. zum Beitrag »

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