Ärzte Zeitung, 24.02.2015

E-Health

Nachwuchsmediziner sezieren Gesetzentwurf

Künftig werden Jungärzte in Praxis und Klinik stürmen, die das Internet in die Wiege gelegt bekamen. Medizinstudenten, die sich als Digital Natives verstehen, nehmen nun in einem Essay den Referentenentwurf zum E-Health-Gesetz auseinander.

Von Matthias Wallenfels

Nachwuchsmediziner sezieren Gesetzentwurf

Die Speicherung von patientenrelavanten Gesundheitsdaten in Praxen und Kliniken sollte einzig und allein in elektronischer Form geschehen, fordern Medizinstudenten.

© Maksim Kabakou / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Bei der Verwaltung patientenrelevanter Gesundheitsdaten in Praxis und Klinik liegt noch vieles im Argen, werden die technischen Möglichkeiten des Zugriffsmanagements nur defizitär umgesetzt.

Dies monieren die beiden Medizinstudenten Jesaja Brinkmann, 2014 stellvertretender Bundeskoordinator der Arbeitsgemeinschaft Medizinische Ausbildung bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd), und Pascal Nohl-Deryk, aktuell Gesundheitspolitisch Verantwortlicher der Europäischen Medizinstudierenden Vereinigung (EMSA).

Ein der "Ärzte Zeitung" vorliegender Essay versteht sich als Reaktion auf den von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vorgelegten Referentenentwurf zum E-Health-Gesetz.

Unter dem Titel "Der Blick einer neuen Medizinergeneration auf Telemedizin und das Arztsein im Internetzeitalter" identifizieren sie - unter der Prämisse, künftig die erste Ärztegeneration in Deutschland zu sein, die als Digital Natives in der Patientenversorgung arbeiten wird - Chancen und vor allem Defizite des Referentenentwurfs.

Digital Natives sind Menschen, die mit neuen Technologien des digitalen Zeitalters groß geworden sind.

Knackpunkt Verschlüsselung

Da in vielen Praxen und Kliniken teilweise noch analog mit physischen Patientenakten gearbeitet werde, berge dies die Gefahr, dass sich unberechtigte Dritte Zugriff auf die Gesundheitsdaten anderer Patienten verschaffen könnten - zum Beispiel beim Warten im Sprechzimmer, wenn die entsprechenden Akten nicht unter Verschluss sind.

"Es ist von Nöten, dass elektronische Speicherung und Übertragung nur individuell verschlüsselt stattfinden, auch wenn die Verschlüsselung von Datenbanken ungleich schwerer ist, als die einfacher Daten", fordern die Medizinstudenten.

Zugriffe und Änderungen an Daten müssten durch ein Versionssystem protokolliert werden, lautet eine weitere Forderung.

Durch solche Protokolle könne die informationelle Selbstbestimmung als europäisches Grundrecht noch besser als durch analoge Datenspeicherung gewährleistet werden.

Beim Thema Telemedizin sind sich Brinkmann und Nohl-Deryk der Tatsache bewusst, dass Patienten wie praktizierende Ärzte eine teils ambivalente Einstellung zu den neuen technischen Möglichkeiten haben, die große Erwartungen wie auch Befürchtungen wecken.

"Wir stehen telemedizinischen Anwendungen grundsätzlich positiv gegenüber und erhoffen uns qualitative Verbesserungen der Gesundheitsversorgung, während wir gleichzeitig durch Telemedizin keine direkte Kostenreduktion erwarten", plädieren sie für den Einsatz entsprechender Lösungen im Versorgungsalltag.

Skeptisch zeigen sie sich bezüglich der Reduktion des physischen Patientenaufkommens in Praxen und Kliniken durch die Telemedizin: "Generell können nach unserer Ansicht ein Teil der physischen Arztkontakte durch Telemedizin eingespart werden, die Summe der physischen und virtuellen Arztkontakte wird sich hierdurch jedoch vermutlich nicht verringern."

Gleichzeitig lasse sich aber die Zeit zwischen Arztkontakten überbrücken - und bei Bedarf werde ein schnelles Intervenieren des Arztes ermöglicht.

