Ärzte Zeitung, 15.10.2015

RöV-Novelle

Die Teleradiologie spricht nicht mit einer Stimme

Abseits der emotionalen E-Health-Debatten hat sich die Teleradiologie in Deutschland zum unverzichtbaren Bestandteil der Versorgung entwickelt. Bei der anstehenden Novelle der Röntgenverordnung geht es einmal mehr um die konkrete Umsetzung.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Die Teleradiologie spricht nicht mit einer Stimme

Teleradiologie kann vor allem kleinere Kliniken bei den laufenden Kosten entlasten.

© Aleksey Khripunkov/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Wenn gesundheitspolitisch über Telemedizin debattiert wird, dann heißt es oft, sie sei in Deutschland nicht abrechenbar. Das stimmt in vielen, aber nicht in allen Fällen. Konkret stimmt es nicht bei der Teleradiologie, die seit vielen Jahren ein regulärer Bestandteil der Versorgung ist.

Trotz eines recht engen Korsetts durch die Röntgen-Verordnung (RöV) habe sich die Teleradiologie in Deutschland hervorragend entwickelt, findet Dr. Torsten Möller von der im saarländischen Dillingen ansässigen reif & möller diagnostic-networks ag, dem wohl größten deutschen Anbieter teleradiologischer Dienstleistungen.

"Wir haben schon vor vielen Jahren gesagt, dass auf Dauer eine geregelte radiologische Versorgung in Dienstzeiten nur mit der Teleradiologie leistbar ist. Das hat sich bewahrheitet. Es gibt immer mehr Kliniken, die die Teleradiologie nutzen", so Möller, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Teleradiologie e.V. ist.

Meist Großkliniken als Anbieter

Möller ist Kenner der Szene, aber genaue Zahlen hat er genauso wenig wie alle anderen. Zumindest hat die Deutsche Röntgen-Gesellschaft (DRG), genauer das Chefarztforum Radiologie CAFRAD und die Konferenz der Lehrstuhlinhaber Radiologie KLR, kürzlich eine Umfrage unter Krankenhäusern durchgeführt, an der sich immerhin 146 Anbieter und Nutzer von Teleradiologie beteiligt haben.

Erwartungsgemäß waren Häuser mit mehr als 800 Betten in erster Linie Anbieter von Teleradiologie, während kleinere Häuser eher Nutzer waren. Neben der "Nachtdienst-Teleradiologie" nach RöV wird die Teleradiologie auch zur Absicherung des Bereitschaftsdienstes durch einen teleradiologisch angebunden Hintergrunddienst genutzt.

In der Regel handelt es sich um kleine Netzwerke mit weniger als fünf angeschlossenen Häusern. Von 55 Anbietern gaben nur sechs an, mehr als fünf Standorte zu versorgen. Nur zwei Umfrageteilnehmer versorgten mehr als zwanzig Standorte.

Unterschiedliche Interessen

Was die Erlöse angeht, kommt in mehr als der Hälfte der Fälle kein Cent in der leistungserbringenden Abteilung an, also weder in Form direkter Liquidation noch in Form von zusätzlichem Budget.

Letzteres spricht dafür, dass Teleradiologie in Deutschland von Krankenhausbetreibern auch dazu genutzt wird, in der Radiologie durch Arbeitsverdichtung Kosten zu sparen. Umgekehrt werden Radiologen in Krankenhäusern, die nur Kunden sind, deutlich entlastet, weil teilweise die kompletten Dienstverpflichtungen wegfallen.

Wer die derzeit im Zusammenhang mit der Novellierung der RöV aufflammenden Diskussionen um die Ausgestaltung der Teleradiologie verstehen will, muss diese Strukturen im Hinterkopf haben.

Die Teleradiologie in Deutschland spricht nicht mit einer Stimme. Es gibt professionelle Anbieter, die Versorgungslücken schließen. Es gibt Krankenhäuser, die auch Zuweiserbindung betreiben wollen. Und es gibt Einrichtungen, denen es vor allem ums Geld geht.

Einer der Diskussionspunkte im Zusammenhang mit der RöV-Novelle ist die Kopplung der Teleradiologie an den Facharztstatus bzw. die volle Fachkunde Strahlenschutz. Anbieter wie Möller sind eindeutig dafür, das beizubehalten: "Die Facharztprüfung ist ein gutes Werkzeug, um Qualität sicherzustellen. Ich weiß nicht, warum wir gerade in der Teleradiologie davon nach unten abweichen sollen."

Professor Norbert Hosten von der Universitätsmedizin Greifswald sieht das anders. Er repräsentiert einerseits die DRG, andererseits einen großen universitären Teleradiologieanbieter: "Wir wollen, dass Ärzte an den Universitäten Teleradiologie machen können, sobald sie die Nachtdienstfachkunde haben." Andere wie etwa das Universitätsklinikum Heidelberg sehen das genauso.

Denkbarer Kompromiss?

Die Qualität kommt in diesem Fall nicht über den Facharztstatus, sondern über die Klinikhierarchie mit ihren Hintergrunddiensten.

Ein denkbarer Kompromiss könnte die Nachtdienst-Teleradiologie für Nicht-Fachärzte öffnen, während Teleradiologie im normalen Tagbetrieb an die volle Fachkunde gekoppelt bleibt. Die Politiker scheinen das aber skeptisch zu sehen, weil der gesetzliche Rahmen dadurch sehr komplex würde.

Diskussionen gibt es auch darüber, ob für die Untersuchungen wirklich eine MTRA nötig ist. Viele Teleradiologieanbieter beschäftigen (kostengünstigere) MFA mit langjähriger Erfahrung und würden diese gerne auch alleine einsetzen dürfen. Die DRG lehnt das ab, regt aber eine Reform der MTRA-Ausbildung an, um diese praxisnäher zu machen. Auch dafür bedarf es einer Gesetzesänderung.

Nicht gerüttelt werden soll an der Zulassungspflicht der Teleradiologie und am Regionalprinzip, das besagt, dass der Teleradiologe innerhalb eines "für die Notfallversorgung erforderlichen Zeitraums" vor Ort sein können muss.

Dieser Zeitraum wird meist mit 45 bis 60 Minuten angegeben. Möller und andere Teleradiologieanbieter hätten lieber eine Regelung, die besagt, dass der Teleradiologe und der Radiologe, der im Notfall vor Ort ist, nicht zwangsläufig ein und dieselbe Person sein müssen. Die DRG dagegen will an dem Prinzip der Personalunion festhalten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Adiopositas-Op nötig, aber Kasse will nicht zahlen

Wenn der Antrag eines Adipositas-Patienten auf eine bariatrische Operation abgelehnt wird, bringt das Ärzte in eine schwierige Situation. Denn oft verschlechtert sich der Zustand des Betroffenen. mehr »

9 wichtige Forderungen, Analysen, Informationen

Fleißige Delegierte: In Freiburg wurde wieder eine große Palette an Themen abgearbeitet. mehr »

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

In US-Kliniken tauchen immer häufiger Nichtraucher mit Lungenkrebs auf, vor allem Frauen sind betroffen. Das könnte am Passivrauchen liegen. mehr »