Ärzte Zeitung online, 26.08.2016

Krux mit der Diagnose

Aufhören oder Weitermachen?

Dr. Jessica Eismann-Schweimler absolviert derzeit ihre Weiterbildung. Sie fragt sich: Kann ich einen eingeschlagenen diagnostischen Pfad abbrechen? Oder ist Nichtstun manchmal doch die bessere Wahl?

"So Schatz, wir müssen jetzt gehen. Komm, leg das Lego zur Seite." Es passiert nichts. "Wir müssen jetzt los, komm bitte." Das Spiel ist zu fesselnd, meine Tochter kann jetzt nicht aufhören.

Eine einmal begonnene Handlung abzubrechen fällt Dreijährigen noch sehr schwer. Da bleibt den Großen nichts weiter übrig, als dafür zusätzliche Zeit in den Alltag mit einzuplanen.

Aber mal ganz ehrlich, Erwachsenen fällt es auch nicht gerade leicht, eine Tätigkeit abzubrechen. Ich finde es befriedigend, eine Sache von Anfang bis zum Ende durchzuziehen.

Dr. Jessica Eismann-Schweimler

          Aufhören oder Weitermachen?

© Antoinette Steinmüller

Dr. Jessica Eismann-Schweimler ist Weiterbildungsassistentin in einer allgemeinmedizinischen Praxis, 36 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Sie ist seit elf Jahren Ärztin und bloggt für die „Ärzte Zeitung“ über die Höhen und Tiefen der verschiedenen Weiterbildungsabschnitte auf dem Weg zum Allgemeinmediziner sowie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Genug ist genug?

Beruflich habe ich das Problem des Abbrechens an ganz anderer Stelle: Kann ich einen eingeschlagenen diagnostischen Pfad abbrechen? Wie berate ich den Patienten: diagnostizieren, wenn ich danach nicht behandeln würde oder möchte?

Ganz konkret: Mein erster Chef in der stereotaktischen Neurochirurgie vor vielen Jahren sagte immer, er würde seinen Kopf nie in ein MRT stecken, nachher fände man dort einen Fleck und da der Neuroradiologe keinen histologischen Befund erstellen könne, bliebe zur endgültigen diagnostischen Klärung nur eine cerebrale stereotaktische Serienbiopsie.

So selten dieses Beispiel auch sein mag, es zeigt doch in seiner krassen Konsequenz das Dilemma: Wenn man einmal einen pathologischen Befund erhoben hat, fällt es schwer, diesem nicht weiter auf den Grund zu gehen.

Und in der Vorsorge? In der Beratung in der Gesundheitsuntersuchung (Check-Up 35) spreche ich mit den Patienten über weitere Vorsorgemöglichkeiten wie zum Beispiel den PSA-Wert. Wenn er bestimmt wird, könnte sich natürlich zeigen, dass er erhöht ist. Den PSA-Wert kann man dann regelmäßig kontrollieren, schließlich gibt es einige Faktoren, die ihn beeinflussen.

Ein Dilemma...

Und wenn er erhöht bleibt? Schicke ich den Patienten zum Urologen. Findet dieser ein sonografisch verdächtiges Areal, wird biopsiert oder gar reseziert. Vielleicht habe ich dem Patienten damit geholfen, vielleicht handelt es sich um ein Prostatakarzinom, das nie klinisch in Erscheinung getreten wäre - oder vielleicht war der Test falsch positiv.

Wäre es also besser, den PSA-Wert gar nicht erst zu bestimmen? Oder entlang des diagnostischen Pfads abzubrechen? Ich muss natürlich den Patienten entscheiden lassen, aufgrund der Komplexität des Themas kommt es aber auch auf meine Aufklärung an.

Als Fazit bleibt: Manchmal ist es leichter, gar nichts zu tun als abzubrechen - manchmal ist es einfacher, weiter zu machen als aufzuhören. Etwas abzubrechen scheint mir immer das Schwerste zu sein. So gesehen beschließe ich, meine Tochter noch etwas Lego spielen zu lassen und erst in fünf Minuten loszugehen.

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