Ärzte Zeitung, 27.11.2015

Telemedizin

Preis für Offshore-Pioniere

Die Stiftung Münch versteht sich als Förderer der Netzwerkmedizin. Nun ehrt sie unter anderem ein telemedizinbasiertes Projekt zur Versorgung von Patienten in der Ferne, wie zum Beispiel auf hoher See.

Von Matthias Wallenfels

MÜNCHEN. Die Gewinner des ersten Eugen Münch-Preises stehen fest. In der mit 10.000 Euro Preisgeld dotierten Kategorie Geschäftsmodell setzte sich Dirk Tenzer vom Klinikum Oldenburg mit seinem "Telemedizin-Netzwerk für Menschen ohne Zugang zu ärztlicher Versorgung" durch.

In der Kategorie Wissenschaft, für die ein Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro vergeben wird, befand die Jury drei Arbeiten für gleichermaßen preiswürdig. Leonie Sundmacher (Ludwig Maximilians-Universität München) wurde für ihre Arbeit "Qualitätsmessung in empirischen Netzwerken" ausgezeichnet.

Zweite Gewinnerin ist Neeltje van den Berg (Universitätsmedizin Greifswald), die ein Telefon- und SMS-basiertes telemedizinisches Konzept für Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen implementiert und wissenschaftlich evaluiert hat.

Netzwerkorientierung im Fokus

Außerdem wurden Jochen Gensichen und Konrad Schmidt von der Universitätsmedizin Jena von der Jury als Preisträger ausgewählt.

Die Mediziner der "Smooth-Gruppe" haben in ihrer Arbeit nachgewiesen, dass durch die Vernetzung von Hausarzt, Rehabilitation und Intensivmedizin die Nachsorge von Patienten nach einer intensivmedizinischen Versorgung verbessert werden kann.

"Die prämierten Arbeiten belegen eindrucksvoll, dass durch Vernetzung und Nutzung moderner Techniken die medizinische Versorgung gleichermaßen ressourcenschonend und patientenorientierter gestaltet werden kann", so Volker Amelung, Mitglied der Jury und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Managed Care.

Mit dem Eugen Münch-Preis unterstützt die Stiftung Münch nach eigenen Angaben innovative, netzwerkorientierte und nachhaltig tragfähige Konzepte, die zu einer Effizienzverbesserung im Gesundheitswesen beitragen.

Oldenburg deutschlandweit Vorreiter

Die Telemedizin-Zentrale des Klinikums Oldenburg ist nach Stiftungsangaben seit dem 1. März dieses Jahres in Betrieb und derzeit das deutschlandweit umfassendste Projekt seiner Art.

Mittels digitaler Telekommunikation und mobiler, hochentwickelter Endgeräte können demnach berufserfahrene Notfallmediziner des Klinikums für eine frühzeitige, kontrollierte Diagnostik und Therapie sorgen - zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Alle medizinischen Fachrichtungen des Klinikums ließen sich nach Bedarf hinzuziehen. Telemedizinische Betriebsabläufe, Algorithmen und Prozesse seien bereits aus der Erprobungsphase in den Routinebetrieb übergegangen.

Das Klinikum fokussierte sich zunächst auf die Behandlung von Mitarbeitern auf Offshore-Windparkanlagen und Ölplattformen, die keine Möglichkeit eines direkten Zugangs zu medizinischer Versorgung haben.

Das Ziel sei eine zeitnahe Ausweitung der Telemedizin auf weitere Einsatzgebiete. Menschen ohne einen räumlich oder zeitlich direkten Zugang zu fachärztlicher oder auch notfallmedizinischer Versorgung stünden bei dieser Ausweitung im Fokus - zum Beispiel mit Heimbeatmungen, auf Halligen oder auch Expeditionen.

Verbesserungspotenzial in der ambulanten Pflege?

Die Einsatzmöglichkeiten sind laut Stiftung vielseitig und haben sehr großes Nutzwertpotenzial: Neben den Vorteilen für Patienten - sie profitieren von einem sicheren Zugang zu hochqualitativer Facharztversorgung bei gleichzeitiger Wegezeitenreduzierung - könnten umfassende Kostenersparnisse erwirkt werden, wie die Verminderung von luft- und bodengestützten Transportkosten.

Darüber hinaus bestehe auch im Bereich der ambulanten Pflege Verbesserungspotenzial, das sich durch den Einsatz von Telemedizin heben lasse.

Aus Sicht der Jury zeigt das Projekt, so die Stiftung Münch, wie eine effektive und sehr schnelle fachärztliche Versorgung in strukturschwachen Gebieten durch Telemedizin funktioniert.

Mit fachärztlichen Callcentern, hochwertiger Telemedizin und lokalen Sanitätern oder Allgemeinmedizinern versorgten die Partner Windparks und Ölplattformen in der Nordsee.

Da diese außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone lägen, habe das Klinikum und sein Partner IQ.medworks ein Konzept losgelöst von den Fesseln des Verordnungswerks der Sozialgesetzbücher entwickeln können - ein Vorteil, den sie konsequent im Sinne der Sache genutzt hätten.

Was entstand, diene als Leuchtturm und Blaupause für Lösungen, die vielen schwer erkrankten auch auf dem Lande sehr nützen können, hob die Jury in ihrer Begründung hervor.

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