Ärzte Zeitung, 12.11.2012

Anlagen-Kolumne

Zeitenwende - Vorsicht, Sparbuch!

Die Finanzkrise hinterlässt Spuren - auch bei den Anlegern. Sie setzen offenbar zunehmend wieder auf das Sparbuch. Ein Irrtum, der teuer werden kann.

Gottfried Urban

Zeitenwende - Vorsicht, Sparbuch!

Der Krisenmodus der Notenbanken und der Politik in Sachen Euro hat massive Auswirkungen auf das Anlegerverhalten.

In Anbetracht dieser Entwicklung erscheinen die Investitionspräferenzen vieler Anleger durchaus fragwürdig: Wie der Deutsche Sparkassen- und Giroverband jüngst vermeldete, ist das Sparbuch wieder die beliebteste Anlageform für die Altersvorsorge.

Vor der Renten- und Lebensversicherung liegt es nun wieder auf Platz eins. Aus der Erfahrung sucht man Sicherheit fürs Geld. Womöglich vernichten Sparer aber mit der Anlage auf dem Sparbuch bis zum Ruhestand damit inflationsbereinigt einen großen Teil ihres Kapitals.

Europa könnte in den kommenden Jahren eine ähnliche Entwicklung nehmen wie die USA zwischen 1945 und den 1970er Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die USA mit einer Schuldenquote von etwa 140 Prozent zu kämpfen.

Regierung und Notenbank entschlossen sich deshalb, die Zinsen möglichst niedrig zu halten. Obwohl die Schulden nominal nicht verringert wurden, konnte die Schuldenquote deutlich reduziert werden, denn die Wirtschaftsleistung stieg nominal stärker als der Schuldenberg.

Dazu sind zwei Komponenten notwendig: Die Inflation muss über dem Zins fürs Geld liegen damit die Schuldenfinanzierung billig bleibt. Andererseits muss die Wirtschaftsleistung gesteigert werden, wenn nicht real, dann zumindest nominal.

Wichtig ist nur, dass die Inflation nicht explodiert und politisch vermarktbar bleibt. Für Privatanleger waren in dieser Phase weder am Geldmarkt noch mit anderen als sicher geltenden Zinsanlagen für lange Zeit inflationsbereinigt Erträge zu erzielen.

Die Angst vor starken Schwankungen ist aktuell so groß, dass auch institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionskassen große Mengen am Geldmarkt parken, wie eine Studie von Union Investment zeigt.

Sie verringerten in den vergangenen zwölf Monaten ihre Rentenpapierbestände um 28 Prozent. Ihre Aktienquote wurde 2012 auf deutlich unter zehn Prozent zurückgefahren, stattdessen stiegen zum einen ihre Immobilieninvestitionen um etwa zehn Prozent auf jetzt etwa 15 Prozent an.

Zum anderen sind institutionelle Investoren momentan am Geldmarkt sehr aktiv. Dort haben sie ihr Engagement sogar auf etwa 25 Prozent verdoppelt. Dabei erhalten die Institutionellen für Tagesgeld unter 0,10 Prozent Zinsen.

Zusammengerechnet mit den Rentenbeständen können damit nicht einmal die laufenden Kosten der Kapitalverwaltung durch Zinsen erwirtschaftet werden.

Auf Dauer können es sich institutionelle Anleger nicht leisten, so stark im Geldmarkt investiert zu bleiben. Ihr Anlagedruck steigt. Zahlreiche institutionelle Investoren befinden sich also auf der Lauer und werden demnächst wohl weitreichende Anlageentscheidungen treffen müssen.

Die Frage ist nur: In welche Anlageklassen werden sie investieren? Angesichts des meiner Meinung noch sehr lange andauernden Zinstales scheint es ausgeschlossen, dass die Institutionellen zu Rentenpapieren zurückkehren.

Es ist durchaus vorstellbar, dass die Aktienkurse deshalb nach größeren Umschichtungen der institutionellen Investoren in den nächsten Jahren stark steigen. Privatanleger sollten dies bedenken. Wir erleben aktuell eine dramatische Zeitenwende.

Vom Sparbuch als Altersvorsorgelösung können sich Anleger getrost verabschieden. Die Kapitalmarktgeschichte zeigt, dass es lange Phasen von negativem Realzins geben kann. Geschichtliche Fehler sollten nicht wiederholt werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »