Ärzte Zeitung online, 12.04.2017

Selbstzahlerleistungen

Erneut zwei negative Bewertungen beim IGeL-Monitor

Populär, aber nicht empfehlenswert? Das EKG zur Früherkennung einer koronaren Herzkrankheit und die Spirometrie bei asymptomatischen Erwachsenen sind im IGeL-Monitor jeweils mit "tendenziell negativ" bewertet worden.

Von Thomas Meissner

Erneut zwei negative Bewertungen beim IGeL-Monitor

Das EKG als Präventionsangebot? Das geht lediglich auf IGeL-Basis.

© Zsolt Nyulaszi / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Es ist durchaus üblich, gesetzlich Krankenversicherten, die sich zu einem Check-up vorstellen, ansonsten aber keine Beschwerden haben, eine elektrokardiografische Untersuchung (EKG) anzubieten. Aus einer repräsentativen Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK geht hervor, dass 1,6 Prozent der Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) EKG-Untersuchungen sind.

Eine Analyse wissenschaftlicher Publikationen zu dem Thema durch Gutachter im Auftrag des vom Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS) betriebenen Online-Portals IGeL-Monitor hat nun ergeben, dass die derzeitige Studienlage kein Urteil über den Nutzen eines Ruhe- oder Belastungs-EKGs "bezüglich patientenrelevanter und klinischer Endpunkte bei asymptomatischen Erwachsenen ohne Risikofaktoren" zulasse. Daher lautet das Votum auf der Plattform "tendenziell negativ".

Die Recherche von Dr. Tim Mathes von der Privaten Universität Witten/Herdecke und Dr. Silke Thomas vom MDS in Essen hatte lediglich eine einzige relevante systematische Übersichtsarbeit zu diesem Thema ergeben, randomisierte kontrollierte Studien dazu existierten nicht. Falsch-positive EKG-Befunde könnten theoretisch einen Schaden verursachen, etwa wenn es bei Folgeuntersuchungen zu Kontrastmittelunverträglichkeiten bei der Koronarangiographie oder zu Gefäß- und Nervenverletzungen komme.

MDS: Es mangelt an Studien

Mathes und Thomas führen außerdem an, dass ein EKG zusätzlich zur Beurteilung mit üblichen Scores wie dem Framingham-Score keine veränderte Risikoklassifizierung des Untersuchten zur Folge habe. Sie verweisen auf die U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF). Demnach wird für Personen mit niedrigem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse kein Screening mittels EKG empfohlen. Für Personen mit mittlerem oder hohem Risiko sei die Evidenz unzureichend, um Nutzen und Schaden des EKG-Screenings zu bewerten.

Mittels der Spirometrie bei asymptomatischen Erwachsenen oder bei Rauchern ohne klinische Beschwerden nach obstruktiven Lungenerkrankungen zu fahnden, halten die Gutachter ebenfalls für keine gute Idee. Auch diese Selbstzahlerleistung bewertet der IGeL-Monitor mit "tendenziell negativ". Stefanie Butz, Annette Ernst und Dr. Dagmar Lühmann vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben lediglich zwei systematische Übersichtsarbeiten dazu gefunden. Demnach gibt es zu der Thematik keine Studien mit geeignetem Evidenzniveau. In ausgewerteten internationalen Leitlinien werde ein solches Screening ebenfalls nicht empfohlen.

Selbst wenn Patienten mit milder oder moderater COPD damit identifiziert würden, hätte dies mit Blick auf verfügbare Therapieoptionen kaum einen Nutzen, so die Gutachter. Dem gegenüber gebe es Hinweise auf anzunehmende Schäden durch unnötige Folgeuntersuchungen oder nicht indizierte Behandlungen.

Für Raucher dennoch sinnvoll

In einer Stellungnahme stimmt die Deutsche Atemwegsliga zwar prinzipiell den Gutachtern zu, dass evidenzbasierte Aussagen derzeit nicht möglich sind. Professor Carl-Peter Criée aus Göttingen weist aber im Namen der Atemwegsliga darauf hin, dass bereits bei Verdacht auf Atemwegserkrankungen die Indikation zu Spirometrie großzügig gestellt werden sollte. Und zwar nicht nur, wenn eine COPD oder ein Asthma vorliegen könnte, sondern zum Beispiel auch bei muskuloskelettalen Erkrankungen mit Auswirkung auf die Atmung oder bei arbeitsmedizinischen Fragestellungen.

Criée verweist außerdem auf die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), wonach jeder Raucher eine Messung der Lungenfunktion erhalten sollte. Ein pathologisches Ergebnis könnte zusätzlich Motivation für das Einstellen des Rauchens sein.

"Wir wissen, dass COPD-Patienten ihre Beschwerden dissimulieren", argumentiert auch Dr. Peter Kardos aus Frankfurt am Main. Sie passten ihre körperliche Tätigkeit der noch verbliebenen Lungenfunktion an, so Kardos zur "Ärzte Zeitung". "Es ist in der Praxis kaum möglich, solche Details anamnestisch genau zu erfassen." Mit der Spirometrie könne daher selbst bei beschwerdefreien Patienten eine behandlungswürdige Obstruktion nachgewiesen werden.

Und Criée weist darauf hin, dass kostenlose Lungenfunktionstests bei Patiententagen der Atemwegsliga oder auch der Europäischen Gesellschaft für Pneumologie bei "weit über zehn Prozent" der Teilnehmer pathologische Ergebnisse gezeitigt hätten, alles Menschen, denen eine Lungenkrankheit bisher nicht bekannt gewesen sei. Deshalb, so der Pneumologe, könne ein spirometrisches Screening durchaus auch bei asymptomatischen Personen sinnvoll sein.

10% und mehr der Teilnehmer von kostenlosen Lungenfunktionstests bei Patiententagen der Atemwegsliga oder der Europäischen Gesellschaft für Pneumologie weisen pathologische Ergebnisse auf.

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