Ärzte Zeitung, 23.11.2015

Daten-Transfer

Forscher präsentieren neues Konzept

Ergänzend zur Telematikinfrastruktur hat eine Forschungsgruppe aus Hessen ein Konzept zur sicheren Übermittlung von Gesundheitsdaten erarbeitet. Bewerbungen um Fördergelder - auch aus dem Innovationsfonds - laufen bereits.

Von Jana Kötter

Forscher präsentieren neues Konzept

Gute Leitung? Forscher der Technischen Hochschule Mittelhessen wollen mit digitalen Zertifikaten die Sicherheit verbessern.

© Gina Sanders / Fotolia.com

NEU-ISENBURG. Um eine sichere Übertragung von Patientendaten im Gesundheitswesen zu ermöglichen, hat eine Forschungsgruppe der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) die sogenannte "hessische Gesundheits-PKI" entwickelt.

Das Modellprojekt basiert auf einer Public-Key-Infrastruktur (PKI), einem System, das digitale Zertifikate ausstellen, verteilen und prüfen kann.

"Als Praxisinhaber beantrage ich in diesem Modell für meine E-Mail-Adresse ein Schlüsselpaar", erklärt Professor Thomas Friedl vom Fachbereich Gesundheit der THM, der das Projekt betreut.

"Dieses Paar besteht aus einem öffentlichen und einem privaten Schlüssel - nur mit diesem können die gesendeten Daten geöffnet werden, was die Verschlüsselung 100 Prozent sicher macht."

Nutzung über Email-Programm

Die Nutzung erfolge über das Email-Programm oder einen Web-Client. "Ganz wichtig bei dem Ansatz ist die sofortige Integrationsmöglichkeit auch in mobile Endgeräte, wie Smartphones oder Tablets", betont Friedl.

"Das bildet die Arbeitswirklichkeit nicht nur von Ärzten, sondern auch von ambulanten Pflegediensten und weiteren Akteuren des Gesundheitswesens ab."

Hintergrund für die hessische Idee war die starke Verzögerung bei der Einführung der Telematikinfrastruktur. "Bis diese getestet werden kann und die Änderungen aus den Tests dann eingearbeitet sind, bis dann wiederum aufs Neue getestet wurde - bis dahin werden mindestens noch zwei bis drei Jahre vergehen", ist sich Friedl sicher.

Die Verschlüsselung über PKIs hingegen sei bereits heute Realität - etwa in der Industrie oder der Forschungslandschaft: Deutsche Hochschulen tauschen so bereits seit Jahren ihre Daten aus.

Die Technik könne es daher auch allen anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens ermöglichen, verschlüsselte E-Mails untereinander auszutauschen.

"Erkennt der Pflegedienst beim Besuch meines 93-jährigen Großvaters im Vogelsberg etwa, dass dieser eine Anti-Dekubitus-Auflage benötigt, so könnte er mit unserer Technik sofort ein Foto vom aktuellen Dekubitus machen und an den Hausarzt senden.

Dieser wiederum öffnet die E-Mail mit dem privaten PKI-Schlüssel, prüft den Sachverhalt und sendet den Antrag sofort an die Krankenkasse." Dadurch würde es zu einem großen Vorteil für den Patienten und ergänzend einer Verringerung der Heilkosten kommen.

Zudem sei durch die zugrunde liegende Verschlüsselung ein sicheres Übertragen der Daten möglich, betont Friedl. Aktuell würden nicht selten sensible Daten per Fax oder unverschlüsselter E-Mail versendet. "Das ist ganz schlecht."

Alle Akteure eingebunden

Ein weiterer Vorteil des Ansatzes der THM: Er bindet alle Akteure des Gesundheitswesens ein. Während in Hessen etwa 27.000 Ärzte tätig sind, arbeiten im Gesundheitswesen insgesamt rund 400.000 Mitarbeiter.

"Außer den niedergelassenen Ärzten kommen in der aktuellen Diskussion um die Telematikinfrastruktur die anderen Protagonisten einfach zu kurz", meint Friedl, der bis 31. März Leiter der IT der Landesärztekammer Hessen war.

Sein neues Konzept habe das Potenzial, eine schnell verfügbare Brückentechnologie für die geplante Telematik-Infrastruktur zu sein. Daher liefen bereits Gespräche um Fördergelder - auf Landesebene, aus dem Innovationsfonds, aber auch auf EU-Ebene.

Anfänglich sei vor allem aufgrund der anzuschaffenden Hardware zur Erstellung der Schlüsselsequenzen mit vergleichsweise hohen Kosten zu rechnen: 500.000 Euro sind in den Bewerbungen um die Fördergelder angesetzt.

Langfristig ergeben sich laut Friedl jedoch geringe Kosten für den einzelnen Nutzer: Während bei der Nutzung des KV-SafeNets etwa mit 20 bis 30 Euro pro Monat zu rechnen sei, koste die Verschlüsselung über das hessische Gesundheits-PKI vermutlich nicht mehr als rund 15 Euro im Jahr.

Das Projekt ist laut Friedl zunächst auf drei Jahre angelegt, wobei initial mit einem Landkreis begonnen werden soll. "Es muss nicht immer gleich ein bundesweiter Ansatz sein", ist sich der Professor sicher.

"Wichtig ist nun erst einmal, dass das Bewusstsein für einen solchen sicheren digitalen Austausch unter allen Akteuren des Gesundheitswesens überhaupt entsteht. Das muss in die Köpfe rein", betont Friedl, wobei er nach eigenem Bekunden in Gesprächen mit diversen Berufsgruppen nur Zustimmung zu dieser Idee erfahren habe.

[24.11.2015, 10:42:59]
Mathias Aschhoff 
Und wieder eine Insellösung...
Natürlich funktioniert sowas, ja es ist sogar vermeintlich sicher. Überlegt man den Aufwand so ist es sogar zeitnah zu realisieren. Die Technologie hier wird nahezu als revolutionär bezeichnet, ist aber längst im Alltag angekommen. Warum nicht in der Kommunikation von Gesundheitsdaten? Das Problem ist nicht Infrastrukturen zu schaffen, sondern diese zu verbinden, um Insellösungen zu vermeiden. Was bringt es einem Akteur wenn er kommunizieren möchte und sein Empfänger eine ganz andere PKI benutzt. Gesundheitsdaten sind besonders schützenswürdig und erfordern daher die qualifizierte Signatur, dies erfordert Hardwarezertifikate, also weit mehr als nur eine PKI.
Bei dieser Lösung denkt man zu einfach. Eine Übergreifende und sichere Infrastruktur zu schaffen sollte das Ziel bleiben. zum Beitrag »
[05.11.2015, 23:04:30]
Peter Gratin 
Endlich eine Alternative?
Warum, wenn dies funktionieren sollte, wird dies bei diesen verhältnismäßig überschaubaren Kosten nicht "einfach" getestet und genutzt. Sollten sich hier nicht aus die Krankenkassen beteiligen? In der Tat umfasst das Gesundheitswesen viel mehr Player als "nur" meine ärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Vor allem sind wir mittlerweile alle mobil und möchten Infos zu unseren Patienten nicht nur hinter einem KV Safenet Zugang erhalten. Das geht doch an dem Berufsalltag vorbei.

Ich hoffe, dass auch wir in Südhessen sehr schnell und nicht nur irgendwann in den Genuss dieser Möglichkeit kommen! zum Beitrag »

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