Intakte Arzt-Patienten-Beziehung

Aus Sicht der Nachwuchsmediziner wird die Telemedizin keine negative Auswirkung auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient haben: "Räumliche Trennung ist für uns nicht gleichbedeutend mit einer Entfremdung zwischen Arzt und Patient.

Auch Telefongespräche oder Videochats können fürsorglich geführt werden. Und mit steigendem Anteil von Patienten, die mit solchen Kommunikationswegen aufgewachsen sind, wird es als normal erscheinen auch ärztliche Kontakte darüber laufen zu lassen."

Letztlich sei für die Ärzte von morgen die Zuwendung entscheidend, die dem Patienten zu Teil werde und nicht die Entfernung zwischen Arzt und Patient.

Ruf nach EBM-Telemedizinziffer

Sensibel reagieren die Essayautoren auf die derzeit mit der Radiologie als Ausnahme noch sehr limitierte Abrechnungsmöglichkeit telemedizinischer Services: "Da die (flächendeckende) Versorgung dem Geld folgt, plädieren wir dafür, die Abrechenbarkeit auszubauen, damit telemedizinische Projekte von den zahlreichen Pilotprojekten in die Regelversorgung eingehen können."

Brinkmann und Nohl-Deryk warnen trotz aller telemedizinischen Affinität davor, entsprechende Ansätze als Komplettlösung für die medizinische Versorgung von unterversorgten Regionen zu sehen.

"Ein schneller Kontakt zu zumindest einem medizinischen Generalisten sollte möglich sein", fordern sie.

Um künftige Arztgenerationen für die Telemedizin zu sensibilisieren, plädieren die Studenten für deren generelle Integration in die universitäre Medizinerausbildung.

Interoperabilität mangelhat

Nach Ansicht der Medizinstudenten krankt das deutsche Gesundheitswesen derzeit in Sachen Vernetzung noch an der teils mangelnden Interoperabilität der einzelnen Lösungen.

"Wir halten es für sinnvoll, dass ein verpflichtender Katalog von Standards durch eine entsprechend autorisierte Stelle zusammengestellt wird oder aber mindestens eine Übereinkunft unter Herstellen und Anwendern über solche Standards moderiert wird", schlagen sie als Lösungsansatz vor.

Der im Referentenentwurf ab dem 1. Oktober 2016 verpflichtend vorgesehene Medikationsplan für Patienten mit mindestens fünf verordneten Arzneien stößt bei den Nachwuchsärzten auf ein positives Echo.

Allerdings monieren sie die vorgeschlagene Papierform als "inkosequent" und plädieren für eine digitale Speicherung auf der elektronischen Gesundheitskarte.

In einem letzten Punkt plädieren die künftigen Ärzte für eine Aufweichung des Fernbehandlungsverbotes in den jeweiligen Berufsordnungen, da dies in der digitalisierten Welt nicht mehr zeitgemäß sei.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Telemedizin-Rebellen

