Ärzte Zeitung, 02.12.2016

"Technologie ist nicht alles"

Kasse fordert Nutzenbewertung für Telemedizin

Das Potenzial telemedizinischer Anwendungen ist für den Chef der AOK Nordwest unstrittig. Trotzdem fordert er einen Nutzenbeleg, bevor Telemedizin den Weg in die Regelversorgung findet.

Von Ilse Schlingensiepen

HERNE.Für telemedizinische Anwendungen muss es eine Nutzenbewertung geben, fordert der Vorstandsvorsitzende der AOK Nordwest Tom Ackermann. "Das Potenzial ist unstrittig, aber wir würden das Thema gern geordneter angehen", sagte Ackermann auf dem Jahreskongress des Landesverbands Praxisnetze Nordrhein-Westfalen (LPNRW) in Herne.

Es gebe zahlreiche Projekte für das Telemonitoring für chronisch Kranke. Ackermann sieht die Chance, mit diesem Instrument die Versorgung zu verbessern und die Zahl der unmittelbaren Arzt-Patienten-Kontakte zu minimieren.

Wirksamkeit belegen

Ob das Telemonitoring tatsächlich wirkt, müsse aber durch Studien belegt werden. "Vor der Aufnahme in die Regelversorgung ist ein Nutzennachweis erforderlich", betonte der AOK-Chef.

Bei Telekonsilen zwischen Ärzten und Pflegeheimen sei nicht die zentrale Frage, ob sie technisch funktionieren, sondern ob es mit ihrer Hilfe gelingt, die Zahl der Heimbesuche durch die niedergelassen Ärzte und die Häufigkeit von Krankenhauseinweisungen zu reduzieren. "Technologie ist nicht alles", sagte Ackermann.

Den Nutzenbeleg sieht er auch als entscheidende Voraussetzung für die Aufnahme telemedizinischer Leistungen in den EBM. Dazu müsse geklärt werden, ob die Telemedizin die Versorgung verbessert, Prozesse optimiert, dem Datenschutz Rechnung trägt und wirtschaftlich ist.

Effiziente telemedizinische Anwendungen können nach Ansicht des AOK-Chefs dazu beitragen, die Versorgung in ländlichen Gebieten zu verbessern. "Die Technik kann Versorgungslücken vielleicht nicht schließen, sie aber enger ziehen." Auch bei der Delegation ärztlicher Leistungen könne die Telemedizin eine wichtige Rolle spielen.

Netze als Ideen-Schmiede

Ärztenetze seien für die Entwicklung und Erprobung solcher Anwendungen prädestiniert. "Netze sind für uns der Innovationsnukleus." Die Anwendungen dürften aber nicht als Insellösung angelegt sein, stellte er klar. "Wenn sie funktionieren und gut sind, müssen sie in die Regelversorgung und dürfen nicht in Hoheit einer Netzstruktur bleiben."

Verschiedene Untersuchungen hätten gezeigt, dass der Einsatz von Telemedizin in der Kardiologie nicht immer mit besseren Behandlungsergebnissen für die Patienten verbunden ist, betonte der LPNRW-Ehrenvorsitzende Dr. Karl-Georg Furche. "Die blinde Hoffnung, dass es den Patienten besser gehen wird, wenn wir sie nur intensiv genug überwachen, ist ein Trugschluss."

Telemedizin biete viele Chancen, sie könne für die Patienten aber auch eine zusätzliche Belastung sein, erklärte er. Zudem sei ungeklärt, was die Anwendungen mit den Kranken machen. "Wie verändert die Telemedizin die Patienten und ihre Umwelt?" fragte Furche.

"Technologie ist nicht alles."

Tom Ackermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest

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