Ärzte Zeitung online, 29.08.2013

Kommentar zur Ärzteversorgung

Eine echte Regelungslücke

Die Begehrlichkeiten der Rentenversicherung in Richtung Ärzte wachsen. Wer mit 60 noch den Arbeitsplatz wechseln will, verliert unter Umständen den Anspruch auf Befreiung.

Von Hauke Gerlof

Flexibilität und Bereitschaft zur Mobilität, möglichst bis ins hohe Alter. Das wird heutzutage von Arbeitnehmern verlangt, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen wollen. Das spiegelt sich zunehmend in den Lebensläufen wider, auch in denen von Ärzten.

Selbst bei niedergelassenen Ärzten ist es nicht ausgemacht, ob sie ihre Karriere nicht doch nach Praxisverkauf als Angestellte in einem MVZ oder einem Krankenhaus ausklingen lassen.

Angehörige von verkammerten Berufen, deren Altersvorsorge über eigene Versorgungswerke läuft, also auch Ärzte, bekommen zurzeit die Kehrseite dieser Flexibilität zu spüren.

Die Begehrlichkeit der Deutschen Rentenversicherung (DRV), von der Rentenversicherungspflicht befreite Angehörige von Versorgungswerken im weiteren Verlauf ihres Berufslebens als zahlungskräftige Mitglieder zurück zu gewinnen, wächst. Die DRV sieht sich bestätigt auch durch Gerichtsurteile aus den vergangenen Jahren.

Die Folge: Ärzte, die mit gut 60 Jahren sogar noch den Kammerbereich wechseln, fallen derzeit in eine echte Regelungslücke. So erging es jetzt einem Chefarzt aus Bayern: Das Versorgungswerk in der neuen Ärztekammer nimmt ihn aus Satzungsgründen nicht mehr, das alte könnte ihn zwar als freiwilliges Mitglied behalten, doch eine freiwillige Mitgliedschaft zählt für die Rentenversicherung nicht.

Rechtzeitig Antrag auf Befreiung stellen!

Schlimmer noch: Wenn der Versicherte wider Willen in die Rentenversicherung geht, am Ende aber nicht auf 60 Beitrags-Monate kommt, zahlt er zwar jahrelang den Höchstbeitrag, erwirbt aber möglicherweise überhaupt keine Ansprüche.

Ärzte, die mit dem Gedanken spielen, eine Arbeit in einer anderen Kammer anzunehmen, sollten sich daher sehr gut absichern, ob sie das die Mitgliedschaft im Versorgungswerk kosten könnte.

Das heißt, der Antrag auf Befreiung von der Deutschen Rentenversicherung sollte rechtzeitig erfolgen. Gerade die letzten Jahre im Versorgungswerk zahlen sich von der Rendite her aus, wegen des Zinseszins-Effektes.

Es ist gut, dass sich jetzt auch die Arbeitsgemeinschaft der Berufsständischen Versorgungswerke (ABV) dieses Themas annimmt und Betroffene rechtlich unterstützen will.

Hier ist aber auch Lobbyarbeit gefragt, nach innen und nach außen. Nach innen, um die Satzungen in den Versorgungswerken flexibler zu gestalten. Nach außen, um mit Hilfe des Gesetzgebers die Regelungslücke für ältere Ärzte zu schließen, die noch kurz vor dem Ruhestand einen Job- und Ortswechsel wagen.

Lesen Sie dazu auch:
Versorgungswerke: Jobwechsel mit 60 - für Ärzte nicht ohne Risiko

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Finanzen/Steuern (10401)
Personen
Hauke Gerlof (834)
[29.08.2013, 15:09:28]
Dr. Manfred Stapff 
Nicht durchdacht, nicht an die moderne Berufswelt angepasst, am Beamtenschreibtisch entwickelt
Viele Regelungen, nicht nur zur Rentenversicherung der Ärzte, sind leider wenig durchdacht und allenfalls auf ein traditionelles Berufsbild, d.h. dauerhafte Tätigkeit in der selben Kammer, ausgerichtet. Wer mobil ist, und das nicht nur in Deutschland, sondern auch international, wird in vielen Bereichen bestraft. Hier nur zwei Beispiele:
- Ein Arzt, der im Ausland arbeitet, kann in Deutschland nicht Kammermitglied werden / bleiben, weil er dort keinen Wohnsitz hat. Er bekommt deshalb keinen Arztausweis und kann sich deshalb nicht in der Apotheke mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zum Eigengebrauch versorgen.
- Ein Arzt, der freiwillige Mehrzahlungen zur Ärzteversorgung leistet, diese aber nicht voll absetzen kann, z.B. weil diese Mehrbeiträge aus bereits versteuertem Einkommen geleistet werden, oder weil er in Deutschland nur beschränkt steuerpflichtig ist, wird später verfassungswidrig doppelbesteuert, weil die Ärzteversorgung später Steuern von der Rente abzieht, und zwar nicht nur auf den Ertrags- sondern auch auf den Sparanteil.
Auf solche und andere bürokratische Hemnisse muß man sich leider einstellen, wenn man den Idealvorstellungen an Flexibilität und internationaler Erfahrungen nachgehen möchte.  zum Beitrag »
[29.08.2013, 14:27:50]
Martin Münstermann 
Jobwechsel mit 60 - Rentenversicherungspflicht
Wer mit 60 versicherungspflichtig in der gesetzlichen Rentenversicherung wird und Beiträge entrichtet hat verschiedene Möglichkeiten:
1. es werden bis zum Beginn der Regelalterrente (65 + x) Beiträge geleistet, dann ist die Wartezeit von 60 Kalendermonaten für diese Rente erfüllt.

2. Die Wartezeit ist nicht erfüllt durch Pflichtbeiträge wg. einer Beschäftigung, dann könnten freiwillige Beiträge gezahlt werden.

3. Ist die Wartezeit nicht erfüllt, kommt möglicherweise eine Beitragserstattung in Betracht.

Pauschale Feststellungen sind erfahrungsgemäß wenig zielführend.
Daher sollte immer eine individuelle persönliche Beratung erfolgen, um
festzustellen, welche Möglichkeit für die Person am erfolgreichsten ist.

Martin Münstermann
Rentenberater


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[29.08.2013, 13:50:30]
Dr. Johannes Nebe 
Zinseszins?
"Gerade die letzten Jahre im Versorgungswerk zahlen sich von der Rendite her aus, wegen des Zinseszins-Effektes." Das erscheint nicht plausibel, denn die geleisteten Beiträge werden ja wohl auch nach Ausscheiden aus dem Versorgungswerk weiter verzinst. Gibt es hier eine fachkundige Meinung dazu? zum Beitrag »

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