Ärzte Zeitung, 29.03.2011

Familiäre Atmosphäre soll Patienten locken

Jeder vierte Klinikpatient in Hamburg kommt aus dem Umland. Die Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg will den Spieß umdrehen und Hamburger Patienten in die Peripherie locken.

Von Dirk Schnack

Familiäre Atmosphäre soll Patienten locken

Die persönliche Zuwendung der Ärzte wird von Patienten geschätzt. Darauf setzt die Paracelsus-Klinik vor den Toren Hamburgs.

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HENSTEDT-ULZBURG. Das Krankenhaus aus dem Paracelsus-Konzern weiht in diesen Tagen seinen Neubau in Henstedt-Ulzburg ein.

Damit soll nicht nur die Zusammenlegung mit dem konzerneigenen Standort Kaltenkirchen abgeschlossen, sondern zugleich ein neues Kapitel aufgeschlagen werden: Henstedt-Ulzburg sieht sich als Anlaufadresse für Patienten aus dem dreißig Kilometer entfernten Hamburg. "Unser mittelfristiges Ziel ist es, dass jeder vierte Patient aus Hamburg kommt", sagt Chefarzt Dr. Tobias Zeiser im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Drei Hamburger Hebammen entbinden in der Klinik

Zeiser und sein Verwaltungschef Matthias Stulpe-Diederichs wissen, dass die großen und bestens ausgestatteten Kliniken in der Hansestadt nicht wegen eines Krankenhauses in der Provinz zittern müssen. Doch die Klinik vor dem nordwestlichen Stadtrand Hamburgs kann außer mit einem Neubau und renommierten Chefärzten auch mit guten Verbindungen in die Hansestadt punkten.

Die Geburtshilfe etwa profitiert von der Zusammenarbeit mit drei Beleghebammen aus Hamburg, die ihre Frauen in Henstedt-Ulzburg entbinden lassen. "Die fühlen sich im kleinen Henstedt-Ulzburg besser aufgehoben als in großen anonymen Zentren.

Sie merken, dass Größe kein Zeichen für Qualität ist", sagt Zeiser. Allein die drei Hamburger Beleghebammen sorgen in diesem Jahr für rund 50 Geburten in Henstedt-Ulzburg.

Die Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg

Mit dem 28 Millionen Euro teuren Neubau der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg wird zugleich der stationäre Betrieb im benachbarten Kaltenkirchen eingestellt.

In Henstedt-Ulzburg stehen 180 Betten in 80 Zimmern zur Verfügung. 530 Mitarbeiter arbeiten in der Klinik. An den beiden Standorten wurden zuletzt rund 12000 Patienten stationär und die gleiche Zahl ambulant versorgt, hinzu kamen 2300 ambulante Operationen. Im Kaltenkirchener Klinikgebäude soll auch weiterhin Medizin stattfinden.

Neben den vier Praxen, die bislang schon dort gearbeitet haben, sollen neue einziehen. Paracelsus denkt auch über teilstationäre Angebote nach. Neben der Klinik in Henstedt-Ulzburg soll ein neues Ärztehaus mit sechs Praxiseinheiten entstehen.

Das Plus der familiären Atmosphäre will die Klinik künftig im Wettbewerb mit den Hamburger Kliniken stärker herausstellen. Zum Vergleich: Hamburger Kliniken kommen zum Teil auf über 2000 Geburten im Jahr. In Henstedt-Ulzburg entbanden im vergangenen Jahr 800 Frauen, für dieses Jahr erwartet Zeiser 850.

Für das Jahr 2025 hat die Klinik das Ziel von 1200 Geburten formuliert - das wird nicht ohne größeren Andrang aus Hamburg erreichbar sein. Bislang kommt aber noch nicht einmal jeder zehnte Klinikpatient in Henstedt-Ulzburg aus Hamburg.

Zeiser erwartet aber, dass sich das Angebot im Randgebiet herumspricht. Außerdem sieht er nach der Zusammenlegung von drei Klinikstandorten zum Diakonie Klinikum im Hamburger Norden eine Lücke, von der auch sein Haus profitieren könnte. Auch andere Klinikabteilungen suchen nach besseren Kontakten in der Hansestadt. Die Chirurgie etwa könnte über die Hamburger Sportvereine bekannter werden.

Verwaltungschef Stulpe will mehr Zeit für persönliche Zuwendung zwischen medizinischem Personal und Patienten in seinem Haus ermöglichen, indem in patientenfernen Bereichen mit modernster Technik und damit Zeit sparend gearbeitet wird. Zugleich hoffen er und Zeiser auf eine engere Zusammenarbeit mit niedergelassenen Hamburger Ärzten.

Schulungen für Praxen sollen Bekanntheit erhöhen

Diese Strategie erfordert allerdings Geduld, wie etwa das ausufernde Fortbildungsangebot Hamburger Kliniken zeigt. Mit zusätzlichen Angeboten werden sie sich nur schwer von der Konkurrenz abheben können. Henstedt-Ulzburg versucht es über Kontakte zu den Praxismitarbeiterinnen, von denen gerade 40 zu einer Schulung kommen - zehn davon aus Hamburg.

Übersteigerte Erwartungen hat die Klinik nicht, auch nicht in der Geburtshilfe. Denn einen Standortnachteil wird das Haus bei alteingesessenen Hamburgern trotz moderner Technik, familiärer Atmosphäre und auch mit guten Kontakten nie ausgleichen können, wie Zeiser bemerkt: "Der Ur-Hanseat legt Wert darauf, dass sein Kind Hamburg als Geburtsort im Personalausweis stehen hat. Das können wir nicht bieten."

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