Ärzte Zeitung, 20.10.2008

ANLAGEN-KOLUMNE

Auch starke Kurserholungen sind noch keine Tendenzwende

Bei aller Unsicherheit gibt es noch Anlagen, bei denen das Kursrisiko gering ist. Selbst die schwächelnde Konjunktur ändert nichts daran.

Von Jens Erhardt

In weniger als einem Jahr sind die Welt-Aktienmärkte in der Spitze um circa 50 Prozent gefallen, was eine Vermögensvernichtung von rund 30 000 Milliarden Dollar (22 310 Milliarden Euro) gleichkommt. Zum Vergleich entspricht dies etwa dem Zehnfachen der deutschen Jahreswirtschaftsleistung. Auf der anderen Seite gab es in den letzten Tagen wiederholt extreme Kurserholungen. Ein Blick in die Börsengeschichte zeigt, dass in Wirtschaftskrisen oft die höchsten Tagessteigerungen an Börsen realisiert wurden.

Schon 1929 gab es in den in den USA nach den ersten Einbrüchen Gegenerholungen von bis zu 18 Prozent innerhalb von zwei Tagen. Zeichen für eine Tendenzwende war dies damals nicht und auch heute dürften die Börsen vor weiterhin schwierigen Zeiten stehen. Nachdem bisher die systemischen Risiken der Finanzbranche im Vordergrund standen, dürften sich die Blicke künftig in Richtung der immensen Konjunkturrisiken richten.

Mit der Hilfe für die Banken in Europa und den USA hat man zwar Möglichkeiten geschaffen, die teilweise völlig ins Stocken geratene Kreditvergabe neu zu ermöglichen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Banken konjunkturbedingt vorsichtiger in der Kreditgewährung werden, aber ebenso dass private Wirtschaftssubjekte (Unternehmen, Konsumenten) zunehmend umdenken dürften und weit weniger Kredite nachfragen oder sogar Kredite netto zurückzahlen. Dies läuft auf eine Reduzierung der volkswirtschaftlichen Nachfrage hinaus. In den USA hat diese Entwicklung bei den Konsumkrediten bereits im August begonnen.

Der einzige Wirtschaftsteilnehmer, der in einer solchen Situation konjunkturell gegensteuern kann, ist der Staat mit fiskalpolitischen Maßnahmen, also erhöhten Staatsausgaben und Steuersenkungen. Inwieweit dies vor dem Hintergrund der in vielen Ländern hohen Altverschuldung und der ohnehin zu erwartenden extremen Kreditaufnahme im Zuge der Finanzkrise möglich ist, bleibt abzuwarten.

Die jüngste US-Rettungsaktion wird wahrscheinlich auch ohne erhöhte Staatsausgaben oder Steuersenkungen zu einer Neuverschuldung von 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts führen. Zum Vergleich beträgt die Maastricht-Obergrenze für die EU-Staaten 3 Prozent. Auch in Europa dürfte finanzieller Spielraum für antizyklische fiskalpolitische Maßnahmen kaum gegeben sein.

Vor diesem Hintergrund sollte man bei der Anlagepolitik von der hier wiederholt empfohlenen defensiven Grundausrichtung nicht abweichen. Sicherheit bieten nicht nur die stark nachgefragten staatlichen Anleihen oder kurzfristigen Geldmarktanlagen sicherer Emittenten. Bei vereinzelten Aktien aus Branchen, die von der Krise kaum berührt werden, wie Unternehmen mit agrarwirtschaftlicher Ausrichtung, dürften die Kursrisiken inzwischen gering sein.

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Finanzen/Steuern (10151)

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