Ärzte Zeitung, 02.03.2010
Integrale Heilkunst soll helfen, einem Burn-out vorzubeugen
Ärzte stellen an sich selbst oft sehr hohe
Erwartungen, an denen manche im Klinik- oder Praxisalltag fast
zerbrechen. Damit es erst gar nicht soweit kommt, haben die
Oberberg-Kliniken ein neues Konzept entwickelt.
Von Ina Harloff

Besonders Ärzte sind anfällig für ein Burn-out. © Galina Barskaya / fotolia.com
Seit Jahren werden in den Oberbergkliniken erfolgreich
Ärzte und Ärztinnen mit Burn-out-Syndrom behandelt.
Im April vergangenen Jahres wurde die Oberberg Akademie
gegründet. Sie bietet Präventivseminare an, in denen
von Anfang an ein erweitertes Grundverständnis vom Arztberuf
vermittelt werden soll. So sollen die Seminarteilnehmer und
-teilnehmerinnen frühzeitig für die Gefahren eines
Burn-outs sensibilisiert werden.
Bis zu 30 Prozent der Ärzte vom Burn-out betroffen
Mit Schlaf- und Konzentrationsstörungen
fängt es an. Nach und nach werden die eigene Gesundheit sowie
das Privat- und Familienleben völlig vernachlässigt.
Irgendwann kommen körperliche Beeinträchtigungen
hinzu. Der Betroffene fühlt sich völlig ausgebrannt.
Depression oder Abhängigkeitserkrankungen sind oft die Folge.
"Etwa 20 bis 30 Prozent der Ärzte leiden irgendwann in ihrem
Berufsleben unter dem Burn-out-Syndrom", sagt Professor Götz
Mundle, ärztlicher Direktor der Oberbergkliniken, die sich auf
die Behandlung von Menschen mit Burn-out,
Abhängigkeitserkrankungen, Depression und Angst spezialisiert
haben.
Für ihn ist es nicht verwunderlich, dass gerade
Ärzte besonders anfällig für Burn-out sind.
Der Leistungsanspruch bei den Ärzten und Ärztinnen
sei oft übersteigert, erklärt Mundle. Dabei sei es
nicht besonders hilfreich, dass die Rahmenbedingungen immer schwieriger
werden. Die Anforderungen im ärztlichen Berufsalltag wachsen
stetig. Hinzu komme, dass Ärzte und Ärztinnen zwar
hoch kompetent seien, wenn es darum gehe, anderen zu helfen. "Wir
wissen aber oft nicht, wie wir uns um uns selbst kümmern
können", sagt Mundle. In der Therapie sollen die
Ärzte und Ärztinnen unter anderem lernen, aus ihrer
Helferposition herauszugehen und zu akzeptieren, dass sie nicht der
Experte für ihre eigene Gesundheit sind.
Damit es gar nicht erst zur Therapie kommen muss, will man in
der Oberberg Akademie Integrale Heilkunst unter anderem ein erweitertes
Grundverständnis vom Arztberuf mit seinen schönen,
aber auch schwierigen Seiten vermitteln. Die Seminarteilnehmer sollen
so sensibilisiert werden, dass sie selbst in der Lage sind, Warnzeichen
früh zu erkennen und dem Burn-out vorzubeugen. Dafür
soll in einem ersten Schritt das Bewusstsein vermittelt werden, dass es
im Arbeitsalltag bestimmte Grenzen gibt. Die Ärzte sollen
lernen, ein gesundes Gespür für sich selbst, ihren
Körper und ihre Emotionen zu entwickeln und sich immer wieder
zwischendurch Momente der Stille zu gönnen.
In den Seminaren wird auch die Gender-Perspektive
berücksichtigt. Wie wirkt sich die Rolle, die von der
Gesellschaft dem jeweiligen Geschlecht zugeschrieben wird, auf den
Arbeitsalltag aus? Mit welchen spezifischen Problematiken haben es
Männer und Frauen zu tun?
"Bei den Ärzten ist es häufig so, dass sie
wenig bewusst mit ihrer eigenen Gesundheit umgehen", sagt die
Psychotherapeutin Dr. Astrid Bühren. Sie ist
Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes und im
Vorstand des Hartmannbundes. Ärztinnen hingegen
hätten oft mit ihrer Doppelrolle als Mutter und
Berufstätige zu kämpfen.
"Für Frauen bedeutet Familie meistens eine
Extra-Verantwortung. Sie erleben diese nicht nur als Ausgleich zum
Beruf, sondern auch als zusätzliche Herausforderung", meint
Bühren, die auch bei Workshops der Oberberg-Akademie als
Referentin gefragt ist. Hinzu komme, dass Familie oft der Grund sei,
warum Frauen im Arztberuf nicht gleichberechtigt gefördert
werden. "Ein Mann mit vier Kindern wird von der Gesellschaft als
besonders verantwortungsvoll eingeschätzt.
Wann bin ich und wann sind die Bedingungen schuld?
Hat eine Frau mehrere Kinder, wird befürchtet, dass
sie häufig ausfällt", sagt Bühren. Den
Ärztinnen soll in den Seminaren das Bewusstsein dafür
vermittelt werden, dass nicht sie und ihre Schwäche das
Problem sind, sondern die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen. "Die
sind oft wenig familienfreundlich", bemängelt Astrid
Bühren. Sie plädiert deshalb unter anderem
für eine familienfreundlichere Haltung und geeignete Angebote
seitens der Arbeitgeber.
Konzept nach Maß -
Oberberg-Kliniken
Die privaten Oberbergkliniken verfolgen ein therapeutisches
Konzept, das besonders auf die Bedürfnisse sehr
leistungsorientierter, häufig selbstständig
arbeitender Personen zugeschnitten ist. Ihnen soll eine intensive und
zeitsparende Therapie angeboten werden, die eine schnelle
Rückkehr ins Berufsleben ermöglicht.
Gegründet wurden die Kliniken 1988 von Professor Matthias
Gottschaldt, einem Arzt, der selbst unter einem Burn-out-Syndrom und
einer daraus resultierenden Alkoholabhängigkeit litt.
www.oberbergkliniken.de
Oberberg-Akademie Integrale Heilkunst
Die Oberberg Akademie Integrale Heilkunst versteht sich als
Lehr- und Erfahrungsort zugleich. In ihrem Curriculum kombiniert sie
die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch
Vorträge, Referate, Einzel- und Gruppenarbeit mit Phasen der
Stille und Meditation. Ab Herbst wird die Akademie ein postgraduales
Weiterbildungscurriculum über die Dauer von 18 Monaten
für akademische Berufe aus dem Gesundheitswesen,
Ärzte, Psychologen, Therapeuten und medizinisches Fachpersonal
anbieten.
www.oberberg-akademie.de
info@oberberg-akademie.de

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