Ärzte Zeitung, 11.05.2012

Geldschwemme bringt Sparer unter Druck

2,6 Prozent - so hoch ist derzeit die Inflation in der Euro-Zone. Deutschland liegt mit einer Rate von exakt zwei Prozent erheblich darunter. Doch das könnte sich in ein, zwei Jahren ändern, wie manche Ökonomen und Vermögensverwalter prognostizieren.

Von Jürgen Lutz

Geldschwemme bringt Sparer unter Druck

Die Finanzmärkte reagieren bereits auf den aufgedrehten EZB-Geldhahn.

© Thinkstock LC/ photos.com

NEU-ISENBURG. Carsten Klude genießt unter Ökonomen hohes Ansehen. Ende 2011 ehrte ihn die "Financial Times Deutschland" für eine besondere Leistung:

Der Chefökonom der Privatbank M.M.Warburg hat nach Recherchen der Wirtschafts- und Finanzzeitung seit 2002 die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland am treffendsten prognostiziert.

Bislang sah Klude in Sachen Inflation keine größeren Gefahren aufziehen. Doch nun schwenken der Privatbank-Ökonom und sein Team perspektivisch um.

Ihre Prognose, die sie vor Kurzem veröffentlichten: Die Inflationsrate in Deutschland dürfte in den kommenden Jahren zwei Prozentpunkte über jener des EU-Durchschnitts liegen, weil das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schneller wachsen werde als in den südeuropäischen Ländern.

Das Problem dabei: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss dafür sorgen, dass Krisenländer wie Spanien oder Italien eine gewisse Inflation haben, damit sie unter ihrer Schuldenlast nicht zusammenbrechen.

Das aber hieße für Deutschland: Hat der Euro-Raum zwei Prozent Inflation, dürften es hierzulande vier Prozent sein.

Ähnlich sieht das die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (apoBank). Die Standesgenossen erwarten für Deutschland in den kommenden Jahren "eine Inflationsrate über dem Durchschnitt der Euroländer", so apoBank-Analyst Peter Wirth.

Inflation könnte 2015 über drei Prozent liegen

Entwickele sich die deutsche Wirtschaft weiterhin gut, sollte die Inflation 2014 und 2015 "über drei Prozent" liegen.

Die Grundlage dafür hat die EZB nach Wirths Worten mit den mehr als 1000 Milliarden Euro an billigem Geld gelegt, die sie den Banken unter anderem zum Aufkauf von Staatsanleihen zur Verfügung gestellt hat.

Leider führe eine Geldentwertung auf längere Sicht "zu noch größerem Unheil als schmerzhafte Einsparungen", da Sparer, Geringverdiener und Bezieher nominaler Einkommen wie Rentner kaum dagegen vorgehen könnten.

Damit Klude und Wirth Recht behalten, muss das Geld der EZB jedoch erst von den Banken verliehen werden.

Finanzielle Repression

Unter dem Begriff „Finanzielle Repression“ versteht Vermögensverwalter Michael Reuss alle Maßnahmen, mit denen die Politik die Preise von Anlagegütern beeinflusst, um die Staatsverschuldung leichter zu finanzieren und/ oder nötige schmerzhafte Anpassungsprozesse zu vermeiden. Faktisch handele es sich um einen Vermögenstransfer von Anleihebesitzern und Sparern hin zum Staat, der sukzessive abläuft und daher (zunächst) kaum auffällt. Dazu gehörten etwa die Festlegung von Zinszielen oder der Kauf von Staatsanleihen durch die Notenbank, um so deren Zinsen niedrig zu halten. Diese schleichende Enteignung führt nach Reuss‘ Worten oft zu weniger Widerstand als Steuererhöhungen oder Kürzungen des Staatshaushalts. (lu)

Nur so kommt es zur Geldschöpfung durch die Banken, was dann die nachfragewirksame Geldmenge erhöht. Danach aber sieht es aktuell noch nicht aus, wie Michael Reuss von der Huber, Reuss und Kollegen Vermögensverwaltung (HRK) zu bedenken gibt.

Zum Beleg verweist der Münchner Anlageexperte im jüngsten "HRK report" auf das von der Bundesbank erfasste Wachstum der breitesten Geldmenge M 3:

"Diese Geldmenge wächst seit Mitte 2009 weitaus schwächer als in den fünf Jahren zuvor, als sie im Schnitt noch um zehn Prozent jährlich zulegte", so Reuss.

Falscher Alarm?

In der Tat stieg die Geldmenge M3 (Geldvermögen ohne Aktienbestände) im bisherigen Jahresdurchschnitt 2012 "nur" um 2,8 Prozent. Wird hier also zu Unrecht Alarm geschlagen?

"Keinesfalls", so Reuss. Denn an den Finanzmärkten zeigen sich die Wirkungen des billigen EZB-Geldes bereits und nehmen so womöglich eine stärkere Inflation bei den Konsumgüterpreisen vorweg.

So stieg das deutsche Aktienbarometer Dax von Oktober 2011 bis März 2012 um 40 Prozent, ebenso der umfassende CRB-Rohstoffindex. Der S&P 500 als Spiegelbild des US-amerikanischen Marktes legte um 27 Prozent zu.

Strategisch betrachtet sind sich alle drei Experten einig: Gegen die rekordtiefen Renditen auf "sichere" Staatsanleihen in Verbindung mit einer vermutlich stärker werdenden Inflation helfen in den kommenden Jahren nur verstärkte Sachwert-Investitionen.

ApoBank-Analyst Wirth rät Anlegern, mögliche Kaufkraftverluste mit inflationsindexierten Anleihen, Immobilien, Aktien oder Rohstoffen sowie Gold zu minimieren - ein Gedanke, der auch Vermögensverwalter Reuss umtreibt.

Auch Klude appelliert in seinem Research-Bulletin an die Anleihe-Investoren, alte Strategien zu überdenken. "Ein ,Weiter so‘ könnte mittelfristig zu bösen Überraschungen führen", so der Ökonom.

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