Ärzte Zeitung, 07.04.2014

Krim-Krise

Gazprom & Co. locken mit Ramschpreisen

Die Krim-Krise schickt auch die Aktienkurse russischer Unternehmen auf Talfahrt. Einige Börsenstrategen sehen darin eine Chancen für langfristig orientierte Anleger.

Von Richard Haimann

Gazprom & Co. locken mit Ramschpreisen

Gazprom-Headquarter in Moskau: Der russische Energieriese büßt derzeit an der Börse für Putins Politik auf der Krim.

© gazprom

NEU-ISENBURG. Investoren an der Moskauer Börse kam die Annexion der Krim teuer zu stehen: Um 20 Prozent brach der russische Aktienindex RTS ein, nachdem Staatspräsident Wladimir Putin die Halbinsel der Ukraine entrissen hatte.

Noch heftiger traf es die Kurse der auch an deutschen, britischen und amerikanischen Börsen gehandelten Titel russischer Energiekonzerne: Die Aktien des Ölförderers Rosneft und des Erdgasgiganten Gazprom verloren in der Spitze fast ein Viertel ihres Werts.

Investoren aus Europa und den USA waren massiv aus russischen Papieren geflüchtet. Sie fürchteten, ein Boykott Westeuropas würde die Gewinne der Unternehmen massiv einbrechen lassen.

Die Ratingagentur Moody's warnte, die Bonität von Gazprom und Rosneft könnte herabgestuft werden. Beide Gesellschaften liefern erhebliche Mengen ihrer Gas- und Ölförderungen nach Deutschland, Österreich und in die Benelux-Staaten.

Börsenguru rät zum Einstieg

Doch einige Starinvestoren teilen den düsteren Ausblick keineswegs. Denn es würde Jahre dauern, bis Westeuropa seine Gas- und Ölimporte aus Russland durch andere Lieferanten ersetzen können. Der US-Börsenguru Jim Rogers, der den Börsenboom in den Emerging Markets und die Finanzkrise von 2008 richtig vorhergesehen hatte, rät jetzt zum Einstieg in russische Aktien.

"Die Moskauer Börse ist derzeit eine der unbeliebtesten der Welt, aber auch eine der preiswertesten", sagt der Hedge-Fonds-Manager. "Nun ist ein günstiger Zeitpunkt, um in russische Titel zu investieren."

Dieser Ansicht ist auch Mebane Faber, Chefstratege der US-Investmentgesellschaft Cambria. "Russische Aktien sind 74 Prozent billiger als amerikanische Papiere." Während in den USA Aktien derzeit im Schnitt zum 25fachen des Jahresgewinns gehandelt würden, betrage der Durchschnittspreis der Papiere im Putin-Reich nur das 6,5fache. Die Differenz gilt auch für die ohnehin preiswerteren Öl- und Gaswerte.

"Verunsicherung am Ablaufen"

In den USA und Westeuropa notieren Papiere von Ölkonzernen wie Chevron und Total zum Zehnfachen des Jahresgewinns. Hingegen kostet die Rosneft-Aktie derzeit nur das Fünffache, das Gazprom-Papier gar nur das 2,7-Fache des Jahresertrags.

Auch Yakov Arnopolin, Fondsmanager bei der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs, hält die Kursverluste für übertrieben. Die Krise werde zwar kurzfristig die Konjunktur in Russland dämpfen, erläutert Arnopolin. "Aber dies bei weitem nicht so stark, wie die derzeitigen Marktreaktionen nahelegen."

Dieser Meinung haben sich jetzt offenkundig auch einige Investoren angeschlossen. Vergangene Woche stiegen Hedge Fonds aus Europa und den USA wieder in russische Papiere ein und trieben deren Kurse in die Höhe. Das Gazprom-Papier gewann rund zehn Prozent, die Rosneft-Aktie notierte sieben Prozent über dem Tiefststand seit Beginn der Krim-Krise.

Der Aktienkurs des Einzelhandelskonzerns Magnit - mit 5500 Supermärkten und fast 500 Drogeriemärkten einer der größten Anbieter im Land - erreichte sogar wieder die Notierung vor Beginn der Krim-Annexion.

"Offensichtlich ist die Verunsicherung durch die Krise am Abflauen", sagt Michael Beck, Leiter Portfolio Management bei der Stuttgarter Privatbank Ellwanger & Geiger.

Erinnerung an 2008

Einige Beobachter erinnert die gegenwärtige Situation an die Kaukasus-Krise Anfang August 2008. Damals waren russische Truppen in Georgien einmarschiert, nachdem die georgische Armee die autonome Region Südossetien besetzen wollte.

Die Angst vor einem Boykott durch Westeuropa ließ auch damals die Kurse an der Moskauer Börse massiv einbrechen - doch schon einen Monat später waren die Verluste wettgemacht.

