Ärzte Zeitung, 08.02.2016

Video-Sprechstunde

Krankenkasse prescht vor

Die Video-Sprechstunde scheint langsam en vogue zu kommen, zumindest bei den Krankenkassen. Jetzt bietet die AOK Nordost eine Online-Sprechstunde für Psychotherapie-Patienten in Berlin-Wedding an.

Von Julia Frisch

Krankenkasse prescht vor

Videosprechstunde: Ist der Patient mit seinen Beschwerden schon in der Praxis gewesen, ist das berufsrechtlich kein Problem.

© Andrey Popov / Fotolia.com

BERLIN. Pilotprojekte zu Video-Sprechstunden gibt es bereits. So startete die Techniker Krankenkasse im September zusammen mit dermatologischen Praxen in Hamburg einen Test, um herauszufinden, ob sich Online-Sprechstunden als Alternative oder zur Ergänzung von Wiederholungsterminen in der Praxis eignen. Auch Ärztenetze, beispielsweise in Eutin, probieren schon Video-Gespräche mit Patienten.

Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung ergab allerdings vor Kurzem, dass Patienten den neuen digitalen Möglichkeiten offener gegenüberstehen als Ärzte.

Immerhin 45 Prozent der Bundesbürger würden per Video mit ihrem Arzt sprechen wollen, ergab die Bertelsmann-Analyse.

Dagegen halten drei Viertel der Ärzte nichts von der neuen Kommunikationsform übers Internet, nur 3,5 Prozent der niedergelassenen Mediziner nutzen Video-Sprechstunden bereits.

Hausärzte hoch im Kurs

Mit wem würden die Patienten am liebsten online kommunizieren, welche Arztgruppe würde sich für eine Video-Sprechstunde anbieten? Nach der Umfrage sind dies Hausärzte sowie Psychotherapeuten und Psychiater.

Letztere findet offensichtlich auch die AOK Nordost sehr gut geeignet und hat deshalb an dem kasseneigenen Institut für psychogene Erkrankungen im Centrum für Gesundheit (CfG) die Möglichkeit einer Video-Sprechstunde eingeführt. An dem Programm nehmen 17 Ärzte teil.

"Das E-Health-Projekt soll zeigen, inwiefern die Sprechstunde via Internet eine sinnvolle Ergänzung zur medizinischen Versorgung darstellen könnte", sagt Rainer Schmidt, Leiter des CfG.

Die Erfahrungen sollen später ausgewertet und das Angebot schließlich dort eingesetzt werden, wo es die Versorgung der Versicherten tatsächlich verbessert.

Primäres Ziel am Institut für psychogene Erkrankungen ist aber zunächst, den AOK-Versicherten die Fortführung ihrer Therapie zu erleichtern.

"Gerade in der psychotherapeutischen Betreuung von Patienten ist es wichtig, dass die Betroffenen schnell und unkompliziert ihren Arzt konsultieren können, ohne lange Wartezeiten oder weite Anfahrtswege", so Schmidt.

Von dem Angebot sollen nicht nur Versicherte in Berlin, sondern auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern profitieren können.

Damit das Fernbehandlungsverbot nicht umgangen wird, ist Voraussetzung für die Video-Konsultation, dass der Patient vorher umfassend im Institut untersucht wurde. Anhand der Indikation entscheidet dann der Arzt, ob das Angebot einer Online-Sprechstunde überhaupt sinnvoll ist und wie oft sie durchgeführt werden kann.

Die Online-Sprechstunde solle die konventionelle Psychotherapie nicht ersetzen, sondern ergänzen, so die AOK Nordost. Deshalb werden die Patienten weiterhin Kontaktsitzungen mit ihren Therapeuten vor Ort haben, betont Schmidt.

Plattform-Betreiber ohne Zugriff

Für folgende Indikationen ist die Video-Sprechstunde nach Angaben der AOK grundsätzlich ausgeschlossen: für die diagnostische Abklärung psychischer oder psychosomatischer Beschwerden sowie schwere, akute Krisen.

Besonders geeignet sei sie dagegen zur Erweiterung einer bestehenden Kurzzeit- oder Langzeitpsychotherapie, zum Beispiel bei depressiven Erkrankungen, Ängsten oder Zwängen sowie insbesondere bei körperlichen Erkrankungen, die sich auf die psychische Gesundheit auswirken.

Für die Online-Sprechstunde, für die ein Termin vereinbart wird, benötigen die Versicherten dann einen PC oder ein Laptop mit einem Firefox- oder Chrome-Browser sowie mit einer Webcam.

Die Online-Plattform stellt das Lübecker Unternehmen Patientus zur Verfügung. Die Datensicherheit sollen direkt hergestellte und separat verschlüsselte Peer-to-Peer-Verbindungen gewährleisten, "Bei der Verbindung sind keine Server zwischengeschaltet, von denen Daten abgerufen werden könnten. Somit hat auch Patientus keinen Zugriff auf die abgehaltenen Online Video-Sprechstunden", sagt Nicolas Schulwitz, Geschäftsführer von Patientus.

Im Rahmen des Ausbaus von digitalen Angeboten arbeitet die AOK Nordost seit diesem Jahr auch mit einem Start-up-Unternehmen zusammen, das eine App namens "Jourvie" zur Unterstützung der Therapie bei Essstörungen entwickelt hat.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So ticken Amokläufer

Narzissten, Querulanten, Rächer: Amoktäter fallen meistens schon vor der Tat auf. Um Taten verhindern zu können, gibt es jetzt eine Anlaufstelle für Eltern, Lehrer und Mitschüler. mehr »

Wann droht Ärger mit Kassen und Patienten?

Gehören Zeitvorgaben aus der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) mit auf die Rechnung? Die Antwort steht, wie so oft, im Kleingedruckten der GOÄ. mehr »

Begünstigen Antidiabetika eine Herzinsuffizienz?

Bis zu zwei Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland leiden gleichzeitig an Diabetes und Herzinsuffizienz. Wie beide zusammenhängen, haben mehrere Studien analysiert. mehr »