Ärzte Zeitung online, 26.02.2016

Umfrage zur Reform des Medizinstudiums

74 Prozent der Studenten gegen mehr Allgemeinmedizin

Was sagen die Medizinstudenten zur geplanten Reform ihres Studiums? Der Marburger Bund hat dazu am Freitag eine Umfrage unter Medizinstudenten vorgestellt. Unterdessen fordert CDU-Gesundheitsexperte Sorge im Kampf gegen den Landarzt-Mangel mehr Engagement seitens der Länder.

74 Prozent der Studenten gegen mehr Allgemeinmedizin

Viele Medizinstudenten haben eine positive Meinung von der universitären Lehre der Allgemeinmedizin.

© Bernd Wüstneck / dpa

BERLIN.  Bund und Länder wollen in den nächsten Monaten den "Masterplan Medizinstudium 2020" erarbeiten und das Medizinstudium damit refomieren. Ziel ist es, die Allgemeinmedizin zu stärken und dem sich verschärfenden Landarztmangel entgegen zu wirken. Der Marburger Bund begfragte nun über 1700 Medizinstudenten zum Thema.

Die 6 wichtigsten Umfrageergebnisse

  • 56 Prozent beurteilten  das Ansehen der Allgemeinmedizin in ihrem Studiengang als "gut" und 3 Prozent als "sehr gut", für 38 Prozent ist das Ansehen "schlecht" und 3 Prozent sogar "sehr schlecht"
  • Fast drei Viertel der Befragten haben eine  positive Meinung von der universitären Lehre der Allgemeinmedizin
  • 74 Prozent halten eine stärkere Einbindung der Allgemeinmedizin in das Studium nicht für notwendig und steht somit den Plänen der Bundesregierung skeptisch gegenüber. Lediglich 26 Prozent wünschen sich eine Stärkung des Faches.
  • Ebenfalls 74 Prozent sind mit der derzeitigen Gestaltung des Praktischen Jahres zufrieden und möchten das alles so bleibt, wie es ist. Nur die Hälfte (54 Prozent) kann dem Vorschlag der KBV etwas abgewinnen, das PJ in zwei ambulante und zwei stationäre Quartale aufzuteilen.
  • 86 Prozent lehnen einen Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im PJ ab. Nur 14 Prozent sind dafür.
  • Für 53 Prozent der Medizinstudentinnen kommt nach dem Studium eine Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin in Frage. Bei den Männern ziehen dies 46 Prozent in Betracht.

Gesundheitsexperte: "Lehrstühle für Allgemeinmedizin an allen Fakultäten"

Der CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge hat angesichts des Hausärztemangels auf dem Land eine rasche Reform des Medizinstudiums angemahnt. Er rief die Länder auf, "möglichst an allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin einzurichten".

Zudem sollte es mehr Medizinstudienplätze geben, sagte Sorge. Die Bundesländer müssten ihren Teil dazu beitragen, dass der Mangel an Fachärzten für Allgemeinmedizin auf dem Lande überwunden werden kann.

Appell an KVen: ausreichend Lehrpraxen

Die Arbeit als niedergelassener Vertrauensarzt müsse aufgewertet werden. Der CDU-Bundestagsabgeordnete appellierte an die regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen, ausreichend Lehrpraxen zur Verfügung zu stellen. D

eutschland brauche eine stabile Ärzteversorgung auf dem Land. Daher sollten Anreize für eine Tätigkeit als Allgemeinmediziner früher gesetzt und praxisnah vermittelt werden.

So müsse bereits bei der Zuweisung von Studienplätzen die Versorgungssituation und damit eine bessere Verteilung der Ärzte im Auge behalten werden.

Mehr und mehr Orte ohne Hausarzt

Nur jeder zweite Hausarzt findet derzeit einen Nachfolger, wenn er ausscheidet. Mehr und mehr Orte werden bei dieser Entwicklung künftig keinen Hausarzt haben. Nach Einschätzung von Fachleuten müssten mindestens doppelt so viele Fachärzte für Allgemeinmedizin weitergebildet werden, wie dies derzeit der Fall ist.

Die Gesundheits- und Wissenschaftsminister von Bund und Ländern wollen daher in den nächsten Monaten einen "Masterplan Medizinstudium 2020" erarbeiten.