Die eigentliche Krise kam erst danach: Mitte September des gleichen Jahres ging die US-Investmentbank Lehman Brothers insolvent. Die darauf folgende globale Finanzkrise schickte weltweit die Börsen auf Talfahrt.

[25.10.2014, 19:04:10]
Dr. Segei Jargin 
Medizinische Terminologie in Osteuropa
Das Problem der Interaktion zwischen der russischen und der ukrainischen Sprache ist heute besonders aktuell und vom Konflikt geprägt. Das Problem hat auch einen medizinisch-terminologischen Aspekt. Die Ukrainische Sowjetrepublik wurde aus ethnisch und linguistisch verschiedenartigen Teilen zusammengesetzt; einige waren fast ausschließlich russischsprachig (die Krim, Odessa, Donezk, Lugansk), andere zweisprachig russisch und ukrainisch. Insbesondere die Krim, die der Ukraine 60 Jahre lang ohne die Einwohner zu fragen (was einen damals nicht für möglich gehaltenen Zerfall der Sowjetunion betraf) zugeordnet war. Nur in der Westukraine, in Ostgalizien gibt es Leute mit eingeschränkten russischen Sprachkenntnissen, sonst beherrscht die ganze ukrainische Bevölkerung die russische Umgangssprache. Obwohl die volkstümliche ukrainische Sprache der russischen nahe verwandt ist, wurde das literarische Ukrainisch auf einer mundartlich-volkstümlichen Basis mit Einbeziehung von Entlehnungen aus dem Polnischen geschaffen. Es gibt aber eine gut begründete Meinung, dass alle ostslawischen Völker mit einer einzigen literarischen Sprache auskommen könnten [1,2]. Dennoch kam es zur Entstehung einer neuen ukrainischen Literatursprache und einer wissenschaftlichen Terminologie, die zwar nicht vollständig ist, jedoch einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, indem sie für Veröffentlichungen zu speziellen Themen benutzt wird [3]. Eine obligatorische Einführung der ukrainischen Sprache als der einzigen Amtssprache, auch in der Verwaltung und im Gesundheitswesen, ist kontraproduktiv. Viele ukrainische Fachbegriffe, oft Neologismen, sind sogar für russische Fachleute unverständlich. Die Wörterbücher sind knapp und qualitätsmäßig nicht perfekt, was das Lesen der medizinischen Dokumentation und der Fachliteratur erschwert bzw. auch verhindert. Über die Mängel, die teilweise mit einem eingeschränkten Zugang zur internationalen medizinischen Fachliteratur verbunden sind, wurde vorher berichtet [4]. Das Problem hat weiterhin einen sozialen Aspekt. Die Transformationen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben eine große Menge neuer Leute ins Milieu der Intelligenzia gebracht. Einige von ihnen sahen in der Ukrainisierung des Schrifttums und der Wissenschaft eine Gelegenheit für sich, eine Karriere auf diesem Felde zu machen. Dasselbe ist auch in anderen slawischen Ländern (Jugoslawien, Tschechoslowakei, zum Teil auch Polen) zustande gekommen, wo statt der existierenden deutschen oder russischen medizinischen Terminologie eine neue ortständige entwickelt bzw. erfunden wurde. Zugegebenermaßen, wurde in den genannten Gebieten auch die lateinische Terminologie benutzt, während viele neuerfundene Krankheiten und Syndrome englische Namen erhielten. Jedenfalls wurde die professionelle Kommunikation durch die Erfindung von Nationalterminologien beeinträchtigt. Heute könnte die Ukraine, unter Beibehaltung der ukrainischen Sprache überall dort, wo die Träger derselben dies wünschen, zum kulturellen Treffpunkt zwischen der deutschen und slawischen einschließlich russischsprachiger Kultur werden, was auch für die Wissenschaft und das Gesundheitswesen von Vorteil sein würde.
1. Trubetzkoy NS. Russland - Europa - Eurasien: ausgew. Schriften zur Kulturwissenschaft. Schriften der Balkan-Kommission, Philos.-hist. Klasse 45. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; 2005.
2. Trubetzkoy NS. Zum ukrainischen Problem. In: Ausgewählte Werke. Moskau: RossPen, 2010; S. 462-82. (Russisch)
3. Vozianov SO, Boyko SO, Romanenko AM. Nova shkala otsinki gistologichnikh zmin slizovoi obolonki sechovogo mihura pri khronichnomu tsistiti (New scale of value for cytological lesions of urinary bladder urothelium in patients with chronic cystitis). Naukovii visnik Uzhgorods’kogo universitetu; seriya Meditsina 2009;(35):99-102
4. Jargin SV. Eingeschränkter Zugang zur internationalen medizinischen Fachliteratur in der ehemaligen Sowjetunion. Wien Med Wochenschr. 2012;162(11-12):272-5.

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