Ärzte Zeitung, 02.05.2011

Frachtzuwachs kommt Anlegern nicht zugute

Im Zuge der Finanzkrise sind im Seefrachtverkehr massiv Kapazitäten abgebaut worden und die Frachtpreise gesunken. Derzeit ist die Branche wieder im Aufschwung: Reeder rüsten die Flotten auf. Anleger in Schiffsfonds werden aber nicht unbedingt profitieren.

Von Richard Haimann

Frachtzuwachs kommt Anlegern nicht zugute

Die Zahl der Container im Maritimhandel nimmt nach dem krisenbedingten Einbruch wieder zu. Reeder stellen sich derzeit darauf ein.

© Binkski / fotolia.com

HAMBURG. Anleger geschlossener Schiffsfonds müssen weiterhin mit rauer See rechnen. Zwar erholen sich die Charterraten. Allerdings lassen Reeder weltweit inzwischen wieder verstärkt neue Schiffe auflegen.

"Um Marktanteile hinzuzugewinnen, sind viele Frachtunternehmen nicht mehr vorsichtig beim Aufbau neuer Kapazitäten", warnt Haakon Haland, Manager des Plenum Maritime Fund der Investmentgesellschaft Altum Capital.

Nach neuen Studien des Brancheninformationsdienstes Clarkson Research und der Ratingagentur Scope werden in den nächsten Jahren insgesamt 727 Containerfrachter vom Stapel laufen - 15 Prozent des aktuellen Weltbestands.

Besonders stark zugelegt hat die Bautätigkeit bei den großen Schiffen mit einer Ladekapazität von mehr als 7500 Containern. Liefen 2010 weltweit nur 50 dieser Schiffe vom Stapel, werden es in diesem Jahr bereits 75 sein, haben die Clarkson-Analysten errechnet.

"Der Boom bei den Bestellungen ist kein gutes Zeichen", sagt Haland. Die neuen Schiffe drohten die Erholung im maritimen Handel nachhaltig zu beeinträchtigen. Nach Ausbruch der Finanzkrise war der Seefrachtverkehr massiv zurückgegangen.

Der Container Ship Time Charter Assessment Index (Contex), der die Entwicklung der Frachtkosten auf Containerschiffen widerspiegelt, fiel von 1022 Punkten im Februar 2008 auf nur noch 237 Zähler im November 2009 - ein Minus von 76,8 Prozent.

Die Folgen bekamen vor allem Anleger deutscher Schiffsfonds zu spüren. "Jeder zweite der rund 2500 Fonds verdiente 2010 nicht genug Geld, um die Ausschüttungen an seine Anleger zu leisten", weiß der Hamburger Schifffahrtsexperte Jürgen Dobert.

Mit der Erholung der Weltkonjunktur nahm auch der Maritimhandel wieder Fahrt auf. Der Contex notiert inzwischen wieder oberhalb von 600 Zählern. Die Charterraten für Schiffe in der Größenklasse von 3500 Standardcontainern (TEU) stiegen seit Jahresbeginn um mehr als 30 Prozent auf 21.000 US-Dollar (14.190 Euro) pro Tag.

Die meisten der angeschlagenen Fonds können dennoch bislang keine Ausschüttungen leisten, weil sie mit der Tilgung ihrer Bankdarlehen im Rückstand sind.

Jetzt, wo sich auf den Meeren endlich wieder Geld verdienen lässt, würden erste Reeder versuchen, mit neuen Schiffen Konkurrenten Marktanteile abzunehmen, sagt Haland. Andere Seefrachtunternehmen dürften bald nachziehen, meint Sarah Liu, Schifffahrtsanalystin bei BNP Paribas.

Besonders schlimm sieht es bei den Öltankern aus. Nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch addiert sich bei diesen Schiffen das Neubauvolumen bis 2013 auf 28 Prozent des aktuellen Bestands. Bei Massengutfrachtern, im Fachjargon Bulker genannt, beträgt das Neubauvolumen gar 46 Prozent der derzeit auf den Meeren eingesetzten Schiffe.

Die Folgen liegen für die Fitch-Analysten auf der Hand: "Das Überangebot an Transportkapazitäten wird die Charterraten unter Druck bringen."

Damit schwinden die Aussichten für Anleger angeschlagener Schiffsfonds, mit ihrer Beteiligung jemals Geld zu verdienen. Sollten die Frachtraten wieder fallen, wird es für die Beteiligungsmodelle schwierig, die Bankdarlehen abzutragen - ganz zu schweigen davon, Gewinne für ihre Anteilseigner zu erzielen.

Topics
Schlagworte
Finanzen/Steuern (10146)
Organisationen
B.N.P. Paribas (20)
Personen
Richard Haimann (313)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »