Ärzte Zeitung, 06.10.2016

Zukunft von E-Health

Die Ärzte haben es mit in der Hand

Medikationsplan, E-Arztbrief, Patientenakte: Die Diskussion um die Zukunft von E-Health in Deutschland ist entbrannt - auch auf dem Hessischen E-Health-Kongress. Doch der Widerstand ist (noch) groß.

Von Matthias Wallenfels

Die Ärzte haben es mit in der Hand

E-Health ist in Deutschland noch eine Großbaustelle.

© djama / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. In puncto Digitalisierung hinken in Deutschland mittelständische Unternehmen im Gesundheitswesen im europäischen Vergleich weit hinterher. Dies müsse die Wirtschaft als Warnsignal sehen und zugleich als Chance begreifen, sich mit innovativen Ansätzen an der Durchdringung des Gesundheitssektors mit digitalen, intersektoralen Lösungen zu beteiligen.

Das postulierte der Vorsitzende der Initiative Gesundheitswirtschaft Rhein-Main, Florian Gerster, am Dienstag in Frankfurt auf dem gemeinsam mit der IHK Hessen ausgerichteten E-Health-Kongress 2016. Die "Ärzte Zeitung" fungierte als Medienpartner.

Der ehemalige rheinland-pfälzische Gesundheitsminister verwies auf den im November vergangenen Jahres veröffentlichten Monitoring-Report Wirtschaft Digital. Die Analyse von TNS Infratest und dem Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hatte erstmals den Digitalisierungsgrad der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland nach Branchen differenziert erhoben.

Berücksichtigt wurden dabei Unternehmen mit zehn bis 249 Beschäftigten. 49 von 100 möglichen Indexpunkten im Wirtschaftsindex Digital bedeuteten dabei für das Jahr 2015, dass die gewerbliche Wirtschaft noch deutlich von einer durchgängigen Digitalisierung entfernt sei.

Gesundheitswesen mit Roter Laterne

Bis zum Jahr 2020 solle der Index auf 56 Punkte steigen, das Digitalisierungstempo bleibe also verhalten. Alarmierend, so Gerster, sei der Indexstand von 36 Punkten für das Gesundheitswesen – bis 2020 solle der Wert auf 44 steigen. Somit bleibe die Rote Laterne im Gesundheitswesen.

Dringenden Handlungsbedarf in puncto E-Health sieht auch Professor Hans-Jochen Brauns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. Ein neuer länderübergreifender Vergleich habe ergeben, dass Deutschlands Telemedizin auf einer Notenskala von eins bis zehn mit sieben oder acht eingestuft werde. Zum Vergleich: Frankreich, Spanien und Dänemark kämen auf Bewertungen von eins oder maximal zwei.

Ruf nach E-Health-Rat und -Strategie

Wie Brauns in Frankfurt betonte, sehe er bei der Frage der Zukunft von E-Health und Telemedizin in Deutschland nicht primär die politischen Akteure in der Pflicht, die Politik habe mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz und dem E-Health-Gesetz geliefert. "Telemedizin ist primär eine ärztliche Gestaltungsfrage", appellierte er an Ärzte in Praxen und Kliniken, aktiv telemedizinische Lösungen in die Fläche zu bringen.

Um E-Health in Deutschland zum Erfolg zu führen, plädierte die CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Katja Leikert, Berichterstatterin der CDU/ CSU-Fraktion für Telematik, für die – nicht näher spezifizierte – Einführung eines unabhängigen E-Health-Rates sowie das Aufsetzen einer nationalen E-Health-Strategie.

Der zu Monatsanfang realisierte Anspruch gesetzlich versicherter Patienten auf einen Medikationsplan, wenn sie regelmäßig drei oder mehr verordnete, systemisch wirkende Arzneimittel über einen Zeitraum von 28 Tagen anwenden, sei ein Meilenstein für die E-Health-Entwicklung in Deutschland. Ebenso sei es mit dem elektronischen Arztbrief, konsentierten Leikert, Vertreter von Landesärztekammer und -apothekenverband sowie gematik-Geschäftsführer Alexander Beyer.

"Andere Freiberufler müssen Investitionen auch aus eigener Tasche finanzieren"

Doch flammte die Diskussion um die E-Health-Zukunft genau an den Meilensteinen wieder auf. So warnte Bernd Rupprecht, Vorstandsmitglied des Hessischen Apothekerverbandes, vor der gehäuften Notwendigkeit der Aktualisierung des Medikationsplans auf Grund von wechselnden Rabattpartnern der Kassen.

Ergänzt wurde dies von Dr. Edgar Pinkowski, Präsidiumsmitglied und Vorsitzender des Telematikausschusses der Landesärztekammer Hessen, mit dem Hinweis auf mögliche Komplikationen im Zuge eines Therapieregime- und sogar Arztwechsels innerhalb der ersten 28 Tage. Diese Daten lägen dann nur nach einem Eintrag in einer elektronischen Patientenakte vor.

Wenig Verständnis zeigte Leikert in einem Pressegespräch am Rande des Kongresses für Kritik aus den Reihen der Ärzteschaft und den Ruf nach einer Verlängerung der für 2017 vereinbarten, auf dem E-Health-Gesetz fußenden Anschubfinanzierung zur Förderung des E-Arztbriefes. Berechnungen hatten ergeben, dass Praxen bei einer Vergütung von 28 Cent für den Sender und 27 Cent für den Empfänger je Dokument mindestens 200 E-Arztbriefe je Monat verschicken müssten, um mit Blick auf die Investitionen in die Praxis-EDV und den elektronischen Heilberufeausweis kostendeckend arbeiten zu können.

"Die Anschubfinanzierung muss reichen. Andere Freiberufler müssen ihre Investitionen auch aus eigener Tasche finanzieren", erzürnte sich Leikert und schloss eine Fortführung der Anschubfinanzierung aus.

Leikert wie auch gematik-Chef Beyer zeigten sich zuversichtlich, dass E-Health in Deutschland zukunftsfest werde. Dazu diene nicht zuletzt das noch von der gematik zu realisierende Interoperabilitätsverzeichnis für Gesundheits-IT-Systeme auf Basis des neuen Paragrafen 291e SGB V, dessen Ziel es ist, die Zusammenarbeit und den Datenaustausch zwischen Ärzten mit unterschiedlichen IT-Systemen zu verbessern, Transparenz über verwendete Standards herzustellen und die Nutzung von Standards für neue Anwendungen zu unterstützen.

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