Ärzte Zeitung, 17.01.2011

Hintergrund

Angst vor Dioxin im Körper treibt Patienten in die Praxen

Der aktuelle Dioxin-Skandal ist mittlerweile auch ein Thema in Arztpraxen. Patienten sind beunruhigt, ob sie wohl zu viel Gift im Körper haben. Ärzte können dazu - teilweise auf IGeL-Basis - auch Beratung anbieten.

Von Sabine Schiner

Die Dioxin-Funde in Eiern und Fleisch beschäftigen auch weiterhin viele Menschen in Deutschland. An der Abteilung für Hygiene-, Sozial- und Umweltmedizin der Ruhr-Universität Bochum häufen sich derzeit die Anfragen nach Analysen, die feststellen, ob sich Dioxine im Fettgewebe angehäuft haben.

Angst vor Dioxin im Körper treibt Patienten in die Praxen

Wie gefährlich ist der Verzehr von Eiern? Mit solchen Fragen sehen sich jetzt auch Ärzte verstärkt konfrontiert.

© granata68 / fotolia.com

Das Institut ist eines der wenigen Labore in Deutschland, die solche Tests machen. Die Analytik ist aufwendig. In Bochum setzen sie dazu unter anderen hoch auflösende Massenspektrometer ein.

Fünf Anfragen verzeichnet die Bochumer Uni täglich

"Jeden Tag sind es im Schnitt fünf Anfragen von Ärzten, Labormedizinern und Patienten - das ist eine deutliche Zunahme", sagte der Chemiker und Fachgruppenleiter Dr. Jürgen Wittsiepe auf Anfrage der "Ärzte Zeitung". Bei den Patienten handele es sich meist um Menschen, die seit Jahren an unerklärlichen Symptomen leiden. Erst kürzlich habe eine Patientin, die in der Vergangenheit häufig Eier gegessen hatte, um einen Test gebeten. Sie wollte nun wissen, ob Dioxin vielleicht die Ursache ihrer Beschwerden sein könnte.

Dioxine reichern sich in Lebewesen vor allem im Fettgewebe an und werden so gut wie gar nicht abgebaut. Bei Tierversuchen wurden Störungen der Reproduktionsfunktionen, des Immun- und Nervensystems und des Hormonhaushalts beobachtet. Bei einigen Dioxinen geht man davon aus, dass sie das Risiko, an Krebs zu erkranken, erhöhen.

Die Dioxin-Werte in Lebensmitteln derzeit sind dennoch keine akute Gesundheitsgefahr. Das hat das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in Berlin auf Anfrage nochmals bestätigt. Trotz dieser Aussage machen sich aber viele Menschen Sorgen - und oftmals sind in diesen Fällen Ärzte die ersten Ansprechpartner.

"Ich hatte schon einige Patienten, die vor allem generelle Fragen zum Thema Dioxin haben", sagt Dr. Dr. Peter Schlüter, Hausarzt im südhessischen Hemsbach und Abrechnungsexperte. "Was ist das überhaupt? Wo kommt es her? Wie kann man es nachweisen?", seien die häufigsten Fragen, so Schlüter.

Wer Antworten sucht, der ist auf der Website des Bundesamtes für Risikofragen gut aufgehoben. Unter der Adresse www.bfr.bund.de finden sich etwa rechtliche Regelungen und Angaben zu den gesetzlich in der Europäischen Union vorgeschriebenen Höchstgehalten an Dioxinen in Lebensmitteln. Erklärt wird auch, wie Dioxine entstehen: Etwa dann, wenn organischer Kohlenstoff in Anwesenheit von Chlor verbrannt wird und Temperaturen von mindestens 300 Grad Celsius auftreten.

Konkrete Ernährungstipps für Patienten finden Ärzte ebenfalls im Internet auf Länderebene. Eine informative Website hat beispielsweise das Land Niedersachsen unter www.ml.niedersachsen.de. Dort gibt es eine Hotline, und es werden die Kenn-Nummern von Eiern aufgeführt, von deren Verzehr abgeraten wird.

Jeder Legehennenbetrieb hat eine solch individuelle Nummer, die auf jedes Ei gestempelt werden muss. Ständig aktualisierte Meldungen der Länder zu aktuellen Kontrollen und Dioxin-Funden gibt es auch auf der Internetseite des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (www.bvl.bund.de).

Die Aufklärung von Patienten zum Thema Dioxin können Ärzte durchaus in die Ernährungsberatung einbinden, sagt Peter Gabriel von der Geschäftsführung der privatärztlichen Verrechnungsstelle PVS/Südwest in Mannheim. "Das ist dann aber eine Individuelle Gesundheitsleistung, da keine Erkrankung vorliegt."

Das heißt: Patienten müssen die Beratung aus eigener Tasche bezahlen, es sei denn, die jeweilige Kasse hat diese Leistungen etwa durch Zusatztarife abgedeckt. "Da sollte sich jeder Versicherte zuvor bei seiner Kasse erkundigen", sagt Gabriel.

Patientenschulung ist nicht als IGeL abrechenbar

Individuelle Beratungen zum Thema Dioxin können, so Gabriel, über die GOÄ-Ziffern 1 oder 3 (Dauer mindestens 10 Minuten) abgerechnet werden. "Eventuell ist auch die GOÄ-Ziffer 4 abrechenbar", sagt der GOÄ-Experte.

Etwa dann, wenn sich eine Frau über den Ernährungsplan für ihren Vater kundig macht, der bettlägerig ist und nicht selbst in die Praxis kommen kann. Nicht abrechenbar sei beim Thema Dioxin die Patientenschulung (GOÄ-Ziffer 33): "Diese Ziffer ist nur abrechenbar, wenn eine konkrete Erkrankung vorliegt", so Gabriel.

Dies gelte auch für die Ziffer 20 für Beratungsgespräche in Gruppen von vier bis zwölf Teilnehmern. Abrechenbar sei hingegen in Einzelfällen ein Ernährungsplan, etwa nach der GOÄ-Ziffer 76, beispielsweise für Kinder, Kranke oder alte Patienten. Der Plan müsse individuell und schriftlich erstellt werden.

Schlüter hat nicht vor, Patienten die Beratungen in Rechnung zu stellen. "Da sind ja alle davon betroffen." Er kann sich aber vorstellen, einen Informationsabend zum Thema Dioxin zu organisieren, um in Ruhe die Fragen der Patienten zu besprechen.

Zurückhaltung ist geboten, das meint auch der GOÄ-Experte Gabriel. Aktiv auf das Thema Dioxin sollten Ärzte seiner Meinung nach Patienten besser nicht ansprechen: "Sonst schürt man noch die Hysterie."

Lesen Sie dazu auch:
Ist Gestein Kaolin Quelle des Dioxins?

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