Ärzte Zeitung, 16.02.2016

Achtung, IGeL?

Patienten vertrauen ihren Ärzten doch!

Die medizinische Kompetenz ist ein Pfund, mit dem Ärzte bei Patienten auch in puncto IGeL wuchern können. So vertrauen viele von ihnen trotz Skepsis gegenüber einer Selbstzahlerleistung auf die Einschätzung ihres Arztes.

Von Matthias Wallenfels

HAMBURG. Selbst wenn Patienten in der Haus- oder Facharztpraxis nicht zu hundert Prozent vom Sinn einer ihnen offerierten Selbstzahlerleistung überzeugt sind, ist das noch keineswegs ein generelles K.o.-Kriterium. So vertraut rund ein Drittel der Kassenpatienten im Zweifelsfall auf die medizinische Kompetenz ihres Arztes.

Das zeigt eine Umfrage unter 1000 gesetzlich krankenversicherten Menschen des Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Wissenschaftlichen Instituts für Qualität und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) der Techniker Krankenkasse (TK). Die Ergebnisse sind laut Kasse repräsentativ für die rund 70 Millionen Kassenpatienten bundesweit.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, wie die TK auf Nachfrage verdeutlicht. Einige der Ergebnisse liegen der "Ärzte Zeitung" allerdings vor.

Offen für zusätzliche Diagnostik

Nach den Gründen befragt, warum sie sich im Zweifelsfall doch für die Inanspruchnahme einer angebotenen Individuellen Gesundheitsleistung (IGeL) entschieden, führen 32 Prozent die ärztliche Kompetenz ins Feld. An zweiter Stelle mit 27,4 Prozent rangiert die Auffassung, dass eine Diagnostik oder Therapie mehr nicht schaden könne.

Das könnte zum einen ein gesteigertes Gesundheitsbewusstsein widerspiegeln, zum anderen auch Ausdruck eines intakten Arzt-Patienten-Verhältnisses sein. Addiert man die Top 2-Werte, so ergibt sich, dass rund 60 Prozent - und damit sechs von zehn Kassenpatienten -, die Zweifel an einer IGeL haben, sich keineswegs von ärztlicher Seite unter Druck gesetzt fühlen, wie es öfter in Publikumsmedien heißt.

Somit scheinen sich die meisten Ärzte im IGeL-Alltag an die auf dem 109. Deutschen Ärztetag 2006 in Magdeburg verabschiedeten "zehn Gebote" des seriösen IGeLns zu halten. Diese fordern von Ärzten unter anderem, Patienten nicht zur Annahme einer Selbstzahlerleistung zu drängen.

Erst an dritter Stelle folgt mit 17,2 Prozent die Aussage, man habe der Annahme der IGeL aus Angst zugestimmt, sich falsch zu entscheiden. Immerhin 7,1 Prozent der befragten Kassenpatienten geben an, sich eine Zweitmeinung eingeholt zu haben, die unter anderem von einem Arzt oder aus dem persönlichen Umfeld erfolgt sein kann.

 Hier wurde bei der Analyse der Antworten offenbar nicht näher differenziert. Dass aber mehr als jeder zwanzigste Patient weiteren Rat sucht, bevor er sich für oder gegen ein IGeL-Angebot entscheidet, müsste die Kassen eigentlich freuen. Dies spiegelt die Skepsis wider, die die Kassen generell gegen Selbstzahlerleistungen hegen.

Nur wenige fühlen sich überrumpelt

Entgegen allen Unkenrufen von Verbraucherzentralen und dem vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung betriebenen Online-Portal IGeL-Monitor fühlten sich nur 6,6 Prozent der Patienten bei der Inanspruchnahme der Selbstzahlerleistung überrumpelt.

Das heißt, hier ist von Ärzten im IGeL-Alltag bei bestimmten Patienten noch etwas mehr Sensibilität beim Anbieten von IGeL gefragt.

Wie die Befragung weiter zeigt, sind unter den Kassenpatienten gerade einmal 15 Prozent als strikte IGeL-Gegner zu klassifizieren. So viele sprechen Selbstzahlerleistungen in der Praxis generell jedweden Nutzen ab. Dass sie eher nicht nützlich sind, meinen weitere 38 Prozent.

 Im Umkehrschluss heißt das, dass 47 Prozent - und damit fast die Hälfte der Patienten - prinzipiell offen gegenüber Selbstzahlerleistungen sind. Jeder vierte Befragte (27 Prozent) berichtet laut TK von dem Eindruck, dass ein Arzt generell manchmal oder sogar häufig unnötige Untersuchungen oder Behandlungen empfiehlt.

In der Abschlussbewertung der Studienergebnisse kommt auch der Pharmazeut und WINEG-Direktor Dr. Frank Veheyen zu dem Ergebnis, dass Selbstzahlerleistungen nicht per se zu verteufeln sind: "Die Zweifel der Befragten an privat zu zahlenden Leistungen haben eine handfeste Basis, denn IGeL-Angebote sind nicht immer medizinisch sinnvoll oder notwendig".

Laut einer repräsentativen Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) haben 2014 rund 33 Prozent der Kassenpatienten bei ihren Haus- oder Facharztbesuchen innerhalb der vergangenen zwölf Monate eine IGeL offeriert bekommen; 2001 betrug diese Quote erst 8,9 Prozent.

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