Die Reform des Medizinstudiums ist nach dem Versorgungsstärkungsgesetz das zweite Gesetzesvorhaben, mit dem die Koalition von Union und SPD mehr Hausärzte aufs Land bringen will. (sts/dpa)

[27.02.2016, 11:55:08]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
MB-Befragung: Medizinstudenten als Versuchskaninchen?
Versuchskaninchen interviewt man auch nicht zu medizinischer Grundlagen-Forschung.

Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), findet zwar in Übereinstimmung mit den befragten Medizinstudenten, dass sich in der Hausarztmedizin vieles zum Besseren verändert hat.
http://www.aerzteblatt.de/archiv/172848
Jedoch: „Anfang der 90er Jahre gab es in ganz Deutschland sieben wissenschaftliche Mitarbeiter und eine Professur“. Inzwischen haben 27 von 37 Medizinischen Fakultäten selbstständige Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin (Stand 2014).

Dann kann eine bundesweite Befragung des Marburger-Bundes (MB) unter 1.756 Medizinstudierenden gar nicht repräsentativ gewesen sein, wenn allein 10 von 37 Medizin-Fakultäten keinerlei Abteilungen für Allgemeinmedizin haben.

Ein weiterer Punkt: Der MB vertritt ausschließlich und exklusiv die Interessen der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Freiberuflich tätige, niedergelassene Haus-Ärzte oder Allgemeinmediziner als GKV-Vertragsärzte kommen im MB-Foderungs- und Leistungskanon niemals vor. Höchstens die in MVZ'S nur angestellten Kolleginnen und Kollegen.

Letzter Punkt! Medizinstudierende stehen am Anfang ihrer beruflichen Qualifikation, Differenzierung, Verortung, Distribution und Allokation. Regional unterschiedlich decken am Ende aber etwa 30-40% aller Niedergelassenen Vertragsärzte den allgemeinmedizinisch-hausärztlichen Bereich der Humanmedizin ab.

Und genau diese Tatsache wird in der medizinischen Sozialisation unserer Profession von der Schule (Einser-Abi?) über Studium, Weiterbildung, Berufsqualifikation und Lebens-Bedingungen nicht ausreichend abgebildet.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[26.02.2016, 16:16:17]
Dr. Henning Fischer 
anstatt endlich die Politik aufzufordern, wieder angemessene Honorare zuzulassen und einen massiven Bürokratieabbau zu machen

damit der Beruf wieder attraktiv wird,

versucht man Leute zu finden, die mit den schlechten Bedingungen zufrieden sind (oder aber erst zu spät merken, wie der Hase läuft).

Ich bin seit 30 Jahren niedergelassen. Seit Seehofer hat die Politik ständig auf das Gesundheitswesen eingedroschen, zuletzt Gröhe mit seinen Anti-Ärzte-Gesetzen. Die Politik ist aber nicht im mindesten bereit, irgend etwas wieder gut zu machen.

Also Nachwuchs: seid gewarnt!!



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[26.02.2016, 16:02:12]
Dr. Dr. Thomas Fröhlich 
wer eins und eins zusammenzählen kann....
Der Marburger Bund betreibt derzeit eine aggressive Politik gegen die Interessen der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte. Er bekommt derzeit heftigen Gegenwind. Eine Klage gegen seinen Chef wird vorbereitet. Die GOÄ Reform wird unter seiner Ägide autoritär und Versicherungsfreundlich betrieben. Durch Beiratspositionen möglicherweise bestehende Interessenkonflikte beim Vorsitzenden und dem Ex-Vorsitzenden werden nicht thematisiert.

Da braucht es ein bisschen Politur für das Ansehen. So spielt der MB sich als Vertreter der Interessen der Medizinstudenten auf. Deren Ansicht zur stärkeren Einbindung des bislang völlig unterrepräsentierten Fachs Allgemeinmedizin in die ärztliche Ausbildung gibt den gegenwärtigen Ist-Zustand wieder, mehr nicht. Die unbestreitbar erforderlichen Änderungen dieses Zustandes liegen nicht im Horizont der derzeit noch in Ausbildung Befindlichen.

Lösungsansätze sind somit von beiden Seiten nicht zu erwarten, und dabei vom Marburger Bund, der weder die Verbesserung oder wenigstens den Erhalt der ambulanten ärztlichen Versorgung Bund anstrebt schon gar nicht....

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