Ärzte Zeitung, 17.08.2016

Einöde und Urbanität

Kommunen locken Landärzte mit günstigen Bedingungen

Kommunen werben um Hausarzt-Nachwuchs: Bei der "TK Hausarzt-Tour" durch Baden-Württemberg zeigten sie sich von ihrer schönsten Seite. Doch für die jungen Ärzte in spe müssen die Arbeitsbedingungen vor Ort stimmen.

Von Florian Staeck

Kommunen locken Landärzte mit günstigen Bedingungen

Der romantische Traum, Landarzt zu sein: Kommunen spielen gerne mit diesem - andere Aspekte werden aber immer wichtiger.

© Andrea Wilhelm/fotolia.com

BAD MERGENTHEIM. So werden die Hausärzte der Zukunft hofiert: Ins "Götterzimmer" des Deutschordensschlosses in Bad Mergentheim haben Kommunalpolitiker Ende Juli sechs Studierende der Allgemeinmedizin eingeladen.

Auf Einladung der Techniker Kasse wurden die Medizinstudenten eine knappe Woche im Rahmen der "TK Hausarzt-Tour" durchs Ländle gefahren: eine Mischung aus Informationsveranstaltung und Werbung für das Arbeiten auf dem Land.

Im Main-Tauber-Kreis, in dem Bad Mergentheim liegt, sieht es kaum anders aus als in ganz Baden-Württemberg: Knapp ein Drittel der Hausärzteschaft ist über 60 Jahre, kaum jeder Vierte (24 Prozent) ist unter 50 Jahre.

Nachwuchs ist dringend gesucht. Also legte sich Jochen Müssig, Dezernent im Main-Tauber-Kreis, im Angesicht des potenziellen Hausarztnachwuchses ins Zeug: 23 Weltmarktführer zähle man im Landkreis, bei einer Arbeitslosenquote von drei Prozent herrsche praktisch Vollbeschäftigung. "Hier ist auch der Erwerb eines Eigenheims noch finanzierbar!"

Bauplätze: für Hausärzte billiger!

Da wollte sich Uwe Hehn, Bürgermeister von Creglingen nahe Bad Mergentheim, nicht lumpen lassen. Die Ansiedlung von Ärzten sei Chefsache, sagte Hehn in Richtung der sechs Studierenden, die teilweise erst Mitte oder Ende der nächsten Dekade mit ihrer Weiterbildung in der Allgemeinmedizin fertig sein werden.

Die Preise für einen Bauplatz lägen bei 30 bis 70 Euro pro Quadratmeter. "Aber Sie bekommen das hier billiger!"

Der in Bad Mergentheim niedergelassene Hausarzt Dr. Adalbert Weber warb auf fachlicher Ebene für seinen Beruf - und beglückwünschte die Studierenden, sie hätten mit der Allgemeinmedizin eine "gute Wahl" getroffen. Er prognostizierte, der Gesetzgeber werde die Rolle von Hausärzten im Gesundheitswesen weiter aufwerten.

"Wir sind vielseitig und spezialisiert auf den ganzen Menschen", sagte Weber. Der Allgemeinarzt ist seit 1990 niedergelassen, hat eine Einzelpraxis und ist breit aufgestellt als Fliegerarzt und in der Kurmedizin. Früher habe er bis zu 40 Mal im Jahr Bereitschaftsdienste schieben müssen. Nach der Strukturreform durch die KV seien es noch sieben Dienste.

Studenten haben andere Vorstellungen vom Beruf

Also alles paletti für die Niederlassung? Die Studierenden zögern. Zunächst sei es gut, dass es für junge Ärzte immer mehr Anstellungsoptionen gibt, sagt Alexander Bott, der in Heidelberg studiert und bald mit seinem Praktischen Jahr startet.

Anne Maja Friemann aus Bonn kann sich das Dasein als Einzelkämpferin in einer Praxis gar nicht vorstellen. Bloß nicht alles alleine bestreiten müssen – die Arbeit in einem Team sei ihr wichtig. Die fünf Kommilitonen nicken. Ihre Präferenzen decken sich vielfach nicht mit den Vorstellungen der älteren Hausarzt-Generation.

Andreas Vogt, Leiter der Landesvertretung der TK in Baden-Württemberg, stimmt den Nachwuchs auf eine Berufstätigkeit ein, bei der die Arbeit nie knapp wird. Trotz aller Bemühungen der Selbstverwaltung "werden künftig weniger Hausärzte mehr Patienten versorgen müssen", sagt er.

Doch ausgerechnet bei der Beschäftigungsoption, die dem Nachwuchs am meisten gefällt, liegt der Main-Tauber-Kreis hinten: Nur acht Prozent der Ärzte in der Region arbeiten angestellt, landesweit ist es jeder zehnte Mediziner.

Leben auf dem Land ist "keine Einöde"

Und wie steht es um das Arbeiten auf dem Land? Damit könnte sich Konstanze Hengelhaupt aus Lübeck im Fall von Bad Mergentheim grundsätzlich anfreunden. Hier bedeute das Leben auf dem Land nicht, dass man "in der Einöde wohnt".

 Für ihren Kommilitonen Christoph Behrmann aus Würzburg hat das Landleben Grenzen: Maximal binnen einer halben Stunde müsse man in einer größeren Stadt sein können, so seine Vorgabe.

Generell gilt, dass die Vorstellungen kommunaler Vertreter und die des Hausarztnachwuchses nicht unbedingt deckungsgleich sind. Arzt zu sein –  das sei im Ansehen der Menschen in Creglingen (4700 Einwohner) etwas Besonderes, schwärmt Bürgermeister Hehn.

Doch die jungen Hausärzte in spe wiegen die Köpfe – auf den Status des Hausarztes als Lokalprominenz legen sie später keinen gesteigerten Wert. Für Kommunen wird die Werbung um Hausärzte ein harter Kampf.

Nicht alle Regionen haben dabei so gute Karten wie Bad Mergentheim. In einer Umfrage der TK erklärte kürzlich jede zweite der 200 teilnehmenden Kommunen, die hausärztliche Versorgung werde sich in den kommenden fünf Jahren verschlechtern.

[17.08.2016, 09:58:12]
Dr. Henning Fischer 
"... Berufstätigkeit ..., bei der die Arbeit nie knapp wird ..."

aber das Geld.

In der KVWL zahlen die Krankensparkassen lediglich 62% der erbrachten Leistungen. In BaWü vielleicht etwas mehr.

Und

die Allgemeinmedizin ist eine Einbahnstraße in den Kassenarztkäfig.

Das will sehr gut überlegt sein!
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