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[28.02.2015, 09:10:39]
Dr. Matthias Schreiber 
Unlösbares Problem
Autor Wallenfells schreibt: "Da in vielen Praxen und Kliniken teilweise noch analog mit physischen Patientenakten gearbeitet werde, berge dies die Gefahr, dass sich unberechtigte Dritte Zugriff auf die Gesundheitsdaten anderer Patienten verschaffen könnten - zum Beispiel beim Warten im Sprechzimmer, wenn die entsprechenden Akten nicht unter Verschluss sind."
Das mag korrekt sein, aber die Gefahr, dass sich tausende Mitarbeiter in einem Krankenhausinformationsystem am Stationsrechner unbefugt Informationen holen können ist um Potenzen höher - wie immer wieder lesbar ist.
Es ist ein unlösbares Problem: Allein schon die Tatsache, dass man im Krankenhausinformationssystem nachlesen kann, dass (!) ein Patient im KH liegt oder lag - selbst wenn man nicht an die medizinischen Daten kommt - ist schon eine Verletzung der Schweigepflicht. Man stelle sich die Spekulationen vor, der Patient X lag auf der Psychiatrie ... zum Beitrag »
[26.02.2015, 00:05:00]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Dr. Gunter Pollanz, vielleicht wäre es wichtiger, vernünftig Medizin zu studieren,
als mit 14-jährigen zu argumentieren. Meine Kritik war toternst gemeint.
Ich bin zufällig edv-freak, mir gefällt kein einziges der vielen Krankenhaus-Informationssystemen,
die schaffen nicht das was ich ganz alleine mit Excel mache.
Das liegt schlicht daran, dass die Priorität der real existierenden EDV-Systeme abrechnungsorientiert programmiert sind, fast zu 100% von Nicht-Ärzten und daran wird sich auch nichts ändern.
Ich kenne Op-Berichte, die tatsächlich 0 Information enthalten bis auf die beiden Worte Diagnose und Therapie,
alles andere sind nichtssagende z.T. wirklich wohlklingende Textbausteine.
Ihre Rechnerträume in automatischer Diagnose Stellung mit gleich der idealen Therapie sind so falsch wie uralt. Historisch waren die ersten "künstliche Intelligenz"-Anwendungen zufällig medizinische Diagnose Programme.
Sie haben bis heute alle enttäuscht,
aber nicht wegen fehlenden 14-Jährigen, klar "digital natives" schlägt natürlich alles, schon alleine wegen Englisch, für mich immer fast Garantie für fehlenden Tiefgang.
sondern weil diese künstliche Intelligenz-Programme immer nur so erfolgreich waren, wie die medizinischen Superexperten die als Programmierer dahinter standen.
Die haben da allerdings maximal einmal mitgemacht, weil sie halt aktive Mediziner waren und dann wieder ihre Medizin betrieben,
so dass die Programme schnell veralterten, bzw. Fehldiagnosen lieferten und damit unbrauchbar waren.
Die nie sterbende Wunsch nach einem Rechner der dem Doktor überlegen ist, zeigt bei realistischer Analyse
der bisherigen Entwicklung lediglich den Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Rechner.
Sagt ein EDV-und Apple-freak.

mfG zum Beitrag »
[25.02.2015, 10:18:37]
Tobias Neisecke 
Frisch, frei und konstruktiv
Es hat bisher etwa 40 Stellungnahmen zum Referentenentwurf für ein E-Health-Gesetz gegeben. (Siehe Zusammenstellung hier: http://www.imatics.de/aktuelles/stellungnahme_kommentar_zitat_ehealth_gesetz_referentenentwurf.html) Dieses Essay von 2 Medizinstudierenden sticht meiner Meinung nach heraus: die erste Stellungnahme, die nicht eingefärbt ist durch Partei-, Organisations-, oder Verbandsinteressen.
 zum Beitrag »
[24.02.2015, 12:20:48]
Dr. Gunter Pollanz 
Ironie ist falsch platziert
Lieber Hr. Kollege Bayerl,
Sie haben - unbeabsichtigt - Recht. Die 14jaehrigen koennen tatsaechlich mt Daten umgehen und verstehen dass wenn Oma oder Opa den Code 'i20' erhaelt dass ein modernes programm sofort versteht dass Angina Pectoris eine Verschreibung eines blutverdickenden Mittels verbietet da dies sofort zum Schlaanfall fuehren koennte. Solche eine Kommunikation zwischen Daten verstehnden Digital Natives (Patient und Arzt) fuehrt zu Verstaendnis und Verbesserung des Arzt/Patienten Verhaeltnisses. Wenn die gematik mit Unterstuetzung der Bundesaerztekammer und des Ministeriums Datenschutz Kriterien einfuehren moechten, die zum IT Verstandnnis 1985 gehoert dann marschieren die Digitalen Natives halt am Gematik-System vorbei. entweder nehmen wir die neue Generation der Digitalen Natives ernst und die arbeiten mit Digitalen Native Aerzten Hand in Hand oder das E-Health Gesetz kostet halt noch einmal 5 milliarden Euro - nur wird sich niemand darum kuemmern da die Welt schon laengst an Gematik und dem E-Health Gesetz vorbeimarschiert ist.
ich lade die 14jaehrigen ein mitzumachen - wenn die 25 sind wissen die genau was mit ihren Daten gemacht wird.  zum Beitrag »
[24.02.2015, 08:17:32]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Wir können ja auch die 14-Jährigen fragen, was "zeitgemäß" ist.
Die haben zwar von Medizin keine Ahnung, sind aber sicher noch mehr "Digital Natives". zum Beitrag »

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